Neu im Plattenschrank: Februar 2014

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Neneh Cherry – Blank Project

Label: Smalltown Super Sound/Rough Trade VÖ: 2014

Es scheint das Jahr der Comebacks zu sein beziehungsweise zu werden. Nun also auch Neneh Cherry. 18 Jahre sind seit „Man“, ihrem letzten richtigen Solo-Album, schon ins Land gegangen. Zwar war die Gute in der Zwischenzeit beileibe nicht untätig, aber, wir geben es zu: Wir haben sie doch vermisst. Was aber hat die Schwedin dazu bewegt, wieder solo durchzustarten? Auslösendes Moment war leider ein tragisches Ereignis: Der Tod ihrer Mutter Moki 2009. Dieser hinterließ bei Neneh Cherry eine große Leere. Das Schreiben geriet zu einer Art Therapie, mit „Blank Project“ liegt nun das Ergebnis vor. Minimal-Elekrop-Pop mit vielen Schattierungen: HipHop, Soul, Jazz, TripHop, Rock, Gospel, Tribal Drums. Cherry ist sich treu geblieben – und lässt sich weiterhin in keine Schublade stecken. Produziert wurde das Ganze von Kieran Hebden (Four Tet), mit ihm nahm Cherry das Album in einer alten Kirche in Woodstock auf. Und obwohl sie mittlerweile auf die 50 zugeht, spürt man immer noch diese Jugendlichkeit, wie man sie von „Raw like Sushi“ kennt. Übrigens: Auf „Out of the Black“ singt Cherrys Landsfrau Robyn mit.

Fazit: Kaufempfehlung!

Anspieltipps: Across The Water, Naked, Everything

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Champs – Down Like Gold

Label: PIAS VÖ: 2014

Folk Pop von der Isle of Weight: Die Brüder Michael und David Champion von der Südküste Großbritanniens mögen es eher schlicht. An „Down like Gold“ ist nichts Aufgebrezeltes, nichts Pompöses – und gerade das ist es, was dieses Werk so spektakulär macht. Stattdessen halten es die Champs eher mit harmonischem Gesang im Stile der Fleet Foxes oder, wenn wir noch weiter zurück gehen, Simon & Garfunkel oder auch der Beach Boys. Aufgenommen wurde das Album übrigens im Studio Humbug, das sich in einem alten Wasserturm im Norden der Insel befindet. Das perfekte Album für einen kalten Wintermorgen.

Fazit: Läuft gerade in Dauerschleife.

Anspieltipps: Too Bright to Shine, St Peters

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The Jezabels – The Brink

Label: PIAS VÖ: 2014

Dass die Australier etwas drauf haben, ist seit ihrem Albumdebüt „Prisoner“ ja hinlänglich bekannt. Einfach so wird man ja auch nicht Support Act bei Hochkarätern wie Depeche Mode. Muss man schon was können. Trotzdem: Das zweite Album ist immer eine schwere, undankbare Angelegenheit. Weil: Erwartungshaltung beim Publikum ist meist unverschämt groß. Mit „The Brink“ legt die Electro-Pop-Band aus Down Under nun eben dieses undankbare Zweite nach – und enttäuschen nicht. Auch, weil sich der Sound der Band gegenüber „Prisoner“ nicht dramatisch verändert hat. Was in diesem Fall eine gute Sache ist. Eingängige Melodien, kräftige Gitarren, zarte Streicher – die Band inklusive Produzent Dan Grech-Marguerat haben vorzügliche Arbeit geleistet.

Fazit: Kaufempfehlung

Anspieltipps: The End

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Fanfarlo – Let’s go extinct

Label: New World Records VÖ: 2014

Existenzielle Fragen stehen bei den Indie-Poppern von Fanfarlo auf ihrem neuen Album „Let’s go extinct“ im Vordergrund. Allerdings nicht in einer Form, die einen beim Hören schwermütig und trübsinnig werden ließe, nein, das Album ist trotz seines roten Fadens erstaunlich easy on the ears. Veträumte und aufwendige Arrangements, dreampoppige Synthesizer, eingängige Refrains, eine gute Mischung aus schnelleren Rock-Nummern sowie langsamen Stücken machen das dritte Album der Londoner Combo um Sänger und Songwriter Simon Balthazar zu einer runden Sache – und beweisen deren musikalische Vielfältigkeit.

Fazit: Unbedingt reinhören.

Anspieltipp: A Distance

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Sons of the Sea – Sons of the Sea

Label: Avow Records/Membran VÖ: 2014

Die Stimme mag dem einen oder anderen vertraut vorkommen. Na? Richtig. Hinter „Sons of the Sea“ verbirgt sich nicht weniger als das Solo-Projekt von Brandon Boyd, seines Zeichens Frontmann der Rocker von Incubus. Boyd hat sich für „Sons of the Sea“ mit dem Produzenten Brendan O’Brien zusammengeschlossen, der schon für illustre Namen wie Pearl Jam, Bruce Springsteen oder Rage Against the Machine gearbeitet hat. Herausgekommen ist ein Werk, das Boyd selbst als „Oddball Pop“ beschreibt – geprägt von einer gewissen Verspieltheit, ohne dabei aber wahnsinnig experimentell zu sein. Boyds Stimme klingt auf „Sons of the Sea“ fantastisch. Hardcore-Incubus-Fans könnten mit dem sehr poppig geratenen Album allerdings so ihre Probleme haben. In Europa erscheint die Scheibe mit drei Bonus-Akustik-Songs.

Fazit: Überraschend poppig und leicht zugänglich.

Anspieltipps: Jet Black Crow, Come Together

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Pillar Point – Pillar Point

Label: Polyvinyl/Cargo VÖ: 2014

Herzschmerz, Einsamkeit, Isolation und das Altern als solches – das sind die Themen, denen sich Scott Reitherman auf seinem neun Titel umfassenden Debüt „Pillar Point“  widmet. Trotz aller Schwermütigkeit ist das Album vor allem eins: tanzbar. „Melancholy Electronica“ nennt der Bay Area native seinen Stil, dem Tanzen schreibt er eine beinahe kathartische Wirkung zu. Dancing With Tears in My Eyes 2.0 sozusagen. Ein bisschen klingt dieses Synthie-Werk wie das, was die frühen Depeche Mode so getrieben haben. „Das Schreiben dunkler Songs mit Tanzelementen hat geholfen, die Verwirrung, den Wandel zu verarbeiten, den ich in meinem eigenen Leben erfuhr“, so Reitherman. Der autobiografische Ansatz verleiht den Songs eine gewisse Tiefe. Reitherman: „Sonst wäre es nur schlicht Tanzmusik.“

Fazit: Erfrischender Kontrast zwischen Melodien und Lyrics.

Anspieltipps: Eyeballs, Cherry, Black Hole

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Lake – Wings of Freedom

Label: Mad as Hell Productions VÖ: 2014

Es ist schon ein paar Montage, seit die deutsch-amerikanische Rock-Combo Lake ihre großen Erfolge hatte. In den Siebzigern war das. Seither ist viel passiert, Sänger James Hopkins-Harrison verstarb 1991 an einer Heroin-Überdosis. Mittlerweile steht sein Vorgänger Ian Cussick wieder am Mikro, und mit „Wings of Freedom“ wagt die Band nun wieder mal ein Comeback. Zehn neue Songs finden sich auf dem Silberling und sie stellend das dar, was man von Lake gewohnt ist: Satter Rock, eingängige Riffs und dröhnender Hammon-Sound. Wichtig: Cussick überzeugt als neuer Leadsänger. Trotzdem ein Bonbon für Alt-Fans: Auf „Nightbird“ wird eine der letzten Gesangsaufnahmen von Hopkins-Harrison verwendet

Fazit: Nicht nur für alte Rock-Zausel.

Anspieltipps: Die Just a Little, Nightbird

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Pascow – Diene der Party

Label: Rookie VÖ: 2014

Müsste man die Musik von Pascow mit einem Fußballspieler gleichsetzen, man würde sie bestimmt nicht mit dem eleganten Techniker Zinedine Zidane assoziieren, eher wohl mit dem arbeitenden Kämpfer Gennaro Gattuso. Auf ihrem fünften Album „Diene der Party“ spielen die vier Musiker aus Gimbweiler wie auf ihren bisherigen Alben ohne viel Schnörkel, dafür aber schnell, hart und den entscheidenden Pass in die emotionale Tiefe. Fast schon überfallartig sind die 15 Songs, die keine Zeit zum Luftholen lassen. Beispiel gefällig: „Verratzt“ hat eine Spieldauer von 40 Sekunden und auch die restlichen Lieder meiden die unnötige Verlängerung. Dabei zeigen sich Pascow in einigen Stücken von einer ganz neuen „Saite“: Verspielte Gitarrensoli wie bei „Smells like twen spirit“ oder die beat- und basslastigen Dance-Punk-Einflüsse bei „Castle Rock“, Zwickau sehen und sterben“ oder dem Titelsong „Diene der Party“. Dazu kommt die kratzige Stimme von Sänger Alex, der immer kurz vor der Eskalation zu stehen scheint. Pascow haben ihren Stil verfeinert, ohne dabei ihre Direktheit und Kratzbürstigkeit verloren zu haben. Eine klare Steigerung zu ihren letzten beiden großartigen Alben „Alles muss kaputt sein!“ (2010) und „Nächster Halt gefliester Boden“ (2008).

Fazit: Kurzweilig

Anspieltipps: Diene der Party, Smells like Twen Spirit, Fluchen und Fauchen

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Peggy Sue – Choir of Echoes

Label: PIAS VÖ: 2014

Ehrgeizig sind sie ja: Rosa Slade, Katy Young und Olly Joyce haben, bevor sie dereinst einen Plattenvertrag erhielten, quasi im Akkord EPs veröffentlicht: ein alter Song, ein neuer und dazu ein Cover. Den Vertrag haben sie mittlerweile und damit eine Plattform, ihren Indiefolk unters Indie-Volk zu bringen. Und die nutzen sie gekonnt: Rumpelnde Drums, komplexe Melodien, große Spielfreude, den Fokus auf die Stimmen gelegt – so lässt sich „Choir of Echoes“ wohl am besten zusammenfassen. Die Band aus Brighton überzeugt, klingt poppiger denn eh und je – und schickt sich an den Beweis anzutreten, dass sie nicht nur eine Folkband unter vielen sind.

Fazit: Beschwingt.

Anspieltipps: Just the Night, Substitute

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The Sigourney Weavers – Passenger (Single)

Label: Rookie Records/Cargo VÖ: 2014

Diese Band hat alleine schon aufgrund ihres Names dicke Pluspunkte bei uns. Ghostbusters-Fans, die wir hier alle sind (Einstellungsvoraussetzung bei neon-ghosts.de), könnte der Name nur durch „The Bill Murrays“ noch getoppt werden. „Passenger“ ist sozusagen ein Appetizer der schwedischen Combo, das Album der Band soll im Sommer 2014 erscheinen. Robert Jansson (Gesang & Gitarre), Thomas Liljekvist (Gitarre), Erik Arnberg (Orgel & Percussion), Johan Hjelm (Bass) und Peter Larsson (Schlagzeug) lassen es mächtig krachen, und klingen dabei ein bisschen wie eine Mischung aus The Offspring, The Killers und den Foo Fighters. Was nichts Verwerfliches ist.

Fazit: Vorfreude!

Anspieltipp:

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Hanggai – Baifang

Label: Harlem Recordings VÖ: 2014

Machen wir gern mal: Über den Tellerrand hinausblicken und abseits der üblichen Pfade Interessantes und Exotisches aufspüren. In unseren letzten Ausgaben haben wir den Blick etwa mal nach Afrika schweifen lassen, diesmal wagen wir den Blick nach Asien. Genauer gesagt: in die Mongolei. Entdeckt haben wir dabei „Hanggai“, eine 2004 gegründete Combo, die Rockmusik und Folk mit traditioneller mongolischer Musik kombiniert – und dabei ganz interessante Crossover-Resultate erzielt. Für westliche Ohren etwas gewöhnungsbedürftig. Das Talent der Truppe hat sich mittlerweile herumgesprochen, die Band ist auf den großen Festivals längst gern gesehener Gast.

Fazit: Interessanter Ansatz, aber fragt uns bloss nicht nach den Lyrics.

Anspieltipps: Tavan Hasag, Miss Daughter

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Lydia Loveless – Somewhere Else

Label: Blood Shot Records VÖ: 2014

Mit „Somewhere Else“ legt die amerikanische Singer/Songwriterin Lydia Loveless ihr nunmehr drittes Album vor. Nach ihrem zweiten Album „Indestructible Machine“ noch als „hillbilly punk with a honky-tonk heart“ (Uncut) beschrieben, fällt es diesmal etwas schwerer, das neue Machwerk in eine Schublade zu zwängen. Fest steht: Das neue  ist auch ihr bisher bestes. In ihren eskapistischen Lyrics changiert Loveless zwischen „hart“ und „verletzlich“, ihr Sound vereint Country- und Rock-Elemene. Ab und an wird’s auch richtig schmutzig: „Honey, don’t stop giving me head“. Nuff said. Übrigens: Bei dieser Stimme fällt es schwer zu glauben, dass die aus Ohio stammende Sängerin erst 23 Jahre alt ist.

Fazit: Positiv

Anspieltipps: Wine Lips, Chris Isaak

Texte: Benjamin Fiege und Christian Rüger

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