Neu im Plattenschrank: Mai 2015

Paul-WellerPaul Weller – Saturns Pattern

Label: Parlaphone/Warner VÖ: 2015

Der Modfather ist zurück: Mit „Saturns Pattern“ veröffentlicht Paul Weller sein nunmehr zwölftes Solo-Album. Nicht, weil er es muss: Der gute Mann, Jahrgang 1958, hat sich mehr als bewiesen: Songs für die Ewigkeit geschaffen, Standards gesetzt, dem Britpop den Weg gewiesen, zwei großartige Bands gegründet – und doch scheint er rastlos. Gut für uns, denn Weller ist keiner, der immer wieder mit dem gleichen alten Zeug langweilt, sondern jemand, der sich ständig neu erfindet. So auch mit „Saturns Pattern“. Zwar greift er hier ein paar Muster der jüngsten Platten wieder auf – die psychedelische Stimmung, die Dub-Rhythmik und krautige Wiederholungen – dennoch kommt der Sound sehr frisch daher, weil Weller auch experimentiert: mit der Grooviness des R&B, mit Glam- und Space-Rock, retro-elektronischen Klangspektren – you name it. Weller schafft viele überraschende Momente auf dieser Platte: “Ich wusste, was ich nicht machen wollte, hatte aber auch keine Ahnung was wir eigentlich machen wollten. Ich wollte etwas Neues, Frisches hören und hatte keine Ahnung, was das sein sollte. Wie bei den meisten Alben nahm die Sache nach den ersten drei vier Songs Form an, entwickelte ein Eigenleben. Und das Ganze kam in Gang.” Manchmal will er da etwas zuviel, etwa, wenn er anscheinend alle Experimente in einen Song packt. Im Großen und Ganzen ist das aber mehr als stimmig. Da kennt jemand offenbar die Formel, wie man auch im fortgeschrittenen Alter relevant bleibt.

Fazit: Weller beweist sich einmal mehr.

Anspieltipps: In The Car, I’m Where I Should Be, Long Time

 

Róisín-Murphy_Hairless-toys-_BINARY_704093-237x237Róisín Murphy – Hairless Toys

Label: PIAS VÖ: 2015

In den vergangenen Jahren war Róisín Murphy aus dem Rampenlicht verschwunden. Acht Jahre liegen seit dem bis dato letzten Album zurück. Acht Jahre, in denen sich die irische Künstlerin vor allem ihrer Familie gewidmet hat, acht Jahre, in denen sie aber auch nicht völlig untätig war. Die eine oder andere Single ist erschienen, dazwischen arbeitete sie auch mal mit diversen anderen Musikern zusammen – etwa David Byrne oder Fatboy Slim. Wer nun befürchtet, dass die lange Alben-Pause Murphy geschadet hat, der irrt: Die Gute ist immer noch in touch mit der modernen Pop-Welt, wie „Hairless Toys“ eindrucksvoll beweist. Inspiriert wurde „Gone Fishing“, einer der Vorzeige-Tracks der neuen Platte der früheren Moloko-Sängerin, von „Paris Is Burning“, einem Film, der sich der New Yorker Drag Ball und seiner Subkultur widmet. Und so ist das Ding auch zu einer ebenso surrealen wie pointierten Erforschung einer ikonischen Bewegung geworden, die aber nicht nur inhaltlich, sondern auch musikalisch überzeugt. Insgesamt durchzieht das mit House, Jazz und Country-Blues versetzte Elektro-Album eine dunkle Atmosphäre – ein tanzbares Gegenstück zur gedankenlosen Disco-Mucke, die derzeit wieder verstärkt in die Charts strömt.

Fazit: Geglücktes Experiment.

Anspieltipps: Gone Fishing, Exploitation

 

1035x1035-MI0003835920Awolnation – Run

Label: Red Bull Records/Sony VÖ: 2015

Im vergangenen Jahr war erst mal Ruhe angesagt: 2014 zogen sich Awolnation nach der ausgiebigen Welttournee zu ihrem Gold-Album „Megalithic Symphony“ an die kalifornische Küste zurück, um an dem nun vorliegenden Nachfolger zu arbeiten. 14 Tracks sind so entstanden, allesamt aus der Feder von Frontmann Aaron Bruno. Ein großer Hit, wie seinerzeit „Sail“ (2011), fehlt auf der neuen Electro-Rock-Scheibe allerdings. Viele gute Ideen bleiben hier im Ansatz stecken, scheinen nicht zu Ende gedacht. „Blame it on my ADD“, könnte man frei nach „Sail“ über diese sehr impressionistische Herangehensweise dazu wohl sagen, die am Ende mehr ein technisches denn ein künstlerisches Statement setzt.

Fazit: Unterhaltsam, aber dann und wann auch fordernd.

Anspieltipps: Hollow Moon, Jailbreak, Headrest for my Soul

 

Bernard_Edith_JemBernard + Edith – Jam

Label: Bella Union/PIAS VÖ: 2015

Dark-Gospel, R&B, Folk, Electronica: der Sound von Bernard+Edith, eigentlich Greta „Edith“ Carroll und Nick „Bernard“ Delap aus Manchester, ist schon etwas eigenwillig. Ihr nun vorliegendes erstes Album „Jem“ ist der vorläufige Höhepunkt einer Zusammenarbeit, die schon seit den Teenager-Tagen der beiden andauert und ruft Erinnerungen an die Fleet Foxes, Fever Ray, Portishead, die Cocteau Twins oder David Lynch wach, aber auch an Kate Bush oder Beach House. Beinahe jeder Track wartet mit einer Überraschung auf – ein wunderbares Debüt.

Fazit: Spannend und intensiv.

Anspieltipps: Crocodile, Rosemary, China

 

file4-3My Morning Jacket – The Waterfall

Label: PIAS VÖ: 2015

Die siebte Platte von My Morning Jacket ist eine sehr spirituelle geworden. „Jedes Album trägt den Geist jenes Ortes in sich, an dem wir das Album aufgenommen haben“, erklärt Sänger Jim James. „Dieses Mal haben wir Stinson Beach gewählt. Wir fühlten uns wie im Himmel, ganz so als ob wir auf unserem eigenen Mond leben. Es war gleichermaßen eine psychedelische Erfahrung und doch arbeiteten wir völlig konzentriert.“ Dieser Strand in Kalifornien (den man aus Szenen aus dem Spielfilm „Basic Instinct“ kennt) hat als Quelle der Inspiration offenbar gewirkt: „The Waterfall“ offenbart einen großen Klangkosmos. Hier trifft Folk-Rock auf Pop, Synthesizer kommen zum Einsatz, es gibt große Rocksongs, Discoballaden, Soul-Nummern und 80s-Feeling. Genrewechsel, wie wir sie von My Morning Jacket kennen – und schätzen.

Fazit: Aufregend.

Anspieltipps: Only Memories Remain, Like A River, Tropics

 

snoop-dogg-bush-album-coverSnoop Dogg – Bush

Label: Sony VÖ: 2015

Back to business: Nach seinem Ausflug ins Reggae-Fach kehrt Calvin Broadus Jr wieder zurück zu seinen Wurzeln. Wir erinnern uns: Eine Weile reüssierte der Gute in Jamaika als Rastafari unter dem Namen Snoop Lion. Scheint nur eine Phase gewesen zu sein, mit seinem 13. Album wird aus dem Löwen wieder ein Hund – und die Themen sind auch wieder die alten, wie auch der Titel des Werks verrät: „Bush“. Die Vorzüge weiblicher Gesellschaft und, öhm, spezieller Kräutermischungen stehen also wieder im Vordergrund. Namhafte Unterstützung hat sich Snoop auch besorgt: Pharrell Williams stand am Mischpult; Charlie Wilson, Gwen Stefani, Rick Ross, Kendrick Lamar und, wow (!), Stevie Wonder waren auch mit von der Partie. Nicht zuletzt Wilson, Wonder und Williams sorgen für einen dominanten Seventies-Vibe. Und Snoop entdeckt den Sänger in sich: Selten waren seine Gesangsanteile auf seinen Alben höher als hier. Spricht für die melodische Qualität seiner Tracks. Und seinen Humor hat der Gute auch nicht verloren. Auf die Frage des Time-magazines, weshalb er in „Bush“ so viel old-school Funk und R&B eingearbeitet hat, antwortete Snoop Dogg lapidar: „There’s a void for that style of music“. Klar. Sind ja nicht die angesagtesten Trends im Pop der vergangenen Jahre.

Fazit: Wenn der Schuster zu seinen Leisten zurückkehrt, ist das nicht immer schlecht.

Anspieltipps: California Roll, Awake, R U A Freak

andreya-trianaAndreya Triana – Giants

Label: Counter Records/Ninja Tune/Rough Trade VÖ: 2015

Fünf Jahre ist es bereits her, seit die Londonerin Andreya Triana mit ihrem Debütalbum „Lost Where I Belong“ für Aufsehen sorgte. Nun ist die Sängerin mit der rauchigen Stimme mit ihrem zweiten Machwerk „Giants“ zurück. Der Titel lässt’s vermuten: Triana aims high, und so hört sich ihr Soul deutlich poppiger an als noch auf dem Vorgänger. Liegt wohl auch daran, dass sich Andreya für das Album die Dienste von Produzent Matt Hales gesichert hatte, der schon mit Paloma Faith und Lianne La Havas erfolgreich zusammengearbeitet hat. „Lullaby“ und „Gold“ geraten dann auch zu poppigen R&B-Tracks, mit denen sich Triana durchaus Mainstream-Meriten verdienen könnte. Trotz dieses Flirts mit der breiten Masse ist das Album glücklicherweise aber abwechslungsreich: „Heart In My Hands“ ist beispielsweise eine wunderschöne Gospel-Hymne geworden – und bei der Funk-Nummer „Keep Running“ zeigt die Musikerin, die vom „Evening Standard“ als eine der einflussreichsten Londonerinnen gefeiert wird, ihr ganzes Können.

Fazit: Langersehnt, endlich da. Hoffentlich dauert es bis zum Nachfolger nicht wieder fünf Jahre.

Anspieltipps: Gold, Heart In My Hands, Keep Running

 

bitnb Everclear – Black Is The New Black

Label: The End Records/ADA Global VÖ: 2015

Zwar haben Everclear seit 1995 sechs Alben veröffentlicht, aber eigentlich ist „Black Is The New Black“ der schlüssige Nachfolger zu „Sparkle & Fade“ aus eben jenem Jahr. Die Band um Art Alexakis, sie klingt heavier, dunkler und mehr balls-to-the-walls als jemals zuvor. „Hard rock, punk rock, big guitars that swallow me whole – I will never get over that“, gesteht Alexakis. Und das hört man raus. Balladen? Fehlanzeige. Hier geht’s um Gitarren, harte Riffs. Um Dunkelheit, textlich wie musikalisch, um sexuelle Ausbeutung und Drogenmissbrauch. Schonungslos ehrlich. Das erfrischt. Und das beweist, dass es Everclear immer noch drauf haben. Woran der eine oder andere nach einer langen Serie an Mißerfolgen der Combo in den 2000er Jahren wohl schon langsam gezweifelt haben mag.

Fazit: Catchy, aber komplex genug, um nie zu langweilen.

Anspieltipps: Sugar Noise, Complacent

 

unnamed-1-559x560Girlpool – Before The World Was Big

Label: Wichita/PIAS VÖ: 2015

Cleo Tucker (Gitarre) und Harmony Tividad (Bass) sind zwar in Los Angeles geboren und aufgewachsen, agieren aber mittlerweile von Philadelphia aus. Und ihr Sound passt gut zu dieser Stadt: Er ist roh und basiert nur auf einer Gitarre, einem Bass und Gesangsharmonien. Aus diesem Rohmaterial weben Cleo und Harmony den Klangteppich für ihre ebenso verletzlichen wie kraftvollen Lyrics. Eine erste Kostprobe vom Können des Duos konnte sich der geneigte Musikfan ja bereits im vergangenen Jahr machen, als die beiden mit „Girlpool“ ihre hochgelobte EP auf den Markt brachten. Daumen hoch hieß es da, unter anderem vom Rolling Stone und den New York Times. Nun also folgt mit „Before The World Was Big“ das Debütalbum. Die großen Themen darauf? Erwachsenwerden, Freundschaft, die Beziehung zwischen Umwelt und Identität, der Verlust der Unschuld. Wachstumsschmerz, vertont in zehn bittersüßen Tracks. “I just miss how it felt standing next to you wearing matching dresses before the world was big”, singt das  Introspective-Punk-Duo etwa im titelgebenden Track „Before The World Was Big“. Dabei ist die Welt doch für dieses talentierte Duo nicht genug … PS: „Chinatown“ kürten wir hier bereits zum „Video der Woche“.

Fazit: Absolute Kaufempfehlung.

Anspieltipps: Before The World Was Big, Chinatown, Ideal World

 

10981960_978291222184137_9068297075449357944_n-e1429631786232The Milk Carton Kids – Monterey

Label: Anti/Indigo VÖ: 2015

Alles beim Alten – das ist das Motto des nunmehr dritten The-Milk-Carton-Kids-Album „Monterey“. Immer noch kredenzt uns die hochtalentierte Combo einen wunderbaren Mix aus minimalistischem Folk und Country, der an den Sound von Simon & Garfunkel erinnert. Und während man bei vielen Bands in einer vergleichbaren Situation fehlende Weiterentwicklung anprangern würde, werden The Milk Carton Kids für ihre Konsequenz beklatscht. Und womit? Mit Recht. Der Harmonie-Gesang ist perfekt, das Fingerpicking wunderbar und das ganze Ding zeitlos. Elf Songs, geschrieben in Hotelbars und Coffeeshops, aufgenommen in leeren Theatern und der Downtown Presbyterian Church in Nashville. Ein On-The-Road-Album erster Güte. Vielleicht ein wenig zu glatt hier und da.

Fazit: Nie klang Stagnation besser.

Anspieltipps: Monterey, The City of Our Lady, Shooting Shadows

 

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Someone Still Loves You Boris Yeltsin – The High Country

Label: Polyvinyl/ADA VÖ: 2015

Ein bisschen kantiger, ein bisschen roher ist der Sound geworden, den die Indie-Rocker von Someone Still Loves You Boris Yeltsin für ihr neues Album gewählt haben. Phil Dickey erklärt den Sound so: „We’ve always cranked our amps up in practice and at shows, but we always kept it off our records. This time we wanted to go beyond our mid-tempo tendencies and make something really satisfying.“ Gut klingt die Band vor allem dann, wenn sie sich poppig geben. Ansonsten fehlt vielen Tracks der letzte Bums, die Drums sind eher schwach, die Stimme von Sänger Dickey auch eher ein Stimmchen, das hinter den Gitarren zurückstecken muss. Hat dann und wann ein bisschen was von Weezer. Na ja. Einzig „Step Brother City“ bleibt haften.

Fazit: Wenig überzeugend.

Anspieltipps: Step Bother City

 

14423-trueThe Legendary Tigerman – True

Label: India Records VÖ: 2015

Aufmerksame NEON-GHOSTS-Leser kennen Paulo Furtado aka The Legendary Tigerman möglicherweise aus einer unserer letzten My-Soundtrack-Ausgaben. Und erst im März kamen wir in den Genuss, seine EP „Do Come Home“ zu besprechen. Nun legt der in Mosambik geborene portugiesische Künstler mit „True“ direkt sein neues Album nach. Und Alben dieses hochtalentierten Blues-Musikers hören sich ja immer ein bisschen so an, als würde er einen mit auf einen Road-Trip durch die Welt des Schmerzes nehmen. Verkorkste, seelenlose Typen, wohin man schaut. Menschliche Dramen, das sind die Themen des Tigermannes. Das ist auch auf „True“ nicht anders, das Furtado übrigens in dem Lissaboner Studio aufgenommen hat, in dem schon die Fado-Legende Amália Rodrigues dereinst wirkte. Musikalisch bewegt sich das Ganze zwischen phantasievollem, manchmal schrägem Rock und ehrlichem Blues. Den haben die Portugiesen ja im Blut. Auch Cristiano Ronaldo soll übrigens ein Fan sein …

Fazit: Wenn Dunkelheit so schön klingen kann, soll es nie wieder hell werden.

Anspieltipps: Do Come Home, Wild Beast, Dance Craze, Rainy Nights

 

brianlopez_static-noise_1500x1500-e1431358003671Brian Lopez – Static Noise

Label: IMG India Records VÖ: 2015

2011 wurde der retro-psychedelische Kammerpop, den Brian Lopez auf seinem Debütalbum „Ultra“ offerierte, allseits beklatscht und von Kritikern bejubelt. Mit dem nun vorliegenden „Static Noise“ – ja, der Mann hat sich eben Zeit gelassen – distanziert sich der 31-jährige Lockenkopf – dessen Stimme gerne mit der Jeff Buckeys verglichen wird – jedoch vom Sound des erfolgreichen Vorgängers. Es darf nun deutlich dringender, rockiger sein. Lopez demonstriert auf dem Album seine Fähigkeit, härteren Drums leicht-fließende Songs gegenüberzustellen. Der Opener „Mercury in Retrogade“ etwa beginnt mit harten psychedelischen Riffs, die an den frühen Syd Barrett erinnern, und mündet in Walzerklänge. Oder „Modern Man“: Ein psychedelischer Rocksong, wie ihn Kula Shaker, The Coral oder The Temples spielen würden. „Mit „She’s Not There“, einer Coverversion des 1965er Hits der Zombies, hat Lopez nach Echo & The Bunnymen’s „The Killing Moon“ für „Ultra“ auch wieder ein Stück Rockgeschichte neu interpretiert. Zu den weiteren temporeicheren Songs zählen das perkussiv forcierte „I Don’t“ und das countryeske „Crossfire Cries“. Aber es gibt auch die für Brian Lopez typischen, relaxten Momente wie den Titelsong „Static Noise“, das mystische-düstere „World Unknown“ oder „Wrong Or Right“, eine dieser Liebesballaden, die keinen Hehl daraus macht, dass hier ein Fan von Roy Orbison singt.

Fazit: Starke Stimme.

Anspieltipps: Crossfire Cries, Persephone, Static Noise, She’s Not There

 

artworks-000089724145-rjl6x6-t200x200Barna Howard – Quite A Feelin‘

Label: Loose Music VÖ: 2015

Wenn man von jemandem behaupten kann, dass ihm Americana in die Wiege gelegt wurde, dann wohlmöglich von Barn Howard. Aufgewachsen ist der Singer-Songwriter in Eureka, einer Stadt des Mittleren Westens, wie sie typischer kaum sein könnte. Eine Stadt mit Charme. Charme, den sie aber über die Jahre hinweg eingebüsst hat. Das hat sie mit anderen Städten der Region gemein, in denen Kinderspielplätze irgendwann Wal-Marts gewichen sind. Irgendwann ist dann auch Howard gewichen. Er ist häufig umgezogen, mal um zu studieren, mal der Liebe wegen, mal auf der Suche nach sich selbst. Sein Debütalbum „Barna Howard“ hat sich mit dieser Phase beschäftigt und wurde von der Kritik hoch gelobt. Auf „Quite A Feelin'“ versucht der Gute nun an den Erfolg der ersten Platte anzuknüpfen, diesmal wird verstärkt das Thema „Heimat“ verhandelt. Es geht vor allem um das Eureka, das er einst liebte und lebte. Gefühlvoller Country und Folk, der auf nostalgischen Gefühlen aufbaut, einen gewissen Seventies-Vibe (das Artwork!) aufweist – und dem trotzdem eine gewisse Zeitlosigkeit inne wohnt.

Fazit: Schafft ein vertrautes Gefühl, als würde einem ein alter Folk-Troubadour Geschichten von damals erzählen.

Anspieltipps: Indiana Rose, Quite A Feelin‘

 

bearer_of_bad_news-1024x1024Andy Shauf – The Bearer of Bad News

Label: Tender Loving Empire/Cargo VÖ: 2015

Schon fast ein bisschen unheimlich, wie sehr Andy Shauf mit seiner hellen Stimme an den leider viel zu früh aus dem Leben geschiedenen Songwriter Elliott Smith erinnert. Auch wenn seine melancholischen Songs immer noch etwas mehr Sonne in sich wohnen haben wie die Lieder Smiths. Vier Jahre hat sich der Mann aus Saskatchewan Zeit genommen, um sein neues Album „The Bearer Of Bad News“ fertig zu stellen. Shauf zeigt dabei, welch großartiger Storyteller in ihm steckt. Mit fast zerbrechlich wirkender Stimme singt der Gute Geschichten über fast unfallartige Erfolge („Hometown Hero“) oder einen College-Coach, der bei einem Unfall verletzt wird, aber gleich wieder aufsteht und eine Zigarette qualmt. Es sind Alltagsgeschichten, die Shauf hier mit großer Warmherzigkeit verhandelt. Das Ganze untermalt mit Gitarre, Klavier und Klarinette, zarten Streichern und humorlosem Schlagzeug. Nüchtern, eindringlich – und trotz aller Melancholie auch irgendwie chillig.

Fazit: Songs? Fesselnde Kurzgeschichten!

Anspieltipps: Hometown Hero, Wendell Walker

 

hugoracespiritHugo Race & The True Spirit – The Spirit

Label: Glitterhouse/Indigo VÖ: 2015

Hugo Race und seine Band kehren mit ihrem zwölften Studioalbum – das erste nach sieben Jahren – zu ihren Wurzeln, dem Psychedelic Rock. „Industrial Trance Blues“ wird das Ganze genannt, das Race himself da in Melbourne produziert hat. Der Titel wird der Sache nicht ganz gerecht, kann er doch die vielen Feinheiten der Musik des Australiers – die Subtilität, die dunkle Erotik – nicht wirklich erfassen. Das Gründungsmitglied von Nick Cave & The Bad Seeds erschafft vielmehr seine eigene Klangwelt, in der Blues, Voodoo, Dub, Trip Hop, Industrial, Morricone Soundscapes, Psychedelia nebeneinander existieren. Race: „I see The True Spirit as connected to my original reasons for making music in the post-punk time, a kind of collision of influences that include the cosmic side of psychedelia, the analogue razor blade attacl of primal blues (ie – the 30s and 40s and early 50s), as well as soft sexy soul music and electronica. We’ve always felt comfortable outside the box of easy categorization and we’ve never hesitated to pull in streams and influences from the political or the spiritual, developing our personal obsessions and refining them down into something for the mind and body and soul.“ Nothing to add.

Fazit: Verführerisch.

Anspieltipps: Man Check Your Woman, Sleepwalker, Bring Me Wine

 

eot_cover_version_02-150x150Elephants on Tape – Different From Now

Label: Elephants on Tape VÖ: 2015

2011 findet sich die Herde langsam zusammen: Lisa Zwinzscher (Gesang, Gitarre) und Markus Rom (Gitarre) gründen Elephants on Tape. Auf der Suche nach musikalischen Weggefährten stoßen sie auf Patrick Schneider (Schlagzeug), Lukas Stodollik (Bass) und Robert K. Gemmel (Electronics), die die Band vervollständigen – und nun seit vier Jahren dafür sorgen, dass Emden nicht als alleinige Elefanten-Hochburg in Deutschland wahrgenommen wird, sondern Leipzig und Hamburg da nun ein gewaltiges Wörtchen mittröten. 2013 veröffentlicht die Band ihre erste EP „Ask the Moon“, Festival-Auftritte und deutschlandweite Touren folgen. Mit „Different From Now“ legt die Gruppe nun ihre zweite EP vor. In Eigenregie aufgenommen und produziert, bewegt sich die Gruppe gekonnt zwischen Indie-Pop, Trip Hop und Electronica – und über allem thront Zwinzschers äußerst wandelbare Stimme.

Fazit: Großartig.

Anspieltipps: Split, Different From Now

homepage_large.7a816739Nosaj Thing – Fated

Label: Innovative Leisure VÖ: 2015

Wenn Science-Fiction einen Soundtrack hätte, würde der möglicherweise von Nosaj Thing stammen. Dennoch ist „Fated“, das dritte Album des Produzenten Jason Chung, keine reine Zukunftsmusik, sondern eher eine Weiterentwicklung des Stils, den er bereits mit den Vorgängern etabliert hat. Chungs Sound ist merklich gereift und direkter geworden. Die 15 Tracks (Spieldauer: 34 Minuten) verschmelzen geradezu ineinander. Ebenso wie es die Genres Ambient und Hip-Hop hier tun. Das macht es schwer, einzelne Tracks hervorzuheben, ist aber auch nicht weiter schlimm. Man fühlt sich beim Hören fast in einen traumähnlichen Zustand versetzt, aus dem man durch das aprubte Ende von „2K“ jäh gerissen wurde. Soll nicht unterschlagen werden: Zwei nahmhafte Unterstützer sind auf „Fated“ ebenfalls mit an Bord: Chance The Rapper und Whoarei.

Fazit: Gelungenes Experiment.

Anspieltipps: A, Cold Stares, Medic

 

SDP_Zurueck_in_die_Zukunst_BIG_800SDP – Zurück in die Zukunst

Label: Berliner Plattenbau VÖ: 2015

Die bekannteste unbekannteste Band ist zurück – und landet mit ihrem neuen, ihrem siebten Album „Zurück in die Zukunst – Angriff der Riesenohrwürmer“ direkt mal eben auf dem zweiten Platz der deutschen Albumcharts. SDP führen ihre Hörerschaft diesmal kreativ-anarchistisch in den Weltraum (tolles, trashiges Artwork by the way). Die beiden Space-Cowboys Vince und Dag liefern ein grellen Mix aus Kunst, Kitsch und Übertreibung ab, der über die gesamte Spielzeit der Platte nie langweilig wird. Genregrenzen spielen dabei für das seit 1999 existierende Berliner Duo keine übergeordnete Rolle. Die beiden mäandern gekonnt zwischen Pop, Rock, HipHop, Rap, Reggae – und das garniert mit viel Wortwitz. Allrounder eben.
Fazit: Retter vor der Langeweile.
Anspieltipps: Kurz für immer bleiben, Erstmal ein Selfie!

image004-3Siyou ’n‘ Hell – Soulscape Screenshots

Label: Bassball Recordings VÖ: 2015

Gut fünf Jahre ist es jetzt her, dass die mit einer göttlichen Stimme gesegnete Gospel-Sängerin Siyou Isabelle Ngnoubamdjum und der Bassist Hellmut Hattler zusammenfanden. Bei gemeinsamen Gigs, die im ersten Album „Siyou Meets Hellmut Hattler“ mündeten, erkannten sie wie spannungsreich und zugleich harmonisch die Kollaboration dieser beiden Individualisten klingt. Für ihr nunmehr drittes Album „Soulscape Screenshots“ sind Hattler und Ngnoubamdjum wieder auf musikalische Entdeckungsreise gegangen und klingen dabei recht sonnig. Soul, Pop und Funk kredenzen uns die beiden da, sehr reduziert und einfach gehalten. Fast alle Stücke sind Eigenkompositionen. Denn sowohl Hellmut als auch Siyou haben sich auf Songideen des Gegenübers eingelassen. „Ich habe noch mal ganz andere Türen geöffnet und meine Komfortzone definitv verlassen – das ging richtig ans Eingemachte“, so Hattler. Siyou fügt hinzu: „Besonders gesanglich habe ich viel Neues ausprobiert und mich darin ganz neu erfahren – denn ich musste einen ungewohnten Kontrollverlust aushalten.“

Fazit: Nice.

Anspieltipps: Be Who You Are, Lovechild, Nono, Ain’t Messin ‚Round

 

JTaylor_40375-BTW_RGBAJames Taylor – Before This World

Label: Concord VÖ: 2015

Huch, James Taylor. Ist ja schon eine ganze Ecke her, seit uns der singende Songwriter mit Aufnahmen beglückt hat. 2002 war das, die Älteren werden sich erinnern. Nun legt Taylor, der in den Siebziger Jahren seine größten Erfolge feierte und über die Jahre fünf Grammys einheimste, endlich wieder neues Material nach. „Before This World“ heißt das neue Werk, das wohl der Schublade „Country-Pop“ zuzuordnen ist. Wieder trägt es ausdrücklich autobiografische Züge, wie der Künstler beteuert. Ein roter Faden, der sich seit seinen frühesten Aufnahmen durch die Werkschau Taylors zieht. Nice: Kein Geringerer als Sting steuert zum Titel-Track den Harmoniegesang bei, Yo-Yo Ma ist auf „You And I Again“ als Cellist zu hören.

Fazit: Taylor hat es immer noch drauf, auch wenn „Before This World“ nicht sein bestes Album ist.

Anspieltipps: Watchin‘ Over Me, Stretch of the Highway