Neu im Plattenschrank: März 2016

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Aurora – All My Demons Greeting Me As A Friend

Label: Universal VÖ: 2016

Aufmerksame Leser wissen: Vor kurzem wähnten wir Aurora bereits als kommenden Superstar. Dass sie durchaus das Zeug dazu hat, weist die junge Sängerin aus Bergen nun mit ihrem Debütalbum „All My Demons Greeting Me As A Friend“ nach. Aurora ist für den Musikliebhaber ein echter Glücksfall. Es ist ja an sich schon der pure Wahnsinn, dass die Talentscouts der großen Label die junge Dame in der geschäftigen Hafenstadt an der norwegischen Küste überhaupt entdeckten. Denn lange machte sie um ihre Leidenschaft, das Songwriting, ja ein großes Geheimnis. Ihre ersten Songs schrieb sie noch im Jugendzimmer ihres Elternhauses auf einem kleinen E-Piano, das sie mit sieben Jahren auf dem Dachboden gefunden hatte. Niemand sollte davon wissen, weder Freunde noch ihre Eltern. Irgendwann wagte sie sich dann doch, ihre Kunst einem Publikum zu offenbaren. Mit 15 Jahren trat sie trotz lähmendem Lampenfieber zum ersten Mal live in ihrer Schulaula auf. Gute Songs wollen, nein, müssen, eben gehört werden. Ein Track, den Aurora kurz vor Weihnachten für ihre Eltern geschrieben hatte, landete auf einer großen Streamingseite. Ihr heutiges Management wurde auf sie aufmerksam, kurz darauf die Musikindustrie. Mit den Produzenten Magnus Skylstad und Odd Martin Skalnes begann sie, an Songs zu feilen. Vorabsingles wie „Running With The Wolves“, „Awakening“ und auch „Half The World Away“ sorgten für gehöriges Raunen. So begleitete der Song „Running With The Wolves“ die TV-Kampagne eines großen Mobilfunkanbieters. „Musik, die mein Herz flattern lässt“, twitterte Katy Perry. Der „Guardian“ zog sogar Vergleiche zu Kate Bush und Lykke Li. Im Winter 2015 dann die nächste Kollaboration, diesmal mit einer großen Warenhauskette: Aurora covert den Oasis-Klassiker „Half The World Away“, zieht erneut viel Aufmerksamkeit auf sich. Viel Tamtam und eine große Erwartungshaltung begleiteten also „All My Demons Greeting Me As A Friend“. Das Debüt klingt bunt, machmal nach Björk (aber mainstreamiger), machmal nach Lykke Li oder auch nach Florence Welch. An letztere fühlt man sich vor allem durch den mystisch anmutenden Aufbau der Songs und die sich steigernden Powerdrums im Hintergrund erinnert. Und Refrains kann Aurora auch.

Fazit: Smarter Pop. Gerne mehr davon.

Anspieltipps: Conqueror, Running with the Wolves

 

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Iggy Pop & Josh Homme – Post Pop Depression

Label: Caroline VÖ: 2016

Iggy Pop war mal wieder umtriebig und hat seinem beeindruckenden Katalog sein 17. Solo-Album zugefügt: „Post Pop Depression“. Wobei es „Solo“ nur so lala trifft, denn niemand Geringeres als Produzent/Gitarrist/Songwriter/Multi-Instrumentalist und Bandleader Josh Homme (Queens Of The Stone Age/Eagles Of Death Metal) ist ihm zur Seite gestanden. Der Legende nach begann alles mit einer kurzen Nachricht von Iggy an Josh und resultierte bald in Aufnahmen, in die auch Dean Fertita (Dead Weather, QOTSA) und Arcitc-Monkeys-Drummer Matt Helders eingebunden wurden. Letztere wurden ebenfalls direkt integraler Bestandteil der Band und trugen ihren Teil zum „Detroit meets Palm Desert by way of old Berlin Vibe“ des Albums bei. Dank der beiden klingt der gute Iggy mal wieder richtig gefährlich. 2013 war Iggy bereits „ready to die“, nun ist er immer noch hier, aber viele andere seiner Weggefährten nicht mehr. Wie etwa Ron und Scott Asheton oder David Bowie. Und so behandelt das Album auch die große Frage nach dem Danach. Das spiegelt sich vor allem in „American Valhalla“, in dem Iggy den Survivor mimt, den Veteranen, der mit seinen stolzen 68 Jahren mit ansehen muss, wie die jüngere Generation die ältere verdrängt. „But if I have outlived my use / please drink my juice„. Mein abolutes Highlight des Albums ist das vorab als Single veröffentlichte „Gardenia“. Sehr eingängig, swingend, ganz feine Nummer. In „Sunday“ streifen Iggy und Josh gar den Disco-Funk. Nicht alles ist aber so zugänglich, sondern vielmehr gewollt sperrig. „In The Lobby“, „Vulture“ – das muss man schon mögen.

Fazit: Gelungenes Alterswerk.

Anspieltipps: American Valhalla, Gardenia, German Days

 

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Brian Fallon – Painkillers

Label: Island Records VÖ: 2016

Es gibt Songwriter, die mit Hilfe eines Keyboards/Pianos komponieren und solche, die die Gitarre bevorzugen. Die Keyboard-Writer sind eher detail- und harmonieverliebt, es entstehen saubere und überfrachtete Songs. Die Gitarren-Writer entwickeln zunächst eine Grundstruktur und einen Klangteppich. Wenn dieser stabil ist, werden Feinheiten eingeflochten. Ein Gitarren-Writer ist erdiger, echter, ehrlicher. Er ist Rock und Rhythm. Regelmäßig werden solche Songs als zu ungeschliffen für den großen Markt angesehen und durch Produzenten poliert und in Watte eingepackt. Ob es einem gefällt oder nicht, bei Brian Fallons Solo-Debüt „Painkillers“ ist dies nicht passiert. Die Schippe Dreck, das Ungehobelte findet man bei allen Songs auf dem neuen Machwerk. Dieser Umstand lässt bereits einmal befreit durchatmen. Es ist ein Album, das sich anfühlt, als würde man nach einem langen Arbeitstag im Büro endlich die Krawatte abnehmen. Das ist volle Absicht, Fallon nennt seine neuen Lieder „Couch-Songs“. „Ich hatte das Gefühl, wirklich genau das Richtige zu tun: Es war die richtige Sache, der richtige Moment, der richtige Sound. Alles stimmte daran. Ein echt gutes Gefühl war das, so als ob ich meine ganze Karriere schon auf dieses eine Album hingearbeitet hätte.“ Der Zuhörer dankt es ihm. Klanglich volle Songs, jedoch straight und schnörkellos. Sounds, die nach echten Instrumenten und Verstärkern klingen. Fallon lässt dabei auch mal ein Schnarren oder unsauberes Greifen der eigenen Gitarre zu, wie bei dem ruhigen Song „Steve McQueen“ besonders deutlich wird. Mit europäischen Rock- und Blues-Ohren schabt Fallon in Sound und Intonation haarscharf am Country oder Blue Grass vorbei. Wichtig für den europäischen Markt, der wohl andernfalls weggehört hätte. Dennoch nimmt der Nashville-Sound – Fallon hat das Teil in den Taxidermy Studios aufgenommen – eine wichtige Rolle ein. Nur durch seine Wurzeln, die in New Jersey liegen, schafft er eine besondere Melancholie, die nicht traurig macht. Wie dann noch die kalifornische Leichtigkeit in seinen Lebenslauf passt, ist schwer nachzuvollziehen, aber in jedem einzelnen Song zu hören. Brian Fallon selbst gibt Bruce Springsteen und Tom Petty als wichtige Einflüsse an. Hört man raus. Das Album hat einen Achtziger-Vibe, nimmt aber auch Anleihen aus den Sechzigern, mischt sogar etwas Irish Folk drunter. Die gehypte Nummer „A Wonderful Life“ ist jedoch nicht so hymnisch wie beschrieben, da hält das Album wesentlich bessere Songs zum Reinlegen bereit. Der erste Song des Albums darf ohnehin nicht „Radio-Auskopplung“ sein – so viel Tradition muss sein. Insbesondere zu empfehlen ist die rockige Nummer „Rosemary“, die sofort Durst auf ein kühles Bier macht. Auffällig ist bei diesem Track, wie bei allen anderen des Albums, das Ende, das einfach aus einem ausklingenden Akkord besteht – saubere Liedermacher-Art. Fallon selbst sagt, dass dieses Album für ihn weder einen Schlusspunkt noch einen kompletten Neuanfang darstellt. Das ist glaubhaft, jedoch ist seine Spielfreude zu spüren, die schon darauf hinweist, wie sehr sich Fallon nach der Freiheit des „Couch-Songwritings“ gesehnt hat. (Marco Boehm)

Fazit: Ein Album, das mit jedem Hör-Durchgang besser wird.

Anspieltipps: Painkillers, Rosemary

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Pet Shop Boys – Super

Label: x2 Records VÖ: 2016

Die Pet Shop Boys lassen mal wieder von sich hören. Nach Ausflügen in die höhere Kunst (Musical, Ballett, Stummfilmvertonung, symphonische Biographie eines Mathematik-Genies) wenden sich Neil Tennant und Chris Lowe nun also wieder dem Pop zu. Ein Genre, aus dem das britische Synth-Pop-Duo seit nunmehr drei Jahrzehnten nicht mehr wegzudenken ist. „Super“ heißt die neue Platte, was zunächst etwas hochtrabend klingt, aber hey: It’s not arrogant if you can back it up. Wer bei der Abschlussfeier der Olympischen Spiele im eigenen Land den britischen Pop repräsentieren darf, spielt in einer eigenen Liga und braucht sich ums Thema Bescheidenheit keine Gedanken mehr zu machen. „Super“ ist eine konsequente Weiterentwicklung von „Electric“ (2013), das die beiden mit Stuart Price aufgenommen hatten. Heißt also: Es geht wieder sehr dance-lastig zur Sache. Bis auf die Ballade „Sad Robot World“ treibt einen jeder Song auf den Dancefloor. Price hat hier nochmal ordentlich die Beat-Zahl erhöht. Da kann man die allgemein eher schwächeren Lyrics – einzig bei „The Dictator Decides“ lohnt es sich, auf den Text zu achten – auch mal ignorieren.

Fazit: Kein Tiefgang, aber Steilgang.

Anspieltipps: The Pop Kids, The Dictator Decides, Sad Robot World

 

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Zayn Malik – Mind Of Mine

Label: RCA VÖ: 2016

Als Zayn Malik im März 2015 One Direction verließ, war das ein mutiger Schritt. Immerhin war die Band, unumstritten die erfolgreichste Boyband der Gegenwart, eine echte cash cow, die man durchaus noch länger hätte melken können. Und so wahnsinnig viele Ex-Boyband-Stars, die es solo gepackt hätten und als erfolgreiche Vorbilder herhalten können, gab’s ja dann auch nicht. Sicher, man hatte Michael Jackson und Robbie Williams, vielleicht mit ganz vielen Abstrichen noch Ronan Keating – aber das sind doch eher die Ausnahmen. Die Regel, das sind dann eher hilflose Versuche auf den eigenen zwei Beinen zu stehen, für die Ewigkeit auf CD gebrannt. Wer das nicht glaubt, darf ruhig nochmal in die Solo-Werke von Jordan Knight (New Kids on the Block), Nick Carter (Backstreet Boys) oder Lee Ryan (Blue) reinhören. Nee, willste nicht? Siehste. Nun wagt also Zayn Malik die Abkehr vom Teenie-Pop und wendet sich anspruchsvollerem R&B zu. Klar, wenn man weg vom Teenie-Image will, dann darf’s danach durchaus provokanter sein. Eine Formel, mit der auch Malik arbeitet. Der reitet nun zwar nicht nackt auf einer Abrissbirne durch die Landschaft oder twerkt mit Robin Thicke, aber bei seiner vorab veröffentlichten Single „Pillowtalk“ ließ er schon mal nichts anbrennen. Der Lohn: die Spitze der US-Charts. So erfolgreich waren One Direction mit einer Single übrigens nie. Es ist aber nicht nur die erwartbare Sprache, die Zayn verwendet, sondern vor allem die Stimme, die aufhorchen lässt: Zayn zeigt plötzlich, was in ihm steckt. Musikalisch erinnert das Album an FKA Twigs oder Kelela und hat den Finger damit durchaus am Puls der Zeit.

Fazit: Überraschend gut.

Anspieltipps: Pillowtalk, Wrong (mit Kehlani), Drunk, Fool For You

 

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La Sera – Music For Listening To Music To

Label: Polyvinyl Rec/ADA VÖ: 2016

„Music for Listening to Music“ ist das vierte Studioalbum von La Sera und das erste, bei dem der Ehemann der Sängerin/Bassistin Katy Goodman, der Gitarrist Todd Wisenbaker, offiziell mit an Bord ist. Mit an Bord war auch Ryan Adams, und zwar als Produzent, was bei dem Schedule dieses Mannes schon an sich ein kleines Wunder ist. Dem Vernehmen nach hatte Adams die Zusammenarbeit zu seinem Taylor-Swift-Coveralbum inspiriert. Und ähnlich wie auf seinem „1989“ versucht er auch hier, großen Pop herunterzuinstrumentalisieren. Heraus kommt so ein tanzbarer Indie-Rock, der gleichermaßen spröde wie süßlich klingt. Auch am Gesang von Goodman hat der gute Ryan rumgedoktert, was aber keine gute Idee war. Damit tat er der Frau mit der hellen Stimme keinen wirklichen Gefallen. Gerettet wird das Album aber durch das Songmaterial, das trotz all dieser Malträtierungen immer noch gut genug ist, um gehört zu werden.

Fazit: Da war mehr drin.

Anspieltipps: Angel, Too Little Too Late

 

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The Coral – Distance Inbetween

Label: Ignition Records VÖ: 2016

Fünf Jahre Pause gönnten sich The Coral, ehe sie mit „Distance Inbetween“ nun ihr siebtes Album veröffentlichten. Sieht man mal von der VÖ des „verlorenen Albums“ „The Curse Of Love“ im vergangenen Jahr ab, versteht sich. Aufgenommen wurde „Distance Inbetween“ im Liverpooler Parr Street Studio mit Co-Produzent Richard Turvey live – und großteils in einem Take. Die zwölf Tracks sind bewusst rau produziert. „Before we started making the album we had discussed that we wanted it to be more minimal and rhythmical,” erklärt James Skelly (Gesang, Gitarre). “We thought ‘if you’ve got a rhythm section that’s been playing together for almost twenty years, why not make that the centre of the songs?’“ Unterstützt werden sie hierbei durch den Neuzugang Paul Molloy (ehemals The Zutons) an der Gitarre. Es ist eine komplette Abkehr von dem Sound, der noch das Erfolgsalbum „Butterfly House“ (2010) ausmachte. Einzig „She Runs The River“ erinnert noch ein bisschen an den Westcoast-Sound des Vorgängers. Ansonsten geben sich die Briten nun düsterer, ja, geradezu morbid. Scheppernder Bluesrock, Mersey-Psychedelia, Progrock – alles da, nur ein Hit findet sich darunter nicht. Aber das soll so.

Fazit: Ein einziges Abtauchen in die Dunkelheit.

Anspieltipps: Connector, Miss Fortune, She Runs The River, Beyond the Sun, It’s You

 

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Gavin James – Bitter Pill

Label: Sony Music VÖ: 2016

Gefühlvolle, sentimentale, das Wunder der Liebe besingende Songwriter liegen im Trend. Und so war 2015 ganz schön viel los bei Gavin James. Der Gute unterschrieb erst einen Deal bei einem Majorlabel, dann wurde das Live-Album, das er für ein paar Kröten in seinem Pub um die Ecke namens Whelan’s aufgenommen hatte, ein weltweiter Erfolg. Dann ein Support-Auftritt für seinen Kumpel Ed Sheeran an zwei Abenden im 75.000 Zuschauer fassenden Croke Park-Stadion in seiner Heimatstadt Dublin. Eine US-Tour im Sommer im Vorprogramm von Sam Smith. Support für Taylor Swift im Londoner Hyde Park. Und sein erster Aufritt in der New Yorker Mercury Lounge, der komplett ausverkauft war. Läuft bei Gavin. Auch 2016 schickt sich an, ein erfolgreiches Jahr zu werden. Tourneen als Headliner inklusive. Da passt es natürlich, wenn man ein Album im Gepäck hat. Und so haut James mit „Bitter Pill“ nun sein Debüt raus.  Einige seiner Songs werden jenen, die „Live At Whelan“ kennen, bereits bekannt erscheinen. Der Sänger und Songwriter hatte das intime Live-Album Anfang letzten Jahres lediglich als eine Art „musikalische Visitenkarte“ veröffentlicht, jedoch nicht damit gerechnet, dass es außerhalb seines Heimatlandes auf so viel Resonanz stoßen würde. Auf „Bitter Pill“ erhalten die Songs nun große Arrangements. Gavins ungeschliffene Stimme bleibt jedoch bestehen, ebenso sein kraftvoller Falsett-Gesang, nun jedoch unterstützt von Streichern, Chor-artigem Backgroundgesang sowie elektrischen Instrumenten, die die Uptempo-Tracks mit mehr Dramatik anreichern. Es gibt allerdings auch neue Songs, darunter der Titelsong, der die Themen des Albums vorgibt – Liebe und Verlust, Schuld und Reue, Aufwachsen und Weiterentwicklung.

Fazit: Klar, nicht allen Songs tut das Aufpimpen gut, insgesamt ist das Ganze aber vielversprechend. Vielleicht dann wieder mit einem „Weniger ist mehr“-Ansatz.

Anspieltipps: Bitter Pill, Hole in My Heart

 

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Laura Gibson – Empire Builder

Label: City Slang VÖ: 2016

Alles begann mit einem Urknall. Im wahrsten Sinne des Wortes. Kurz nachdem Laura Gibson im Jahr 2014 von Portland nach New York zog, gab es in ihrem Wohnhaus eine Gasexplosion, bei der sie ihr ganzes Hab und Gut verlor. Was andere total aus der Bahn wirft, setzte bei Gibson offenbar ungeahnte kreative Kräfte frei. Denn aus diesem Schock heraus entstand „Empire Builder“, ein Album, das ungeheuer rauh und trotzdem sehr klar daherkommt. „Laura Gibson inmitten von fundamentaler Transformation, in Sachen Komposition, Arrangement und Produktion“, verspricht der Waschzettel zum Album – und man möchte zustimmen. Unterstützung holte sich Gibson bei einer Crowdfundingaktion sowie bei Gitarrist, Bassist und Multitalent Dave Depper (Death Cab for Cutie, Menomena), Drummer Dan Hunt (Neko Case), Violinist Peter Broderick, der bei den Streicherarrangements half, Nate Query von den Decemberists und Sängerin Alela Diane. Die Amerikanerin mischt gekonnt und mit viel Selbstbewusstsein Folk, Country und Beat-Elemente zu einer angenehmen Mixtur zusammen. Kleinod des Albums ist sicherlich der Titeltrack „Empire Builder“, benannt nach dem berühmten Zug, den Laura Gibson nahm, als sie nach New York City zog. Der Song steht sinnbildlich für den Beginn ihrer Reise – und das dazugehörige Video ist auf genau dieser Reise entstanden. „I was moving away from the person I loved most in the world. By making that choice, I was making a statement about my own ambition and independence…I’d stare out into the dark, and every so often capture more footage. I found myself writing the same two sentences over and over again: ‚Hurry up and lose me. Hurry up and find me again.‘ This song captured a moment of utter unknowing, of self-doubt and confliction. The song itself became my means of finding an answer, my way of saying something I couldn’t otherwise express.“

Fazit: Eruptiv.

Anspieltipps: Empire Builder

 

 

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Grant-Lee Phillips – The Narrows

Label: Yep Roc/H’art VÖ: 2016

The artist formerly known as the singer of Grant Lee Buffalo meldet sich zurück. Es hat sich einiges verändert im Leben des Musikers aus Stockton. Nach 30 Jahren Kalifornien zog es den Guten mitsamt seiner Akustikgitarre nach Tennessee. Time for a change, nachdem die ganz großen Erfolge mit  Grant Lee Buffalo nun auch schon ein paar Montage her sind. Allerdings trotz des frischen Starts klingt Phillips auf  „The Narrows“, seinem nunmehr achten Solo-Album, dann doch eigentlich wie immer. Der 52-Jährige verliert sich in seinen Country-Folk-Melodien, trällert wehmütig über sich selbst, über Liebe, sein Land und den Mississippi. Ist ein spärliches, ein ruhiges Album ohne Effekthascherei geworden und kein Soundtrack für eine Nashville-Party. Schön.

Fazit: Americana at it’s best.

Anspieltipps: Smoke and Sparks, No Mercy in July

 

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Jason Collett – Song And Dance Man

Label: Arts & Crafts/Rough Trade VÖ: 2016

Er habe einfach mal drauflos gespielt, sagt er. Ohne innerlichen Zwang, sagt er. Auf der Suche nach dem Groove, sagt er. Herausgekommen ist Jason Colletts sechstes Studioalbum. Und es klingt so, wie es der hauptberufliche Gitarrist der kanadischen Indie-Rocker von Broken Social Scene, andeutet: ziemlich laid back. Dann und wann vielleicht sogar zu laid back. Zwingend ist nur der Titeltrack „Song and Dance Man“ geraten, dem Rest fehlt leider der beschworene Groove. Alles plätschert so vor sich hin, der 70s-Westcoast- und Country-Sound des Songwriters aus Toronto wirkt zu kalkuliert, zu steril.

Fazit: Zu trocken, zu ökonomisch.

Anspieltipps: Song And Dance Man, Little Sparrow

 

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Eskobar – Magnetic

Label: Cargo Records VÖ: 2016

Die schwedische Kapelle Eskobar meldet sich mit einem neuen Arbeitsnachweis zurück: „Magnetic“. Acht Jahre veröffentlichte die Band, die Anfang der 90er Jahre groß wurde und die die eine oder andere Perle zum umfangreichen Katalog gelungenen skandinavischen Pop-Liedguts beitrug , ja überhaupt kein neues Material. In den vergangenen Jahren hatten Daniel Bellqvist und Frederik Zäll dann ihren Fokus wieder auf das Schreiben von neuen Songs gelegt. Im Sound Habits Studio haben sie zwei Jahre an ihren neuen Pop-Liedern gearbeitet und mit Produzent Oscar Harryson, der bereits für einen schwedischen Grammy nominiert wurde, ihr sechstes Album  aufgenommen. Zwei Jahre, in denen offenbar mächtig Pathos und Klischees injiziert wurden, weshalb das Endresultat schon sehr ranschmeißerisch wirkt. „Magnetic“ wirkt unglaublich glatt, theatralisch, kalkuliert. Zwar blitzt ab und an hier und da eine gute Melodie auf, die dann aber letztlich aufgrund von Überfrachtung verendet. Schade.

Fazit: Viel Oh-Oh um Wenig.

Anspieltipps: Minute After Minute, To The Rescue

 

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The Hanging Stars – Over The Silvery Lake

Label: Crimson Crow/Cargo Records VÖ: 2016

Es wirkt wie ein kosmisches Nachglühen: Ein paar Jahrzehnte und mehrere Montage, nachdem dieser Musikstil durch Bands wie die Byrds salonfähig gemacht wurde, lassen The Hanging Stars diese Verschmelzung aus Folk und 60s Americana wieder aufleben. Zu hören ist dieser musikalische Nostalgie-Trip auf „Over The Silvery Lake“, dem Debütalbum der Londoner Psych-Folk-Kapelle. Und das klingt, als würde der graue, wolkenverhangene Himmel über der britischen Hauptstadt durch die kalifornische Wüstensonne aufgebrochen werden. Sehr relaxed, nie prätenziös, sehr laid-back. Vintage, ohne unmodern zu wirken. Gefällt. Aufgenommen wurde das Ding übrigens in Los Angeles, Nashville und Walthamstow. „Ultimately we hope you can hear both the sand and the rain in this record“, heißt es seitens der Band um Sänger Richard Olson. Hört man.

Fazit: Wunderbar.

Anspieltipps: Floodbound, Running Waters Wide

 

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Ed Tullett – Fiancé

Label: Monotreme Records VÖ: 2016

Nichts Genaues weiß man nicht: Über Ed Tullett weiß man relativ wenig. Und das, obwohl der Singer-Songwriter bereits durch Remixe von Bon Iver oder den Local Natives für Aufmerksamkeit sorgte. Mit „Fiancé“ legt der Mann aus Oxford nun ein neues Album vor. Es ist nicht sein Debütalbum, obwohl der Gute es als solches betrachtet. Vor fünf Jahren nämlich haute Tullett nämlich bereits „Never Joy“ raus, damals noch aufgenommen im eigenen Schlafzimmer. Ein Album über Zurückgezogenheit. Über Einsamkeit. Melancholisch bleibt es auch auf „Fiancé“. Das neue Machwerk besticht durch einen dichten, atmosphärischen Sound, der von Tulletts Falsett und dunklen Electro-Beats getragen wird. So ganz aus dem Nichts kommt dieser Ansatz nicht, vielmehr war er nach dem letzten musikalischen Zeichen Tulletts fast schon erwartbar. Nach einer letzten Akustik-EP orientierte er sich mit seiner musikalischen Partnerin Ffion Atkinson, die schon auf „Never Joy“ mitwirkte, und Calvin Emerson bereits 2013 in Richtung digitale Sounds und Stimmverzerrung. Seiner melancholisch-nostalgischen Attitüde blieb er aber treu.

Fazit: Ein herrlicher Gegensatz von Elekronik und Akustik, perfekt geeignet für den Morgen danach.

Anspieltipps: Malignant, Saint

 

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Juri – Neopop

Label: Kick Media Music VÖ: 2016

Pop-Musik als Basisdemokratie: Ihre EP „Neopop“ ließ die Kölner Band Juri, bestehend aus Sänger Juri Rother und Gitarrist Pierre Phil, via Crowdfunding finanzieren. Die Investition hat sich für die Finanzierenden gelohnt. Finanziert haben sie nämlich fünf Songs, die gefühlvoll, teils sogar poetisch, aber auch tanzbar daherkommen. Dazu Rothers leicht heisere Stimme. Musikalisch radiotauglich, aber deswegen nicht beliebig. Denn textlich werden durchaus auch dunkle Themen angeschnitten: Kindesmissbrauch, Alkoholismus oder Scheidungsschmerz werden auf der EP verhandelt. 20 Minuten und 17 Sekunden, die das Leben in all seinen – hellen und dunklen – Facetten einfangen. Geheimtipp!

Fazit: Jetzt bitte Crowdfunding fürs erste Album starten.

Anspieltipps: Melancholie, Brüder

 

COMPILATIONS

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George Fest – A Night To Celebrate the Music of George Harrison

Label: Hot Records/Vagrant Records VÖ: 2016

Durch „George Fest: A Night To Celebrate The Music Of George Harrison” erfüllen sich die beiden Produzenten Dhani Harrison und David Zonshine einen langgehegten Wunsch. „Ich habe mir immer ein kleines Clubkonzert mit Künstlern aus meiner Generation vorgestellt, die zu den bedeutendsten Tracks seiner Karriere jammen. So ging ich wieder einmal auf die Bühne, mit einem ganz neuen, freudigen Gefühl, unterstützt von einigen meiner am meisten geschätzten Kollegen und feierte den Sound der Musik, die mir schon immer am vertrautesten war. Ich hoffe, die Zuschauer genießen diese Songs genauso, wie ich es tue. Diese Interpretationen der Lieder meines Vaters sind die besten, die ich mir je vorstellen konnte“, erzählt Harrison. Aufgenommen und gefilmt wurde das Konzert am 28. September 2014 im Fonda Theater in Los Angeles. Mit dabei unter anderem: Norah Jones, Brian Wilson, Britt Daniel von Spoon, Brandon Flowers von The Killers, Ann Wilson von Heart, “Weird Al” Yankovic, Ben Harper, Conan O’Brien, Nick Valensi von The Strokes, Brian Bell von Weezer, Wayne Coyne von The Flaming Lips und Dhani Harrison. Und ja, sie gehen resprektvoll mit dem Erbe des früheren Beatle um, bilden das gesamte Spektrum seines künstlerischen Schaffens ab. Die Botschaft: George fehlt. Da weinen nicht nur die Gitarren. Das Live-Tribute wird es in vier Konfigurationen geben: als Doppel-CD/DVD, als Doppel-CD/Blu-Ray, als dreifach Vinyl und als digitalen Download.

Fazit: We miss you, George!

Anspieltipps: Something, Behind That Locked Door (beide Norah Jones), Let It Down (Dhani Harrison), Taxman (Cold War Kids)

 

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Every Song Has Its End – Sonic Dispatches from Traditional Mali

Label: Glitterbeat VÖ: 2016

Die Moderne macht auch vor Mali nicht Halt. Das traditionelle Leben, die Gebräuche und Sitten, die Kunstformen – all das befindet sich in einem Wandel. Vielmehr: in stetigem Verfall. Und das hat Gründe: Bamako, die pulsierene Hauptstadt des Landes, dehnt sich so schnell aus wie kaum eine andere Big City in Afrika. Klar: Die Landflucht der Jugendlichen verändert auch die Wertschätzung Malis alter Musiktraditionen. Die Hüter dieser Traditionen finden es immer schwieriger, ihre Künste an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Enter Paul Chandler. Der in Bamako niedergelassene Produzent hat die akustische und kulturelle Komplexität der traditionellen Musik des Landes mehr als ein Jahrzehnt lang dokumentiert. „Every Song Has Its End“ ist eine Auswahl aus Chandlers umfangreichem Archiv. Natürlich kann man Klänge in der städtischen Musik Malis auch heute hören. Aber: Die Songs, die rituellen Geräuschkulissen und die Bilder dazu sind mehr als unbearbeitet, grundlegend und mit Überraschungen gefüllt – wenn man es mit der Musik, die man aus Mali kennt, vergleicht. Über die Jahre hinweg – begleitet von einem Tonmeister und einem Video-Hersteller – hat Chandler die abgelegensten Dörfer und Städte in Mali besucht. Durch ein Netzwerk von lange gepflegten lokalen Kontakten hat das kleine Team Musiker gefunden, die traditionelle Musik machen. Diese Feldaufnahmen (Musik und Video) sind eindringend und berauschend – sie geben uns einen privilegierten Einblick in die Komplexität der Musik Malis. Die Tracks auf „Every Song Has Its End“ sind genauso unterschiedlich, wie die Orte, wo sie herkommen. Die eindringlichen Modulationen der meist weiblichen Gruppe Group Ekanzam und das spitze, elektrisierte Dröhnen von Super Onze wurden beide in Malis ferner und spannungsvoller nordöstlicher Wüstenregion aufgenommen. Völlig entgegen gesetzt: Die hypnotischen, pulsierenden Sounds von Mianka Cultural Troupe mit den Instrumenten „Burus“ und Ibrahim Traores Harfe („Bolon“) wurden etwa 1.500 Kilometer entfernt aufgenommen – in Malis grünender südlicher Berglandschaft. Einige der Musiker spielen Musik, die an eine bestimmte traditionelle Kaste oder an ein Dorfamt gebunden sind. Die deklamatorische Musik von Sidiki Coulibaly und die Balafon-Exkursionen von Kassoun Bagayoko sind Beispiele dafür. Und ein Lied im Besonderen – Sigui lé (It’s the Wild Buffalo) von der Nioguébougoula Cultural Troupe – scheint in einem Bereich außerhalb der bloßen Musik zu sein. Die Aufnahme ist in mehreren Schichten gemacht, 3D-Fenster in ein traditionelles Dorf. Die „Hörer“ und die „Performer“ interagieren und vermischen sich auf eine Weise, die musikalische Hierarchien auf den Kopf stellt. Warum er diese Aufnahmen machen musste, beantwortete Paul Chandler so: „Mir wurde klar, dass diese Musik hochgradig wertvoll ist und auf dem Weg, ins Nichts zu verschwinden… Dort gibt es traditionelle Instrumente und Musik, die in einem traditionellen Kontext gespielt wird… Und während viele in Mali Musik machen, wird trotzdem die Musik für einen traditionellen Rahmen – Rituale, Zeremonien, Begräbnisse, Aktivitäten begleiten – immer rarer.“

Fazit: Einzigartiges Musik-Dokument.

Anspieltipps: Alle – das verlangt die Prämisse der Song-Sammlung.

 

BACKKATALOG

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Scorpions – Return To Forever (Tour Edition)

Label: Sony Music VÖ: 2016

So ein bisschen sind die Scorpions ja so etwas wie die deutschen Stones: irgendwie immer und bereits seit Ewigkeiten auf Abschiedstournee. Im vergangenen Jahr setzte das Quintett um Klaus Meine mit „Return to Forever“ nochmal ein Ausrufezeichen. Auf dem 18. Studioalbum der Hannoveraner Kapelle waren doch manche kleine Perlen zu finden. „All For One“ beispielsweise. Das groovende „The Scratch“. Oder die aggressiven Nummern „Rock My Car“ und „Hard Rockin‘ The Place“. Die Ballade „House of Cards“. Das gefiel. Gut, ein paar Stinker waren auch dabei: „Going Out With A Bang“, „We Built This House“, „Rollin‘ Home“ – das hätte es nun alles nicht gebraucht. Aber sei’s drum. Insgesamt war „Return to Forever“ durchaus eine solide Angelegenheit, für die sich niemand schämen muss. Weder Hörer noch Band. Wem das Ding also gefiel, dem wird jetzt ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Die Scorpions re-releasen das Album nochmal als Tour-Edition, die neben der eigentlichen CD noch zwei opulente Live-DVDs enthält. Neben den zwölf Tracks des Standardalbums enthält die CD sieben Bonustracks, die bis dato nur auf einigen Sondereditionen des Albums zu finden waren. Sie bieten zwei komplette Konzerte aus 2015, und zwar den Open-Air-Gig beim französischen Hellfest-Festival, bei dem die Scorpions im Juni letzten Jahres als Headliner auftraten sowie ihren Auftritt im Barclays Center in Brooklyn, New York, bei dem der erst zwölfjährige Gitarrist Brandon Niederauer eine beeindruckende Gast-Performance bei „No One Like You“ zum Besten gab. Meine, Rudolf Schenker und Matthias Jabs geben zudem in einem ausführlichen Track-by-Track-Interview in kleinen Anekdoten zur Entstehungsgeschichte und Bedeutung der einzelnen Songs von „Return To Forever“ einen Einblick in den musikalischen Kosmos der Band.

Fazit: Kein must, aber nettes nice to have.

Anspieltipps: All For One, The Scratch, Rock My Car, Hard Rockin‘ The Place, House of Cards