Neu im Plattenschrank: Oktober 2014

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Lenny Kravitz – Strut

Label: Kobalt Label Services VÖ: 2014

Lenny is back! Im vergangenen Jahrzehnt hat Kravitz zwar auch das eine oder andere Album veröffentlicht, der eine oder andere Hit war ebenfalls dabei, aber irgendwie ist er zuletzt doch immer irgendwie unter den Erwartungen geblieben. Bei dem rohen „Strut“ aber fühlt man sich schon an die wilden Anfangsjahre des mittlerweile 50 Jahre alten, charismatischen Sängers erinnert, als dieser noch mit dreckigem Funk-Rock begeisterte. Auch auf „Strut“ lässt Kravitz wieder Retro-Elemente einfließen. It’s disco time, baby, und das hört man vor allem natürlich auf  der bockstarken Single“The Chamber“ –  eine Wahnsinnsnummer, die sich einem direkt in den Gehörgang setzt. Hätte damals auch gut und gerne in „Soul Train“ laufen können. Don Cornelius wäre begeistert gewesen (wir sind’s auch). Schmutzig im besten Prince-Sinne wird es beim rockenden „Dirty White Boots“. Das tröstet dann auch etwas über hilflos wirkende Titel wie „Sex“ (ein mittelmäßiger Bowie-Rip-Off) oder „Happy Birthday“ hinweg. Und nein, letzterer hat nicht das Potenzial, Stevie Wonders so missverstandenen Martin-Luther-King-Song auf Geburtstagsfeiern zu beerben.

Fazit: Grit ’n Glamour.

Anspieltipps: The Chamber, Dirty White Boots, New York City

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Macy Gray – The Way

Label: Kobalt Label Services VÖ: 2014

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. So könnte man die Karriere von Macy Gray wohl am besten zusammenfassen. Nach ihrem gefeierten Debüt „On How Is Life“ machte die Soul-Sängerin sich sozusagen einen Sport daraus, ihr Publikum zu überraschen. Mit dem Stevie-Wonder-Tribut „Talking Book“ war das so, oder auch mit „Covered“, einer Sammlung – na, Sie ahnen es – von Cover-Titeln, darunter etwa „Creep“ von Radiohead oder „Nothing Else Matters“ von Metallica. Kurzum: Sie war und ist immer wieder für eine Überraschung gut. Mit „The Way“ legt die Sängerin ihr nunmehr achtes Studioalbum vor. „Ich wollte ein Album aufnehmen, welches meine Entwicklung sowohl als Frau, Mutter und Künstlerin widerspiegelt“, sagt Gray. Ob das Ding viel Airplay bekommen wird, ist ihr dabei herzlich egal. Songs wie „Stoned“ oder „I Miss The Sex“ sind da für’s „Unsere Playlist umfasst 50 Songs“-Mainstream-Radio halt auch eher nicht geeignet. Und genau das macht es so erfrischend. Gray ist unangepasst, Gray hat ihren eigenen Kopf. Und der denkt und produziert immer auf ganz hohem Niveau. Zu den Tracks: „First Time“ hätte auch gut aufs erste Album gepasst, „I Miss The Sex“ besticht durch ein für Gray eigenwilliges Arrangement und der Titel-Track „The Way“ ist einfach Macy Gray wie sie leibt und lebt. Und dann diese sexy Raspelstimme. Hach. Who needs radio nowadays anyway?

Fazit: Macy kehrt zu Macy zurück – und das erfolgreich.

Anspieltipps: The Way, Need You Now

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Billy Idol – Kings & Queens of the Underground

Label: bfi records VÖ: 2014

Billy Idol. Gerade erst ist die Autobiografie der britischen Rock-Röhre erschienen. Größter „Shock to the System“ (pun intended): Der Gute ist mittlerweile 60. 60! „Don’t you (Forget About Me)“ dachte er sich da wohl nun, und legt mit „Kings & Queens of the Underground“ nach acht Jahren mal wieder ein neues Album vor. Puristen werden vielleicht den rotzigen Hard Rock und Punk des Briten vermissen, dafür bekommen sie hier aber außerordentlich guten Pop-Rock geboten. Und viele Facetten obendrein:  „Postcards from the Past“ rockt richtig, bei „Eyes Wide Shut“ oder „Ghost in My Guitar“ wird’s dann eher ruhig und beim titelgebenden „Kings & Queens Of the Underground“ dann nostalgisch. Ab und zu streift er textlich vielleicht das eine oder andere Klischee zu viel, aber das tut dem Spaß an der Sache keinen Abbruch. Er kann’s noch, und lässt damit das unsägliche „Cyberpunk“ und „Devil’s Playground“ vergessen.

Fazit: Der Rebell ruft wieder!

Anspieltipps: Postcards from the Past, Kings & Queens of the Underground, Can’t Break Me Down

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Jessie Ware – Tough Love

Label: Island Records VÖ: 2014

Erwachsen, ohne langweilig zu sein – so könnte man „Tough Love“, Jessie Wares zweites Studioalbum wohl am besten beschreiben. Eigentlich die perfekte Hintergrund-Musik für eine Dinner-Party. Ach, und es ist so erfrischend: Trotz des Soul-Pop-Ansatzes ist Ware jetzt keine dieser Let-Me-Try-To-Outdo-Whitney-Houston-Tanten, die mit übermotiviertem Stimmeinsatz jeden Song eine gefühlte Minute länger machen, als er eigentlich sein müsste. Nein, Ware setzt ihre Stimme äußerst sparsam ein, macht gar nicht so wahnsinnig viel damit, und kann so auf emotionaler Ebene dennoch (oder gerade deswegen) überzeugen. Dann und wann erinnert die Sängerin aus Süd-London an Sade, Songs wie „Sweetest Song“ (Sweetest Taboo, anyone?) und „Champagne Kisses“ sind da schon vom Titel verräterisch. Und Sade ist nicht das schlechteste Vorbild, immerhin klang sadness never so sweet, you remember? Flirt mit dem Mainstream: Für „Say You Love Me“ hat sich Ware Ed Sheeran als Co-Songwriter mit ins Boot geholt.

Fazit: Geschmackvoll.

Anspieltipps: Sweetest Song, Cruel

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Aretha Franklin – Sings The Great Diva Classics

Label: RCA/Sony VÖ: 2014

Aretha Franklin gehört ohne Zweifel zu den ganz Großen ihres Fachs. Viele bezeichnen die Diva als die beste Sängerin aller Zeiten. Klar, solche Aussagen sind immer streitbar, aber einigen wir uns darauf: Einen Platz auf dem Musik-Olymp hat die Frau sicher. So viele Evergreens hat sie der Welt geschenkt, allen voran natürlich „Respect“, „Sisters Are Doin‘ It For Themselves“, „(You Make Me Feel Like) A Natural Woman“ – das sind Hymnen für die Ewigkeit. An solchen versucht sich die Soul-Queen auch auf „Sings The Great Diva Classics“, allerdings nicht an eigenen, neu eingespielten, sondern an großen Hits anderer großen Künstlerinnen wie etwa Etta James, Whitney Houston, Adele, Sinead O’Connor, Alicia Keys oder Diana Ross. Diesen drückt sie unverkennbar ihren eigenen Stempel auf, arrangiert sie auch dann und wann um (mit der Hilfe von patenten Produzenten wie Andre 3000 oder Clive Davis). Das klappt mal ganz gut („Rolling in Deep“), mal weniger („Nothing Compares 2 U“). Alles in allem zeigt die 72-Jährige hier aber, dass sie es immer noch bringt. Und manche ihrer jüngeren Kolleginnen werden ob der Franklin-Versionen neidisch und verschämt drein blicken.

Fazit: Aretha zeigt, dass in der Pop-Welt immer noch Platz für sie ist.

Anspieltipps: Rolling in Deep, No One

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Ryan Adams – Ryan Adams

Label: Sony VÖ: 2014

Ryan Adams galt immer als ein unverbesserlicher Workaholic. Immerhin hat der Mann seit der Jahrtausendwende sage und schreibe 14 Alben veröffentlicht, darunter eigentlich nie Ausreißer nach unten, sondern meist solide, oft sogar geniale Scheiben. In seinem eigenen Studio in Los Angeles hat Adams nun ein für seine Verhältnisse dunkles, hartes, ja wuchtiges Album zusammengerührt, das Folk, Rock und Americana verbindet – und gut und gerne in den Achtziger Jahren aufgenommen sein könnte, mit seinen Referenzen an Bryan Adams, Kenny Loggins und Richard Marx (!). Und das zeigt, wie schön es ist, dass er immer noch Musik macht, nachdem sich der Songwriter 2009 ja zeitweise aus dem Geschäft aus gesundheitlichen Gründen verabschieden musste. Adams leidet an Morbus Menière, einer Innenohrkrankheit, vergleichbar mit schlimmem Tinnitus.

Fazit: Adams lässt es wieder krachen. Wir rocken mit.

Anspieltipps: Shadows, My Wrecking Ball

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Adrian Crowley – Some Blue Morning

Label: Chemikal Underground VÖ: 2014

Adrian Crowley ist ein Mann wie ein Uhrwerk. Zumindest konnte man seit 1999 die Uhr danach stellen, wann der Folk-Sänger ein neues Album veröffentlichen würde. Im Zwei-Jahre-Drei-Jahre-Zwei-Jahre-Takt  stand der Gute mit einer neuen Veröffentlichung Gewehr bei Fuß und ebenso wie auf den VÖ-Rythmus konnten sich seine Anhänger auch auf die Qualität des Dargebotenen verlassen. Mit „Some Blue Morning“ legt der irische Liederschmied mit der an Leonard Cohen erinnernden Stimme sein nunmehr siebtes Album vor. Und es dürfte sein bislang bestes sein. Besonders gefallen hier das Storytelling – etwa bei „The Wild Boar“ oder dem hitchcock-resken „The Stranger“. Unterstützt wurde Crowley bei den Aufnahmen in Dublin übrigens von Kevin Murphy (Seti The First), Katie Kim und dem London String Ensemble „Geese“.

Fazit: Gespenstisch gut.

Anspieltipps: Some Blue Morning, The Wild Boar, The Stranger

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Love Inks – Exi

Label: Republic of Music VÖ: 2014

Minimalistischer Pop aus Austin/Texas, das ist das Etikett, dass sich Love Inks aufgeklebt haben und damit (zutreffende) Vergleiche zu The xx provozieren. Mit „Exi“ haben die Südstaatler ihr nunmehr drittes Album veröffentlicht. Die Instrumente (Gitarre, Bass, Drum-Machine, Vocals) sind hier – auch im Vergleich zu den beiden Vorgängern – so sehr reduziert, dass es einem fast schon schwer fällt, sie einzuordnen und zu erkennen. Beeindruckend, wie mit der Stille als Instrument gespielt wird. Musik, auf ihre nackten Elemente runtergebrochen. Noch schwerer fällt es, die Combo um Sängerin Sherry LeBlanc in irgendeine Genre-Schublade zu stecken. Mit „Minimalistischer Dream Pop“, möchte man es da noch am ehesten wagen.

Fazit: Zum Zurücklehnen und Träumen. Nur die Noise-Rock-Nummer „Text Message“ hätte es nicht gebraucht.

Anspieltipps: Shoot 100 Panes of Glass, Dawn Poem

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The Dø- – Shake, Shook, Shaken

Label: Embassy of Music VÖ: 2014

Minimalismus als Obsession. Als sie sich an die Arbeit zu ihrem dritten Album „Shake, Shook, Shaken“ machten, haben sich Olivia Merilahti und Dan Levy klar gegen akustische Instrumente entschieden. Synthetische Dancesounds und Percussion, darauf wollte sich das franco-finnische Indie-Pop-Duo konzentrieren. „Wir haben alle Register gezogen. Wurde mal etwas zu verschnörkelt, haben wir Kleinholz daraus gemacht. Wir wollten ein monumentales Album schaffen, mit Elementen von Heldentum, Comedy und Manga. Ein Album mit Superhelden. Es ging nicht darum, grüblerisch oder naturalistisch zu klingen“, so Levy. Stattdessen hören sich The Do auf „Shake, Shook, Shaken“ konsequenter, disziplinierter, kompromissloser an als jemals zuvor – Olivia Merilahti aber gewohnt bezaubernd.

Fazit: Stimmig.

Anspieltipps: Despair, Hangover & Ecstasy

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Musée Mécanique – From Shores Of Sleep

Label: Glitterhouse/Indigo VÖ: 2014

„A ship at port is safe, but that’s not what ships are built for“ (Grace Hopper) – die Legende will es so, dass die Mitglieder von Musée Mécanique diese Worte auf irgend einem Grab auf einem überwucherten Friedhof in Cape Cod an der Küste Neu-Englands lasen und so zu ihrer Arbeit an „From Shores Of Sleep“ inspiriert wurden. Und so regiert auf dem Indie-Folk-Werk ein wenig Seefahrer-Spirit, ein bisschen Abenteuerlust. Das Drama des offenen Meeres sozusagen. Es ist ein opulentes, fast ins Orchestrale gehendes Konzept-Album geworden, das die seit 2006 bestehende Combo aus Portland/Oregon da geschaffen hat. Und eines, an das man fast nicht mehr geglaubt hatte, nachdem der Vorgänger ja nun schon ein paar Montage her ist (2010). Benannt hat sich die Band übrigens nach einem real existierenden, skurrilen Museum gleichen Namens in San Francisco, indem unter anderem 100 Jahre alte Flipper und Spielautomaten ausgestellt werden.

Fazit: Verträumt.

Anspieltipps: O, Astoria!, The Lighthouse & the Hourglass, A Wish We Spoke

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The Travelling Band – The Big Defreeze

Label: Republic of Music VÖ: 2014

Drei Jahre ist es her, seit das Folk-Quintett The Travelling Band sein bislang letztes Album veröffentlicht hat. Nun legen die Jungs aus Manchester mit „The Big Defreeze“ nach. Manchester? Ja, aber auch wieder nein. Den mit dem Manchester-Sound, den man sonst Bands aus der englischen Arbeiterstadt zuschreibt, hat The Travelling Band herzlich wenig zu tun. Weite Horizonte, landschaftliches Idyll, das ist es, was die Fab Five da auf ihrer Scheibe kredenzen. Folk und Americana at its best. Da erscheint die vollmundige Presse-Ankündigung, die die Jungs mit der E Street Band, Paul McCartney (in seinen Bart-Jahren) sowie Crosby, Stills & Nash vergleicht, plötzlich etwas weniger vollmundig. Ab und an wird textlich ein Klischee zu viel bemüht („Like a sunrise in slow motion, I’m hanging above your ocean“ in „25 Hours“).

Fazit: Feiner Cosmic Country Pop.

Anspieltipps: Passing Ships, Quicksand, Garbo

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Magic! – Don’t Kill The Magic

Label: RCA/Sony VÖ: 2014

Die Liste seiner Kunden umfasst illustre Namen wie Chris Brown, Pitbull und Justin Bieber, für sie alle hat der kanadische Sänger, Multi-Instrumentalist und Produzent Nasri bereits Welthits geschrieben. Drei Grammys gab’s für seine Mühen. Nun will der Nordamerikaner aber gerne selbst durchstarten und tut dies auch mit seiner Reggae-Fusion-Kapelle Magic!, mit der er, natürlich, gleich mal wieder einen Smash-Hit landete. An „Rude“ dürfte in diesem Jahr kaum einer vorbei gekommen sein. Aber das Album kann noch mehr: Zum Beispiek Reggae, Soul und Pop so miteinander zu verbinden, dass man häufig an The Police erinnert wird.

Fazit: Sting wäre begeistert.

Anspieltipps: Rude, Let Your Hair Down

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Schiller – Symphonia

Label: Panorama/Universal VÖ: 2014

Schiller gehört ohne Zweifel zu den erfolgreichsten deutschen Elektronik-Künstlern. Mit „Symphonia“ veröffentlicht er  nun eine Live-Aufzeichnung seines Open-Air-Konzerts auf dem Berliner Gendarmenmarkt. Es war ein ganz besonderer Gig: Zum aller ersten Mal hat Schiller-Macher Christopher von Deylen seine Hits mit einem großen Orchester dargeboten, und Hits wie „Sehnsucht“ oder „Das Glockenspiel“ dafür eigens neu arrangiert. Dazu hatte Schiller einige namhafte Gäste an diesem Abend am Start: Eva Mali, Unheilig und Midge Ure (Ultravox) geben sich auf dem Album ebenfalls die Ehre. Schiller flirtet also weiter mit der Klassik, geht diesen eingeschlagenen Weg weiter, tut dies aber überzeugender als auf „Opus“, das den einen oder anderen Hardcore-Fan doch eher ratlos zurückließ. Auf „Symphonia“ gelingt es von Deylen wieder, den Zuhörer in seine Klangwelten zu entführen.

Fazit: Charmantes Werk.

Anspieltipps: Ein schöner Tag, Let It Rise

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Ina Müller – 48!

Label: Sony VÖ: 2014

Wer Ina Müllers Sendung kennt, der weiß, dass sich die Moderatorin mit dem sexy plattdeutschen Idiom eine wunderbare Musikerin ist. Verdammt, die Gute durfte sogar bei Jools Holland auftreten. Ein Jahr nach „48“ bringt Müller nun ein Live-Album auf den Markt, das es sowohl in der 2-CD- oder der 2-CD-plus-DVD-Version zu erwerben ist. Entstanden ist die Aufnahme bei ihrer letzten Tour in der Flens-Arena, und man kann von Glück reden, dass Inas Talk mit dem Publikum nicht weggeschnippelt wurde. Es ist ja auch gerade ihr Humor, der ihre Auftritte zu etwas ganz besonderem macht. Kostprobe? Ina über die Konzert-Vorbereitungen: „Man hat mich gefragt, ob ich ein Geländer möchte. So etwas würde man Helene Fischer auch nie fragen …“

Fazit: Geniale Platte.

Anspieltipps: Schuhe, Fünf Schwestern, Nach Hause

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Holly Johnson – Europa

Label: Pleasuredome/Rough Trade VÖ: 2014

„Eigentlich bin ich ein archetypischer Miesepeter“, gibt Holly Johnson unumwunden zu. Und Grund dazu hat der Ex-Frontmann von Frankie Goes To Hollywood („Relax“) dazu ja auch allemal. Nach seinen Mega-Erfolgen in den Achtzigern ging es steil bergab: Trennungen, Gerichtsprozesse, eine Ansteckung mit HIV – Johnson hatte es schwer, im Musikbiz wieder Fuß zu fassen. So erklärt sich auch, dass „Europa“ das erste Album nach 15 Jahren ist. Wer aber eine Depri-Abrechnung mit Gott und der Welt erwartet hat, liegt falsch. Johnsons elektroniklastige Comeback-Platte ist – auch zum Erstaunen des Künstlers selbst – eine überraschend optimistische, ja, euphorisierende geworden. „Follow Your Heart“ läuft im englischen Radio bereits in der Heavy Rotation. Der Sound ist eher retro, schon stark 80’s/90’s-lastig. Mag der eine oder andere outdated finden, andere werden’s mögen, dass eine der Stimmen der Achtziger Jahre wieder das macht, was sie am besten kann: Synthie-Pop, getragen von dem unverwechselbaren Bariton Johnsons.

Fazit: The Power of Holly. He still got it.

Anspieltipps: Follow Your Heart, In and Out of Love

COMPILATIONS

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Various Artists – Le Pop 8

Label: Groove Attack VÖ: 2014

Zugegeben, ich war jetzt nie der ganz große Fan von Compilations. In der Jugend war’s mehr Mittel zum Zweck, wenn man sich mal die Bravo Hits kaufte, weil das Taschengeld nicht reichte, um sich all die Alben zu besorgen, die man gerne haben wollte. Später habe ich dann lange Jahre einen großen Bogen um derlei Zusammenstellungen gemacht, maximal ein Soundtrack fand dann und wann seinen Weg in mein Plattenregal. Aber man macht ja auch mal Ausnahmen. „Le Pop 8“ ist so eine. Weil das Ding einen ganz guten Eindruck vermittelt, was abseits von Zaz und Berry in der französischen Pop-Musik gerade so los ist. Und das ist eine ganze Menge (auch wenn sich zwei Belgier auf den Silberling gemogelt haben. Aber da wollen wir mal nicht so sein). Besonders gut gefallen hier Benjamin Schoos und Liz De Lux, auch wenn sich der Name doch sehr porno anhört. Zusammengestellt haben das Ganze die Compiler Rolf Witteler und Oliver Fröschke, zehn Newcomer auf die Scheibe gepackt und damit ein feines Näschen bewiesen. Hier findet sich unter anderem Indiepop, Chanson-Downbeat oder auch Rockabilly. Kurioserweise ist Le Pop 8 bereits die zehnte Ausgabe in dieser Reihe (es gab nämlich noch zwei Themensampler zwischendrin).

Fazit: Hoffentlich müssen wir auf Le Pop 9 nicht wieder zwei Jahre warten.

Anspieltipps: Sur Le Dancefloor (Liz De Lux), Une dernière danse (Benjamin Schoos)

BENJAMIN SCHOOS – UNE DERNIERE DANSE // by Helvetica from Hans Vercauter on Vimeo.

 

BACKCATALOGUE

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Paul McCartney & Wings – Venus & Mars / Wings at the Speed of Sound

Labels: Universal VÖ: 2014

Ich möchte nicht angeben, aber: Paul McCartney und ich, uns verbindet eine Geschichte. Und das hat sich so zugetragen: 2012 bereiste ich als Couchsurfer Liverpool, weil dort gerade eine Elvis/Beatles-Ausstellung stattfand, und nahm bei der Gelegenheit an der „Magical Mystery Tour“ teil. Einer Touri-Rundfahrt durch die City, bei der natürlich alle wesentlichen Beatles-Spots abgeklappert wurden. „McCartney ist kürzlich hinter uns her gefahren, hat den Bus angehalten und sich mit den Fans unterhalten“, machte uns der Guide den Mund wässrig, während sein Credibility-Faktor natürlich ins Unermessliche stieg. Kürzlich! Kürzlich hatte er gesagt. Und so kam es, dass ich McCartney also FAST getroffen hätte. Nicht schlecht, oder?

Mit den Wings hatte der gute Mann zwar nicht den gleichen Erfolg wie mit den Beatles, aber schlecht lief es mit der Gruppe auch nicht gerade. Mit „Venus & Mars“ sowie „Wings at the Speed of Sound“ werden jetzt zwei Klassiker-Alben wieder neu aufgelegt, gespickt mit einer Menge-Bonus-Tracks in einer 2-Disc-Fassung oder einer 3-Disc-Version inklusive DVD und Buch.

Venus & Mars (1975): War damals das vierte Studioalbum der Wings und ein echter Bestseller, auch wenn der eine oder andere das Ding als „Band On The Run“-Abklatsch abtat. Die Spiel- und Experimentierfreude merkt man McCartney und seiner Kapelle hier deutlich an. Zwar warf das Album jetzt nicht gerade eine Hitsingle nach der anderen ab, aber es funktioniert(e) ganz gut als Ganzes. Der Opener „Venus & Mars“, gefolgt vom rockigen „Rock Show“, zog einen direkt ins Album rein. „Love In Song“ war aber immer mein Favorit. Nun kommt das Ding also mit einer Bonus-CD daher, die sich durchaus sehen lassen kann. Uns gefiel gut: My Carnival, das wie eine spontane Jam-Session wirkt, und das instrumentale „Bridge On The River Suite“.

Wings at the Speed of Sound  (1976): Ein Jahr nach „Venus & Mars“ erschienen, ließ McCartney hier mal jedes Wings-Mitglied ans Mikro, da die Band ihren Frontmann zuvor kritisiert hatte, die Gruppe nur als Vehikel für die eigene Karriere zu nutzen. Wollte sich der gute Paul natürlich nicht nachsagen lassen. Und so wurde „Wings at the Speed of Sound“ zu einem basisdemokratischen Album, was dem Werk allerdings auch Kritik einbrachte. Hörenswert sind heute sicher  noch „Let ‚ Em In“ und „Silly Love Songs“. Letztgenannter Titel war sozusagen ein gesungener ausgestreckter Mittelfinger McCartneys in Richtung seiner Kritiker, die ihn ob seines Hangs zum Schmalz des öfteren grillten. Bonbon auf der Bonus-Disc: die Aufnahme von „Beware My Love“, bei der offenbar Led-Zeppelin-Drummer John Bonham mitgewirkt hatte.

Text: Benjamin Fiege