Neu im Plattenschrank: Juni 2015

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Ryan Adams – Ten Songs From Live At Carnegie Hall

Label: Sony VÖ: 2015

Die Carnegie Hall gilt als eine der legendärsten Spielorte überhaupt. Wer hier auftritt, hat’s geschafft. Ryan Adams ist ohne jeden Zweifel mittlerweile big enough, hier ans Mikro zu treten. Und das tat er: Im November 2014 bespielte er die legendäre Location in Manhattan, New York – und haut nun die Auftritte als Live-Album raus. Und das gleich in zwei Versionen: einmal als Longplayer mit insgesamt 42 Songs, zwei bisher unveröffentlichte Tracks sind auch dabei: „This Is Where We Meet In My Mind“ und „How Much Light“. Außerdem für die Sparfüchse als reduzierte Version mit zehn Tracks, die uns übrigens vorlag. Passend zum Auftrittsort bezieht sich Adams auf seine sogenannte „New York“-Phase, die in dem Titel „New York, New York“ gipfelte, der auch auf der CD zu finden ist. Ansonsten: Viel Akustikgitarre, hier mal ein Piano, dort eine Mundharmonika. Ryan Adams stripped down sozusagen. Die Darbiertungen sind fehlerlos, die Aufnahme an sich ist das auch, alles klingt so kristallklar, als handelte es eine Studio-Platte. Aufgrund der konservativen Songauswahl weniger für den Hardcore-Fan geeignet als vielmehr für den Ryan-Adams-Gelegenheitshörer.

Fazit: Niemand macht einen so schön traurig wie Ryan Adams.

Anspieltipps: New York, New York; Gimme Something Good

 

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Ezra Furman – Perpetual Motion People

Label: Bella Union/PIAS VÖ: 2015

Shoop-Shoop meets Punk: Ezra Furman ist mit seinem nunmehr sechsten Album ein ganz großer Wurf gelungen. Ein Album für Menschen, die nie wirklich ankommen, weil sie nirgends  zu Hause sind. Die nie irgendwo bleiben wollen, weil sie ständig in Bewegung sein müssen. Furman, der gerne mal im Mini-Kleid und mit Lippenstift auf die Bühne geht, sieht sich selbst als einer dieser Menschen. Restless souls. Ihnen hat der Mann sein neues Album gewidmet. Und das Rastlose, das Grenzenlose, das manifestiert sich auch in seiner Musik. Furman bedient sich im wilden Genre-Garten an jedem Beet, geht an kaum einem Baum vorbei, ohne sich eine süße Frucht zu pflücken. Beat, Pop, Gospel, Doo- Wop, Garage Rock, Ska, Punk. You name it. Unkategorisierbar. Dazu Texte, die einem wirklich nahe gehen können. Oder in denen es einfach darum geht, sich in ein Ei in die Pfanne zu kloppen. Wunderschön. Schräg.

Fazit: Ein Meisterwerk.

Anspieltipps: Restless Years, Lousy Connection, Body Was Made

 

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Meg Baird – Don’t Weigh Down The Light

Label: Wichita/PIAS VÖ: 2015

Sängerin und Multi-Instrumentalistin Meg Baird hat mit „Don’t Weigh Down The Light” gerade ihr drittes Soloalbum veröffentlicht. Die meisten kennen die Gute vor allem als Teil der US-amerikanischen Psychedelic-Folk Band Espers. Daneben hat sie mit Bonnie „Prince“ Billy, Sharon Van Etten, Steve Gunn und Kurt Vile aufgenommen und bereits die Bühne mit Künstlern wie Bert Jansch geteilt. Nachdem sie lange in Philadelphias Musikszene unterwegs war, ist Meg  mittlerweile nach San Francisco gezogen, wo sie mit anderen Musikern das Projekt Heron Oblivion gründete. Und dennoch nebenbei Zeit fand, das ruhige und ungemein atmosphärische „Don’t Weigh Down The Light“ aufzunehmen.  Meg begeistert dabei vor allem durch ihr Picking, ihre ebenso zauberhafte wie sternenklare Waldfeen-Stimme und die tiefe Intimität, die ihren Songs zugrunde liegt. Im Gegensatz zu ihren früheren Alben hat sie diesmal darauf verzichtet, alte Folk-Standards zu interpretieren oder Coverstücke auf die Scheibe zu packen. These are all Baird originals, baby. Die perfekte Musik für laue Sommernächte.

Fazit: Verzaubernd. Fesselnd. Wundervoll.

Anspieltipps: Don’t Weigh Down The Light, I Don’t Mind, Leaving Song

 

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Nate Ruess – Grand Romantic

Label: Warner VÖ: 2015

Nate Ruess ist den meisten wohl als Sänger der Power-Pop-Band fun. ein Begriff, die uns bislang mit Hits wie „We Are Young“ oder „Some Nights“ versorgten. Nun haut Nate mit „Grand Romantic“ sein erstes Solo-Album raus. Der Titel ist dabei, zugegeben, etwas irreführend. Das Ding ist nämlich nicht nur Zucker und verliebtes Heiteitei, sondern vielmehr bittersüß geraten. Gewalt, Depression und Verletzlichkeit lassen sich da raushören. Viele große Gesten gibt’s obendrein, komplexe Strukturen auch, aber so richtig hängen bleibt leider nicht viel. Dafür ist das Ganze zu glatt. Schade, zumal Ruess stimmlich liefert. Ach ja: Keine Angst. Trotz der eingeschlagenen Solo-Pfade will Ruess bei fun. weitermachen. Wenn auch erst nach einer kreativen Pause.

Fazit: Leider nicht besser als das fun.-Material.

Anspieltipps: AhHa, Nothing Without Love, You Light My Fire

 

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Jon Regen – Stop Time

Label: Membran/Sony VÖ: 2015

Jon Regens Musik ist eigentlich wie geschaffen für einen entspannten Abend in einem Nachtclub, in dessen Mitte ein Piano steht. Man kann nicht umhin, mitzuwippen, wenn Regen loslegt. Seine Piano-Balladen haben dieses gewisse Etwas. Sie swingen. Kein Wunder, kann er doch auf Elvis Costellos Rhythmusgruppe zurückgreifen. „Stop Time“, produziert von Pop-Veteran Mitchell Froom, ist ein musikalischer Liebesbrief an Regens Ehefrau geworden. Herzlich, gefühlvoll, auch mal lustig. Für Jons Verhältnisse ziemlich spärlich, zurückhaltend, minimalistisch, aber genau deswegen so intim. Ein souveränes Songwriter-Piano-Album, aus dem Blues, New Orleans, Folk und etwas Randy Newman klingen.

Fazit: Geschmackvoll.

Anspieltipps: I Will Wait, Stop Time

 

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Keston Cobblers Club – Wildfire

Label: Glitterhouse/Indigo VÖ: 2015

Keston Cobblers Club ist eine dieser Bands, die schon viel bekannter sein sollten, als sie es eigentlich sind. Über den Status des Geheimtipps ist die Combo aber bislang noch nicht hinausgekommen. Auch wenn die Fanbase stetig wächst und Keston Cobblers Club auch schon einige der größeren UK-Festivals bespielt haben. Mit „Wildfire“, dem neuen Album, will die Folk-Music-Truppe nun aber den nächsten Schritt machen. Das kann gelingen: Das Werk ist voller schöner Folk-Hymnen, wunderbaren Harmonien und von einer großen Leichtigkeit. Was nicht heißt, dass mit Songs wie „Sober“ nicht auch die Dunkelheit ihren Platz findet. „Sober“ und „Wildfire“ haben sicherlich Hit-Potenzial, müssen sich aber in einem derzeit von Bands, die sich fürs Albumcover auf mystischen Waldlichtungen ablichten lassen, überlaufenen Markt erst mal durchsetzen. Es sei ihnen gegönnt.

Fazit: Gekonnter Spagat zwischen Ernsthaftigkeit und Entertainment.

Anspieltipps: Wildfire, Sober, Contrails


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Jack Savoretti – Written in Scars

Label: BMG VÖ: 2015

Jack Savoretti wird gerne mal mit George Ezra oder Paolo Nutini verglichen. Mit den Vergleichen ist das zwar immer so eine Sache, da sie zumal beiden Parteien nicht gerecht werden, aber bei Savoretti kommt man bei dieser Stimme dann doch nicht umhin. Das passt schon so. Mit „Written In Scars“ hat der 31-Jährige nun ein neues Album rausgehauen. Und mit diesem geht auch ein Stilwechsel einher. Savoretti hat plötzlich richtig Groove und verfällt weniger in den sonst von ihm gewohnten Minnesang. It’s gritty. Bereits der erste Titel „Back To Me“, co-produziert von Samuel Dixon (Adele), offenbart seinen neuen Sound. Der schon fast ansteckende Rhythmus zieht sich wie ein roter Faden durch das komplette Album. Savoretti führt das auch auf die Tatsache zurück, dass er den musikalischen Einflüssen seiner Familie mehr Raum gewährte. „Meine Mutter hörte The Eagles, Crosby, Stills & Nash und alles von Motown, als ich noch klein war. Mein Vater hingegen spielte hauptsächlich italienische Musik aus den 60er und 70er Jahren.“, erinnert er sich. „Bei meinen früheren Alben hatte ich das noch erfolgreich verdrängt, bei diesem kommt es erstmals zum Vorschein.“ Inhaltlich verhandelt „Written In Scars“ vor allem die Kämpfe und Herausforderungen des Alltags  – und wie man sie bewältigt.

Fazit: Positive Überraschung.

Anspieltipps: Back To Me, Home, Written in Scars

 

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Joy Williams – Venus

Label: Sony VÖ: 2015

Mehr als 800.000 Mal verkauften sich die Alben „Barton Hollow“ und „The Civil Wars“, die dem US-amerikanischen Duo The Civil Wars zwischen 2009 und 2014 vier Grammys bescherten. Mittlerweile ist die Band implodiert. Die eine Hälfte davon, Joy Williams, möchte jetzt solo an die vergangenen Erfolge anknüpfen. „Venus“ heißt ihr elf Songs umfassender Longplayer, ihr erstes Solo-Werk seit 2010 – und das ist ganz solide geworden. Glanzlicht ist dabei zweifellos die poppige Single  „Woman (Oh Mama)”. Nicht nur wegen der schönen Textzeile  ‘I am a universe wrapped in skin’, seinem Hauch von Reggae, sondern auch aufgrund der klaren Abgrenzung zum Folk-Sound ihrer frühreren Kapelle. „Venus“ ist für Williams ein Coming-of-Age-Album. „Jeder fragte mich nach dem abrupten Ende von The Civil Wars, ich musste mich als frischgebackene Mutter an einen neuen Lebensrhythmus gewöhnen, ich kämpfte um meine Ehe, die einer Generalüberholung bedurfte und hatte mit der Erkrankung meines Vaters zu tun, bei dem Krebs diagnostiziert worden war“, erzählt Williams. „Venus“ legt Zeugnis davon ab.

Fazit: Spannend.

Anspieltipps: Until the Levee, Woman (Oh Mama)

 

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Daughn Gibson – Carnation

Label: Sub Pop/Cargo Records VÖ: 2015

Ein Alter Ego ist ein guter Weg, Geschichten zu erzählen, die das wahre Ich vielleicht nie erzählen würde. Daughn Gibson ist so ein Alter Ego. Das von Josh Martin nämlich. Und die angesprochenen Geschichten, die erzählt der Mann aus Carlisle, PA auf seinem dritten Album „Carnation“. Gibson nimmt uns dabei mit auf eine dunkle Reise. Eine Reise, die nach dem Aufwachen aus einem ewigen Schlaf in einem Dystopia beginnt. Es geht um Tod, um Wiederauferstehung, um Bedauern, Krankheit und die Suche nach Intimität im Sex. Gibson hat den Blues, und er delivered ihn mit seinem Crooner-Organ vom Allerfeinsten. Eine Platte, die viel mehr Gewicht hat als das, was man sonst so im modernen Pop hört. Eine tiefschwarze Platte, die einen an Orte mitnimmt, an denen man nie sein wollte. Die einen an den Abgrund menschlicher Existenz führt. Unheimlich. Schön. Unheimlich schön.

Fazit: Absolute Kaufempfehlung.

Anspieltipps: Bled To Death, Shatter You Through, Daddy I Cut My Hair

 

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Emmylou Harris & Rodney Crowell – The Traveling Kind

Label: Warner VÖ: 2015

Sie haben offenbar Blut geleckt: Schon 2012 konnte der geneigte Zuhörer Folk-Legende Emmylou Harris (mehr als 15 Millionen verkaufte Alben) und Rodney Crowell auf einem gemeinsamen Duett-Album hören. Erst 2012 muss man sagen, den Crowell gehört schon seit vier Jahrzehnten zur Besetzung von Harris‘ Hot Band. Nun legen die beiden nach. „The Traveling Kind“ heißt der neue Longplayer. Eine Songsammlung, gespickt von Memphis-Grooves, klassischen countryesken Folkballaden – Eigenkompositionen und Cover – sowie Stories über Liebe und Kampf. Harris‘ fantastische Harmonien heben Crowells poetische Lyrics auf eine ganz neue Ebene. Joe Henry (Billy Bragg, Elvis Costello, Aime Mann) hatte hier als Produzent seine Finger im Spiel.

Fazit: Macht ganz nostalgisch.

Anspieltipps: I Just Wanted To See You So Bad (Lucinda Williams Cover), Bring It On Home To Memphis

 

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Miaoux Miaoux – School of Velocity

Label: Chemikal Underground VÖ: 2015

Samma, ist das? Nein! Oder doch? Antwort: Nein, es ist nicht. Es ist nicht Genesis, auch wenn der erste Track auf   „School of Velocity“ klingt, als sei er geradewegs „Invisible Touch“ geklaut worden. Hinter „School of Velocity“ steckt Multi-Instrumentalist, Producer und Sänger Julian Corrie alias Miaoux Miaoux aus Glasgow. Kennt man aus einer unserer letzten My-Soundtrack-Ausgaben. Zuletzt ist der Gute mit Remixen für Chvrches und Belle & Sebastian aufgefallen. Mit seinem neuen Machwerk führt er nun das fort, was er  mit seinem Debüt “Light Of The North” (2012) angefangen hat. Hochglanz-Elektropop, der spürbar durch 80er Jahre Pop und 90er Jahre Trance beeinflusst ist und durch eingängige Melodien besticht. Provoziert dann und wann Vergleiche mit Prince, Scritti Politti, LCD Soundsystem und Jam & Lewis.

Fazit: Abwechslungsreich, tanzbar, funky.

Anspieltipps: Peaks Beyond Peaks, Luxury Discovery, It’s the Quick

 

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Eric Pfeil – Die Liebe, der Tod, die Stadt, der Fluss

Label: Trikont/Indigo VÖ: 2015

Was viele wissen: Eric Pfeil ist ein begnadeter Autor. Davon kann man sich ja regelmäßig in seinen Pop-Tagebüchern überzeugen, die der Gute für den Rolling Stone schreibt. Was wenige wissen: Eric Pfeil ist auch ein sehr guter Musiker. „Die Liebe, der Tod, die Stadt, der Fluß“ ist bereits Pfeils zweites Album, und es ist ein richtig düsteres geworden. Pfeil nimmt die Rolle des Erzählers mit Akustikklampfe ein, der uns Geschichten vom Niedergang auftischt. Da geht es um depressive Detektive, verschwundene Schauspielerinnen oder Menschen aus Schaum. Klingt jetzt sehr schwarz, hat aber durchaus einen humorigen, ironischen Subtext. Wobei: Vielleicht wollen uns der Teufel und Eric Pfeil, die sich laut Waschzettel des Albums ja bestens kennen, da aber auch nur in Sicherheit wiegen, und es ist alles gar nicht ironisch und es wird doch nicht alles gut. Wer weiß. Was wir wissen: Eric Pfeil ist ein guter Storyteller und liefert hier 15 Stücke ab – zwischen Country, Pop und Singer-Songwriter-Stuff changierend -, die Lust auf mehr machen und dem Mann maximale street credibility verleihen, wenn er selbst mal wieder eine Platte rezensiert.

Fazit: Genug geschwefelt: teuflisch gutes Album.

Anspieltipps: Der depressive Detektiv, Clarissa unten am Fluss.
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Nozinja – Nozinja Lodge

Label: Warp VÖ: 2015

Wer sich ein wenig in der südafrikanischen Dance-Musik Shangaan Electro auskennt, der ist wohl schon auf den Namen „Nozinja“ gestoßen. Der Gute ist nämlich seit gut einem Jahrzehnt damit beschäftigt, dem Genre seinen Stempel aufzudrücken. Hochgepitchter Electro-Sound, unfassbare Rhythmen, eine Prise Afro-Futurismus und die souligen Melodien traditioneller südafrikanischer Klänge – eine Bombenmischung rührt er da an. Und das fast ohne Bass. Schräg und kunterbunt. Kaum zu glauben, dass der Mann aus Limpompo erst jetzt sein erstes Album veröffentlicht. Seine Tage als Handy-Verkäufer dürften damit wohl gezählt sein. „Nozinj Lodge“ offenbart einen echten Visionär der digitalen Diaspora des 21. Jahrhunderts.

Fazit: Überraschung des Monats. Macht gute Laune.

Anspieltipps: Baby Do You Feel Me, Xihukwani, Tsekeleke


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Yael Naim – Older

Label: Embassy of Music VÖ: 2015

Muss wohl gutes Karma gewesen sein: Bei einem Wohltätigkeitskonzert im Jahr 2000 in Paris wurde Yael Naim von einem französischen Major Label entdeckt. Die in Tel Aviv aufgewachsene Tochter tunesisch-jüdischer Eltern schaffte 2007 mit ihrem zweiten Album den großen Durchbruch in der Grande Nation, und als Apple 2008 den Song „New Soul“ von ihr in einer Werbung für das Macbook Air verwendete, steigerte das dann auch ihren Bekanntheitsgrad außerhalb Frankreichs. Für „Older“ arbeitete Naim wieder mit dem Multi-Instrumentalisten David Donatien zusammen. Herausgekommen ist eine Sammlung von elf Titeln, die sich in dem Spannungsfeld zwischen Guter-Laune-Musik, reduziertem Satzgesang und folkig hebräischem Chanson bewegen. Eine relaxte, verträumte Platte, die zum Chillen einlädt.

Fazit: Charmant.

Anspieltipps: Make a Child, Trapped

 

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A$AP Rocky – At.Long.Last.Asap.

Label: RCA/Sony VÖ: 2015

Zwei Jahre nach seinem Debütalbum „LONG.LIVE.A$AP“ veröffentlichte A$AP Rocky in einer Nacht- und Nebelaktion überraschend den Nachfolger „AT.LONG.LAST.A$AP“. Der New Yorker Rapper produzierte den Longplayer unter anderem zusammen mit Danger Mouse (Broken Bells, Gnarls Barkley). Glanzlicht des Machwerks: die erste Single des „Everyday“, eine generationsübergreifende Superstar-Kollaboration mit Rod Stewart, Miguel und Mark Ronson. Letzterer produzierte den Song. Auch die raue Soulstimme des Straßenmusikers Joe Fox, den der Rapper aus Harlem zufällig vor einem Londoner Studio aufgabelte, tut dem Album gut. Er ist gleich mehrfach auf dem Album zu hören, das sehr laid back daher kommt – und aus der Vorliebe des Hip-Hoppers für LSD kein Geheimnis macht.

Fazit: Nice.

Anspieltipps: Everyday, Holy Ghost

 

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The Great Faults – Trust Me

Label: Supermusic/Al!ve VÖ: 2015

The Great Faults sind ein Indie-Rock-Duo, und ja, mann kann sagen, fast schon eine Art Schicksalsgemeinschaft. Drummer Johannes Woodrow Wagner verdankt seinen Zweitnamen dem Ur-Vater des Folk, Woodie Guthrie. Sänger und Gitarrist Martin Arlo Kroll ist nach dessen Sohn Arlo Guthrie benannt. Das Duo spielt allerdings keinen Folk, sondern Rock, Blues, Soul, Indie, Grunge und Pop. Ein kruder Mix, der aber auch auf ihrem zweiten Album „Trust“ überraschend gut funktioniert, obwohl die beiden Jungs aus Mühlheim an der Ruhr auf einen Bassisten verzichten. Erdig, cool, knapp und authentisch. Hat was von Jack White. Gerne mehr davon.

Fazit: Geheimtipp!

Anspieltipps: World Goes By, Collect

 

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Paradise Lost – The Plague Within

Label: Century Media (Universal) VÖ: 2015

Die musikalische Entwicklungskurve von Paradise Lost lässt sich grob mit der Flugbahn eines Bumerangs vergleichen: Als Death-Metal-Band gestartet wurden die Briten in den 1990ern zu Pionieren des Gothic-Metal, die sich schließlich mit dem umstrittenen „Host“ bis an die Haustür von Depeche Mode hinaus wagten. Nach einem zunächst eher halbherzigen Schritt zurück auf den folgenden Alben knüpfte die Band ab dem 2007er Album „In Requiem“ wieder an die erfolgreichste Phase ihrer Geschichte an. Mit dem jüngsten Werk „The Plague Within“ gräbt der Halifax-Fünfer sogar noch tiefer, Frontmann Nick Homes lässt stimmlich – offenbar inspiriert von seinem Gastspiel bei Bloodbath – tatsächlich wieder die Death-Metal-Sau von der Leine. Daneben kommen – abgesehen von der kurzen Elektro-Phase – aber auch alle anderen Phasen der Bandgeschichte zu ihrem Recht. Klingt unoriginell? Mag sein, aber wen juckt’s, wenn dabei einige der besten Songs der jüngeren Bandgeschichte herausspringen. (Timo Leszinski)

Fazit: So gut kann sich Hoffnungslosigkeit anfühlen.

Anspieltipps: No Hope In Sight, Beneath Broken Earth

 

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Clara Louise – Erde

Label: 47 Music VÖ: 2015

Clara Louise? Den Namen haben findige Neon-Ghosts-Leser schon durch „My Soundtrack“ kennengelernt.  Andere wiederum kennen die Newcomerin vielleicht durch ihren Weihnachtssong „Merry, Merry Christmas“ (2010) für Fabian Buch, der sich über sechs Wochen lang in den Top-100 der deutschen Media-Control Charts halten konnte. Und als Teenie verbuchte sie mit englischsprachigen Titeln einige Charterfolge („Until The End“ / 2009). Seither ist etwas Wasser den Rhein runter geflossen, aus der jungen Sängerin eine erwachsene Frau geworden und der Fokus von Englisch auf Deutsch geschwenkt. Das Ergebnis dieses Reifeprozesses liegt nun mit Claras Debütalbum „Erde“ vor. Aufgenommen in Eigenregie mit Band in ihrer Wahlheimat Salzburg, stammen die sich auf dem Album befindlichen Titel allesamt aus Clara Louises Feder. Abgesehen vom Cover von „Am Tag als Conny Kramer starb“  (Juliane Werding) natürlich. Clara Louise verhandelt in ihren melancholie-schwangeren Texten vor allem die Themen Mut und Hoffnung, die Suche nach der eigenen Identität. Dabei bewegt sie sich gekonnt zwischen verschiedenen Genres wie Singer/Songwriter-Stuff, Pop, Folk und Rock.

Fazit: Vorsicht, Ohrwurm-Gefahr. Mancherorts wird die Gute bereits als neue Nena gefeiert.

Anspieltipps: Irgendwann, Auf Ewig Dein

 

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Sassy Society – Lipstick Love Affair

Label: K-Klangträger VÖ: 2015

Auch Sassy Society – vertreten durch Gitarrist Ivory Stardust – ließen sich schon mal in unserer My-Soundtrack-Reihe blicken. Wer es verpasst hat: Sassy Society sind ein neuer Stern am 80s-Rock-Himmel. Irgendwie zu spät dran, etwa 30 Jahre, aber gerade das macht die Combo so sympathisch. Vince Neil, Sebastian Bach und Axl Rose würden Freudentränen verdrücken, wenn sie um die Existenz der Hamburger Sleaze- und Glam-Rocker wüssten. Von diesem bunten Haufen, der mit einer Mischung aus jugendlicher Begeisterung und rund einer Dekade Bühnenerfahrung dem Rock’n’Roll wieder Leben einzuhauchen versucht. Und das offenbar erfolgreich. Gegründet im April 2012, wurde bereits im Juli desselben Jahres eine 6-Track-EP im K-Klangstudio in Hamburg eingespielt und in Eigenregie veröffentlicht. Nun liegt die Debüt-LP vor, die den schmucken Namen „Lipstick Love Affair“ trägt und stark an etwas erinnert, das die 80er-Version von Guns ‚N Roses fabriziert haben könnte. Das schmeckt, riecht, atmet Rock’n Roll. Mal treten die Jungs richtig aufs Gas, liefern aber auch einige nette Balladen ab. Wie die großen Vorbilder, inklusiver slash-esker Soli. Der ideale Soundtrack für den Weg über die Reeperbahn, den fünften Shot oder den Sprung auf den Tresen, verspricht der Waschzettel zum Album vollmundig, aber auch für den Morgen danach am Hafen oder den Heimweg durch die leeren Straßen St. Paulis. Kann man so unterschreiben.

Fazit: Kicks Ass.

Anspieltipps: Don’t Mess With The Boys, Black Roses

 

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Carpark North – Phoenix

Label: Sony VÖ: 2015

Carpark North ist eine dänische Elektro-Rock-Band, die 1999 in Aarhus gegründet wurde. Den ersten Plattenvertrag unterschrieb die Kapelle 2000 bei EMI Dänemark, das Debütalbum „Carpark North“ erschien im Februar 2003. War damals ein Riesenknüller, die erste Single „Transparent & Glasslike“ wurde ein Radio-Hit und das Album erreichte Platin-Status. 2009, einige national erfolgreiche Alben später, meldete sich das schwedische Management Mr. Radar bei Carpark North, das der Band einen weltweiten Vertrag bei Sony Music vermittelte. 2011 eröffnete die Band im Herzen von Kopenhagen eines der luxuriösesten Studios Dänemark, das Apparat Studio. Die zwei folgenden Jahre verbrachten sie mit den Aufnahmen eines neuen Albums, das sie selbst produzierten. Das Ergebnis: „Phoenix“, gemischt von Michael Ilbert (Robyn, Katy Perry, Taylor Swift). Knallt dann und wann ordentlich, wird hierzulande aber nicht den Erfolg einheimsen, den es in Dänemark hatte. Zu überproduziert, zu wenig Rock, zu viel Tamtam. Bei unseren nördlichen Nachbarn ging das Ding bereits im Januar 2014 über die Ladentheke. Sowohl Album als auch die Single „32“ erreichten Platz eins der dänischen Charts.

Fazit: Für Fans.

Anspieltipps: 32

 

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Conway Twitty – Rocks At The Castaway

Label: Bear Family VÖ: 2015

Wir schreiben August 1964, als Conway Twitty und seine Band, die Lonely Blue Boys, ein paar Shows im Castaway performten, einer legendären Club-Bar in Geneva-on-the-Lake am Erie-See in Ohio. Twitty hatte zu diesem Zeitpunkt seine erste Karriere beinahe hinter sich: 14 Songs platzierte der Gute zuvor in den Top100, darunter den Nummer-Eins-Hit „It’s Only Make Believe“ (1958). Bei den Castaway-Aufnahmen, die damals nicht zum Zwecke der Veröffentlichung entstanden, schielte er jedoch auf eine neue Laufbahn im Country-Genre, die ein Jahr später auch ins Rollen kommen sollte und ihm bis zu seinem Tode mit 59 im Jahr 1993 noch jede Menge Hits bescheren sollte.  1964 bestand sein Repertoire aber noch überwiegend aus Rock ‘n’ Roll-Nummern. Allerdings würzte Twitty seine Auftritte bereits mit Country-Klassikern und aktuellen Titeln. Die Shows im Castaway zeichnen sich durch einen gritty club vibe aus, der spielfreudige Twitty und das Publikum waren in Bestform. Danach lagen die Bänder viele Jahre unbeachtet in Regalen, bevor in den späten 1970ern einige  Alben mit Auszügen aus dem Material erschienen. Die damals in den U.S.A. veröffentlichten Platten klangen fürchterlich und zeichneten sich durch grauenhafte Grafiken auf den LP-Hüllen aus, sie waren lieblos zusammengestellt und kein Hörvergnügen. Das ist mit der nun vorliegenden Bear-Family-Veröffentlichung anders, nie zuvor konnte man den mit Raritäten gespickten Mitschnitt in derart guter Soundqualität erleben. Das Booklet im Digipak erzählt überdies mit Clippings aus Zeitungsartikeln, Postern und Illustrationen die Geschichte rund um die Castaway-Aufnahmen.

Fazit: Conway Twitty am Wendepunkt. Kleinod für Fans und Musikhistoriker.

Anspieltipps: Your Cheating Heart, Lawdy Miss Clawdy, It Keeps Right On a Hurting, It’s Only Make Believe

 

 

 

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