Neu im Plattenschrank: Januar 2016

blackstar

David Bowie – Blackstar

Label: Sony Music VÖ: 2016

Es war ein Abschied, wie ihn nur David Bowie hinbekommen konnte. Nur Tage nach der Veröffentlichung von „Blackstar“ verstarb der britische Musiker. Die Folge: Schock. Ungläubigkeit. Trauer. Ich müsste jetzt lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich mich von solchen Emotionen bei der Besprechung des Albums freimachen könnte. Kann ich nicht. Aber: Muss ich auch nicht. Es ist schließlich das Wesen einer Rezension, dass sie eben höchstsubjektiv ist. Anders als bei „The Next Day“ hat Bowie zumindest um die Veröffentlichung seines 25. Albums diesmal kein Geheimnis gemacht.  Interviews gab der Gute jedoch nicht. Ein Bowie musste sich nicht mehr erklären, das war in den vergangenen Jahren auch nicht anders. Das Reden übernahm stattdessen Produzent Tony Visconti, der allerdings hinsichtlich des Gesundheitszustands des Thin White Dukes öffentlich lügen musste. Die Wahrheit dufte er allerdings wohl hinsichtlich des Entstehungsprozesses gesagt haben. Dass hier einer Abschied nehmen wollte (auch wenn er angeblich sogar noch ein weiteres Album geplant hatte). Dass man während der Aufnahmen beispielsweise gerne gemeinsam Kendrick Lamar gehört habe und sich von dessen Offenheit inspirieren ließ. Und dass man den Rock’n’Roll umgehen wollte. Oder dass man den zehnminütigen Opener sogar gekürzt habe, damit es mit iTunes keine Probleme gibt, das ein Zeitlimit für Singles fordert. Seine Ziele konnte Bowie offensichtlich erreichen: Rock’nRoll ist das Album nicht, sondern mehr düsterer Jazz. Entsprechende Impulse bekam der 69-Jährige vom Quartett des Avantgarde-Jazzers Donny McCaslin, der bei Bowie um die Ecke im West Village musizierte. Die dominierenden Instrumente? Schlagzeug und Saxofon. Bowie channeling Kamasi Washington, Floating Points und Flying Lotus. Das eher konventionelle „The Next Day“ macht er damit vergessen. Die eingängigsten Songs sind sicherlich das meisterhafte und titelgebende „Blackstar“, der Opener, mit Bowies gespenstisch anmutender Stimme, den wunderbaren Streichern und dem 80s-Bass. Großartig. „Dollar Days“ bleibt ebenso im Ohr. Doch auch die anderen Songs sind Großtaten, da wieder einige Haken geschlagen werden. Das macht es so aufregend, unabhängig von den Umständen der Veröffentlichung, dieses Album zu hören. Bowie zu hören. Im Jahr 2016. „Look out here I’m in heaven„. Was bleibt ist Gänsehaut.

Fazit: Ein würdevoller Abschied. He wil be missed.

Anspieltipps: Blackstar, Dollar Days, Lazarus

 

Rihanna_-_Anti

Rihanna – Anti

Label: Westbury Road/Roc Nation VÖ: 2016

Rihanna ist in Geber-Laune. Mirnichtsdirnichts veröffentlichte sie Ende Januar einfach mal eben so einen neuen Longplayer. Ihren achten. Ohne viel Tamtam und Zinnober im Vorfeld. Ein Guerilla-Release. Und das auch noch fer umme, wie der Franzose sagt. Also als Free Download. Bereits drei Jahre liegt „Unapologetic“, das letzte Album der Musikerin aus Barbados zurück, eine gefühlte Ewigkeit im Schaffenszyklus der sonst so produktiven Pop-Ikone. In den vergangenen Wochen haute sie immer mal wieder einen Song raus, die aber so unterschiedlich waren, dass man sie sich im Kontext eines Albums noch nicht so recht vorstellen konnte: etwa das „Bitch Better Have My Money“, das soulige „FourFiveSeconds“ oder das chillige „Work“, das als einziger Titel tatsächlich auf „Anti“ zu finden ist. Was sich da schon andeutete, wird auf dem Album aber letztlich Gewissheit: „Anti“ ist extrem vielseitig geworden. Jazz, Funk, Soul, Dubstep, Doubletime Vocals – alles dabei. Ebenso überraschend wie großartig: das Tame-Impala-Cover „Same Ol‘ Mistakes“, über das der „Spiegel“ treffend schreibt, es höre sich an, als „hätte Rihanna sich zusammen mit den Gorillaz, Todd Rundgren und Ray Manzarek einen durchgezogen.“ Kann man so stehen lassen.

Fazit: Gelungenes Statement der Queen of Pop.

Anspieltipps: Work, Same Ol‘ Mistakes

 

file4

Bloc Party – Hymns

Label: Infectious/BMG/PIAS (Coop.) VÖ: 2016

2016 war bislang vor allem das Jahr der Abschiede. Natalie Cole, David Bowie, Glenn Frey … aber es ist auch das Jahr der Wiedergeburt von Bloc Party. Seit 2013 legte die Band eine Pause ein, Bandmitglieder wurden ersetzt, es schien nicht gut um die Combo zu stehen. Jetzt kehren Kele Okereke und Russell Lissack zu ihren Ursprüngen zurück. „Bloc Party started with just Kele and I, and we used to write the songs together, and we found other people and grew from that. It feels like that’s happened again“, so Russell. 2014 fingen die beiden wieder an, gemeinsam Songs zu schreiben und wurden bald durch zwei neue Bandmitglieder verstärkt, so dass Bloc Party wieder zu einem Quartett zusammenwuchs. Bassist Justin Harris kam von Menomena, Louise Bartle wurde von den beiden auf YouTube entdeckt. „It’s good to have someone bringing that energy of doing it for the first time. It’s made us all excited about going forward.“ Überträgt sich die wiedergefundene Spielfreude auch aufs neue fünfte Album? Thematisch geht’s um Religion, um Glauben und Hingabe, der Name „Hymns“ ist bereits ein Hinweis darauf. Klanglich? Darf man das durchaus Pop nennen. Und: Es klingt vor allem nach Kele Okereke. Könnte beinahe eine Solo-Platte von ihm sein. Kele blüht gesanglich auf diesem Machwerk deutlich auf, aus dem Mittelmaß reißt er die Platte aber auch nicht raus.

Fazit: Bloc Party auf links gedreht. Auf jeden Fall ein mutiger Schritt.

Anspieltipps: The Love Within, Different Drugs

 

JOCHEN_DISTELMEYER_Album_500

Jochen Distelmeyer – Songs from the Bottom Vol.1

Label: Four Music VÖ: 2016

Jochen Distelmeyer ist unter die Schriftsteller gegangen. Habt ihr wahrscheinlich mitbekommen. Auf der Lesereise zu seinem Romandebüt „Otis“ hat der Gute sein Auditorium nicht nur mit frei gesprochenen Rezitationen überzeugt, sondern auch mit der Performance einiger seiner Lieblingslieder aus fremder Feder überrascht. Jetzt hat der ehemalige Blumfeld-Frontmann ein Akustikalbum aufgenommen (sein erstes musikalisches Lebenszeichen seit sieben Jahren), das genau solche Songs umfasst. Auf „Songs from the Bottom Vol. 1“ sind zwölf englischsprachige Stücke über die Liebe, den Schmerz verlorener Illusionen und das Weitermachen zu hören. Darunter Unerwartbares. Wie die hörenswerte Version von Britney Spears’ „Toxic“ (wow!). Oder „Video Games“ von Lana Del Rey sowie The Verves „Bitter Sweet Symphony“. Kann man mal so machen. Ansonsten versucht sich Distelmeyer (meist erfolgreich) an Klassikern von Kris Kristofferson, Al Green, Avicii, Joni Mitchell und Radiohead, einfühlsam produziert von Swen Meyer. Distelmeyer: „Nach all den Jahren, in denen ich auf Deutsch meine eigenen Songs geschrieben habe, hat es Spaß gemacht, Lieder anderer Künstler zu interpretieren und dafür in ein anders Fach zu wechseln.“

Fazit: Uns hat es auch Spaß gemacht.

Anspieltipps: Toxic, Video Games, Bitter Sweet Symphony

 

basiabulat

Basia Bulat – Good Advice

Label: Secret City/Rough Trade VÖ: 2016

Wir möchten uns zwar gern der Illusion hingeben, dass bei unseren Lesern soweit alles im Lot ist. Aber realistischerweise müssen wir davon ausgehen, rein statistisch betrachtet, dass sich der eine oder andere von Euch gerade in einer schmerzvollen Trennung befindet. Wer nun bereits diverse Kuschelrock-Sampler quergehört hat und wem nun der Sinn danach steht, dieser einschneidenden Phase einen würdigen Soundtrack zu geben, der sollte zu Basia Bulats „Good Advice“ greifen. Ist schon das vierte Album der Dame. Und wir legen uns fest: es ist das ultimative Trennungsalbum. Die kanadische Singer-Songwriterin steckte bei den Aufnahmen gerade selbst in ihrem ganz persönlichen Break-Up. Auf der Fahrt von Toronto nach Louisville, Kentucky zu den Aufnahmen entschied sie sich, dass ihr Abgesang auf die große Liebe anders klingen soll als das, was man in solchen Situationen gemeinhin so hört. Kurze Songs mit knackigen Melodien, Soul, Gospel, Power-Pop – oder kurzum: Trotz-Pop mit Fuck-You-Attitüde. Trennungsschmerz, den man wegtanzen kann, produziert von Jim James (My Morning Jacket). We love it. Vielleicht ist ihr ja das ein Trost.

Fazit: Absolute Kaufempfehlung.

Anspieltipps: La La Lie, Long Goodbye, In the Name Of

file4-7

Matt Simons – Catch & Release

Label: PIAS VÖ: 2016

Manchmal geht das Leben schon seltsame Wege. Da gelingt dem US-Singer-Songwriter Matt Simons tatsächlich das Kunststück, mit seinem Deepend-Remix von „Catch & Release“ auf Platz eins der deutschen Singlecharts vorzustoßen – und niemand Geringeren als Pop-Queen Adele vom Thron zu stoßen. Simons nutzt das Momentum und veröffentlichte nun die Neuauflage seines gleichnamigen Studioalbums „Catch & Release“, das ursprünglich vor genau einem Jahr auf den Markt kam. Klar, der Remix ist auch drauf. Obendrein gibt’s drei bislang unveröffentlichte Songs. „Catch & Release“ entstand in Zusammenarbeit mit verschiedenen Songwritern und Produzenten aus den USA und den Niederlanden. „Nach anderthalb Jahren Schreibblockade war das eine Phase voller Kreativität“, so Simons. Seine Musik ist geprägt von eindrücklichen Harmonien, traurig-melancholischen Texten und Songstrukturen, die sich an den Beatles orientieren. Heitere Melancholie, wenn man so will. Vielleicht gelingt ja auch bald der Durchbruch bei den eigenen Landsleuten. Bisher fahren vor allem Deutschland und die Nachbarländer auf den talentierten Musiker ab.

Fazit: Im Auge behalten.

Anspieltipps: Catch & Release (Original & Deepend-Remix)

 

BAP_Album

Niedeckens BAP – Lebenslänglich

Label: Universal VÖ: 2016

BAP werden 40. Für die Kölner Rock’n’Roll-Band aber kein Grund wehmütig zurückzublicken. Statt einfach nur ein Best-Of auf den Markt zu werfen, blickt die Kapelle um Wolfgang Niedecken lieber nach vorn und veröffentlicht mit „Lebenslänglich“ ihr 18. Studioalbum (und das erste reguläre seit fünf Jahren). Es ist das erste reguläre BAP-Studioalbum seit fünf Jahren. Produziert haben „Lebenslänglich“ die BAP-Musiker Anne de Wolff und Ulrich Rode, abgemischt wurde es von Stewart Lerman in New York. Es ist vielleicht der lässigste BAP-Longplayer überhaupt. Auf ihre alten Tage haben die Kölsch-Rocker irgendwie an Coolness gewonnen. Das Album: Leiser Anfang, danach ein herbes Resümee des eigenen Lebens, schwere Gedanken, wie man sich vom kölschen Springsteen gewohnt ist, ein bisschen Südstaaten-Feeling und ein paar liebgemeinte Seitenhiebe gegen die Heimatstadt. Verspielt, akustisch, rockend und warm – ein gelungenes Gesamtpaket. BAP halten nichts zurück: Niedecken versucht sich sogar im Hochdeutschen („Absurdistan“):

Fazit: Gelungener Beitrag zum Kölschen Song Book. Auf die nächsten 40!

Anspieltipps: Alles Relativ, Dä Herrjott Meint Et Joot Mit Mir, Unendlichkeit

 

Sivert Hoyem Album Cover Lioness

Sivert Høyem- Lioness

Label: Hektor Grammofon VÖ: 2016

Der Singer-Songwriter Sivert Høyem ist in seiner Heimat Norwegen ein echter Star. Eine große Nummer, die die ganz großen Konzertsäle füllt. Wenn ihn hierzulande jemand kennt, dann vor allem durch seine Zeit bei der melancholischen Rock-Band Madrugada, die nach dem Tod des Gitarristen Robert Solli Burås im Jahr 2007 ein jähes Ende fand. Kein jähes Ende fand ihr musikalisches Erbe, denn das pflegt Sivert Høyem immer noch. Das Düstere zieht den guten Mann immer noch an. Und es lässt ihn auch auf seinem mittlerweile sechsten Soloalbum nicht los, das – wenig überraschend – äußerst melancholisch, fast bis ins Kitschige, daherkommt. Auch wenn’s paradox klingt: In seiner ganzen Schwermut ist das Ding immer noch leichter als die Vorgänger-Longplayer. Über allem thronend: Siverts wunderbarer, tiefer Bariton. Manchmal werden Erinnerungen an Springsteens dunklere Phasen wach, aber auch Roy Orbison kommt einem in den Sinn. Musik für die Einsamen.

Fazit: Melancholisch? Können die Skandinavier. „Lioness“ ist einer unserer Geheimtipps des Monats.

Anspieltipps: Sleepwalking Man, Lioness, Fool To Your Crown, My Thieving Heart (feat. Marie Munroe)

 

crookes

The Crookes – Lucky Ones

Label: Anywhere Records/The Orchard VÖ: 2016

Nein, im Mainstream sind die Crookes auch nach drei Alben noch nicht angekommen. Obwohl das Debüt („Chasing After Ghosts“) ja doch ganz vielversprechend war. Aber der ganz große Wurf ist dem Quartett aus Sheffield – bestehend aus George Waite (Gesang/Bass), Daniel Hopewell (Lyrics/Gitarre), Tom Dakin (Gitarre) und Neuzugang Adam Croft (Drums) – halt noch nicht gelungen. Das soll sich mit dem vierten Longplayer „Lucky Ones“ nun ändern, mit dem die Engländer nun einen Neuanfang beschwören. Inhaltlich und klanglich sieht das dann so aus: Die Band kehrt von der Melancholie ab und wendet sich der Romantik zu. Das führt zu einigen ganz starken Momenten, aber nicht zu den ganz großen Hits. Dennoch ein schönes, konsistentes Album – die Band ist wieder auf dem richtigen Weg.

Fazit: Macht gute Laune.

Anspieltipps: I Wanna Waste My Time On You, The World Is Waiting

 

bombay

Bombay – Show Your Teeth

Label: V2/H’art VÖ: 2016

Bombay sind wieder da: Nach zwei Jahren des Rumprobierens ist das holländische Indie-Rock-Trio aus Amsterdam wieder mit einem neuen Longplayer im Spiel. Der Titel „Show Your Teeth“ ist dabei Programm: Es geht ums Zähne zeigen, ums Durchbeißen, in schwierigen Zeiten. Die Besetzung der Band hat sich in der Zwischenzeit übrigens geändert: Zu Mathias Janmaat (Gesang/Gitarre) und Gijs Loots (Bassgitarre) ist Lisa Ann Jonker (Schlagzeug) gestoßen, die Linda van Leeuwen ersetzt. Van Leeuwen verließ die Kapelle aufgrund von „Disharmonien“ im Bandgefüge. Diese Erfahrung verarbeitete der musikalische Kopf Janmaat auf „Show Your Teeth“. Die Songs auf der neuen Platte sind introspektiver, als man es von den Niederländern gewohnt ist.  Der Blick richtet sich nach innen. Das Ganze findet seinen Höhepunkt im Song „Slow Motion“. Janmaat formuliert hier den Wunsch, niemals in diese dunklen Tage zurückzukehren. Niemals zurückzugehen zu der Zeit, als man sich fühlte, als würde man in einer Zeitlupe feststecken. Er muss sich wohl keine Sorgen machen. Dank dieser Platte: Brighter days ahead.

Fazit: Bittersüß.

Anspieltipps: Slow Motion, Dolly Doesn’t Want To Face The Facts

 

kingsized

Dressy Bessy – Kingsized

Label: Yep Roc Records VÖ: 2016

Sieben Jahre war es still um Dressy Bessy aus Denver, nachdem der letzte Longplayer „Holler and Stomp“ ökonomisch gefloppt war. Das traf die Kapelle damals hart, die Enttäuschung saß tief. Nun meldet sich die Indie-Rock-Formation auf dem Label Yep Roc Records zurück. Macht doch einen ganz guten Eindruck, was Tammy Ealom (Vocals), John Hill (Gitarre), Craig Gilbert (Drums) und Marcus Renninger (Bass) da angerührt haben. Hilfe bekamen Dressy Bessy von R.E.M.-Gitarrist Peter Buck, Wild-Flag-Keyboarder Rebecca Cole und Polyphonic-Spree-Drummer Jason Garner. „This album has taken so long to come around,” sagt Ealom. “I was just bottling up so much bulls–t, and I wasn’t sure what it was or where it was coming from or where it was going. And then all of a sudden it’s, like, boom, OK – within a month, I had an album’s worth of songs.” Die Melodien sind eingängig, die Texte subversiv. Welcome back, Dressy Bessy.

Fazit: Gelungenes Comeback.

Anspieltipps: Lady Liberty

ignite

Ignite – A War Against You

Label: Century Media Records VÖ: 2015

Zehn Jahre haben sich Ignite für ein neues Album Zeit gelassen. Da stellt sich der geneigte Hörer vor dem Auflegen von „A War Against You“ natürlich die Frage: Hat es die Melodic-Hardcore-Institution aus Orange County noch drauf? Doch nach dem ersten Durchlauf sind die Zweifel weggeblasen. Die Melodien schrauben sich mit Hochgeschwindigkeit im Gehirn fest. Frontmann Zoltan „Zoli“ Teglas klingt immer noch wie Scorpions-Sänger Klaus Meine auf Steroiden. Und auch eine Reminiszenz an die ungarischen Wurzeln des Shouters findet sich wieder – diesmal in Form einer ungarischen Version des tollen „Where I’m From“ als Hidden Track. Im Vergleich zu den Vorgängern gehen Ignite ein wenig zahmer, teils fast schon Stadion-Rock-kompatibel zu Werke. Und ein paar schwächere Tracks haben sich auch eingeschlichen. An den Genre-Klassiker „Our Darkest Days“ von 2006 reicht „A War Against You“ deshalb nicht ganz heran. (Timo Leszinski)

Fazit: Gelungene Rückkehr. Das nächste Album dann bitte vor 2026.

Anspieltipps: Nothing Can Stop Me, Where I’m From

 

pruple

Baroness – Purple

Label: Vertigo Berlin VÖ: 2015

Dass es nach dem 2012er Doppelalbum Yellow & Green wieder ein Lebenszeichen von Baroness gibt, ist nicht selbstverständlich. Waren doch mehrere Bandmitglieder schwer verletzt worden, als bei einer Tour vor dreieinhalb Jahren der Bandbus in England von einer Brücke stürzte. Sicher ließe sich wild spekulieren, inwiefern der Unfall nun den Sound von „Purple“ beeinflusst hat. Man könnte aber auch einfach sagen: Baroness haben mit teilerneuerter Besetzung ein bärenstarkes Album eingespielt. Einen Zacken heavier und kompakter als auf dem progressiven Vorgänger geht man zu Werke. Der Stil irgendwo zwischen Sludge, klassischem Hardrock und Prog ist immer noch ziemlich einmalig. Und tolle Melodien schüttelt die Band aus Georgia auch wieder reihenweise aus dem Ärmel. (Timo Leszinski)

Fazit: Baroness sind zurecht mittlerweile mehr als ein Geheimtipp.

Anspieltipps: Shock Me, Chlorine & Wine

 

epp2

Matt Epp – Ready in Time

Label: Tonetoaster Rec/Alive VÖ: 2016

Kennt man ja: In Deutschland sind wir oft ein bisschen hintendran. So auch im Falle von „Ready in Time“, der neuen EP der Folk-Rock-Veteranen Matt Epp aus Winnipeg. In Kanada ist das Ding nämlich bereits vor einem halben Jahr erschienen, hierzulande erst jetzt. Soll uns nicht weiter stören. Ändert nämlich nichts am guten Storytelling, das Epp auf dieser Acht-Track-EP unter Beweis stellt und dem stimmigen Americana-Sound, der sich durch die rund 30 Minuten der Platte zieht. Gerne mehr davon.

Fazit: Eindringliche Melodien – da bleibt was haften.

Anspieltipps: Aftermath, Go Somewhere

 

invivo_arise_cover

Invivo – Arise

Label: Be True VÖ: 2015

Muse, Karnivool und Deftones – ganz schöne Vergleiche, die sich Invivo gefallen lassen muss. Das Power-Trio aus dem italienischen Udine existiert seit 2007, gegründet von Mastermind Marco Celotti (Gesang, Gitarre, Programmierung) und Elvis Fior (Drums). Ihr erstes Album “Mars“ , produziert 2008 in den Saojo Studios, war eine Mischung aus Alternative- und Nu Prog- Elementen. 2009 bekam die Formation aus Nord-Italien einen weiteren Mitstreiter am Bass, Michele Orselli, wenig später veröffentlichte die Formation ihr selbstproduziertes Debütalbum “Change Tomorrow“ (2010) und ging erstmals auf Tournee. Nach der erfolgreichen EP „Warp“ wurde Produzent Fabio Trentini (Guano Apes, H-Blockx, Subway to Sally, Mr. Mister) aufmerksam. Das Resultat ihrer Zusammenarbeit liegt nun mit „Arise“ vor. Eigentlich ein Re-Release eines bereits in Eigenregie veröffentlichten Longplayers. Darauf zu hören: grooviger, moderner Prog-Rock, eine gewisse Experimentierfreude, krachender Rock, eingängiger Pop. Kann was werden.

Fazit: Potenzial ist da.

Anspieltipps: Always, Unchained, Sulfur

 

file4-8

Chris Brown – Royalty

Label: Sony VÖ: 2015

Ich will ehrlich sein: Seit den handfesten Streitigkeiten mit Rihanna geht mir Chris Brown nicht mehr so rein. Kann ich beim Hören seiner Musik nicht ausblenden. Trotzdem der Versuch einer unvoreingenommenen Rezension: Brown hat Ende Dezember mit „Royalty“ sein neuestes Album vorgelegt. 18 Tracks, die in Kollaboration mit Polow Da Don, Danjah, Blaq Tuxedo, Boi-1da, Vinylz und The Monsters entstanden sind. Der Nachfolger zu „Fan Of A Fan“ (zusammen mit Tyga), das immerhin Platz vierzehn der offiziellen deutschen Albumcharts erreicht hatte. Benannt hat Brown das neue Machwerk nach seinem Nachwuchs, daher auch das Cover-Artwork. Das heißt aber nicht, dass sich Brown auch inhaltlich dem Vater-sein widmet. Im Gegenteil. Gleich im Opener „Let me love you“ heißt es „Fuck you back to sleep, girl.“ Später wird’s auch nicht besser. Man merkt: Same old shit. Sex, Drugs (Alcohol), Cars and Ho’s. Nicht unbedingt die Themen, die man auf einer einem Kleinkind gewidmeten Platte vermuten würde.

Fazit: Langweilig.

Anspieltipps: Make Love

 

XIXASMALL

XIXA – Bloodline

Label: Glitterhouse/Indigo VÖ: 2016

Die Wüste hat eine eigene Frequenz, einen einzigartigen Sound, den man in der Wildnis um Tucson oder den südlichen Ausläufern der Sahara wahrnehmen kann. XIXA aus Arizona absorbieren diese Klänge und integrieren sie als wichtigsten Bausteins in ihr Debütalbum „Bloodline“, den Nachfolger der kürzlich erschienen „Shift + Shadow“ EP. XIXA, wer? Die Band um Brian Lopez und Gabriel Sullivan kommt aus der Indie-Rock-Szene Tucsons, Lopez und Sullivan sind außerdem Mitglieder der Livebands von Giant Sand, William Sedlmayr und Calexico. Die Musik des Sextetts reicht von Psychedelic Rock über Cumbia, bis hin zu westafrikanischem Desert Blues (Tinariwens Sadam Iyad Imarhan schrieb mit XIXA den Titel „World Goes Away“, der sich ebenfalls auf dem Album befindet.  „Bloodline“ markiert damit auch die Abkehr von XIXAS Anfängen als reine Chicha-Band (ein Subgenre des Cumbia). Es ist ein Stück weit eine Identitätssuche der Band, die zum Teil der 2. und 3. Generation lateinamerikanischer Künstler besteht, aber englischsprachig aufgewachsen ist. Ein eigener Take des Vintage-Latino-Sounds.

Fazit: Spannend.

Anspieltipps: Bloodline, Killer

 

image002-3

Sidestepper – Supernatural Love

Label: Real World Records/PIAS/Rough Trade VÖ: 2016

Und noch ein Comebeack: Sidestepper sind wieder da, nach acht Jahren ohne Plattenvertrag. Auf ihrem neuen Album „Supernatural Love“ verbindet die Truppe um den britischen Frontmann Richard Blair beatlastigen Dancehall mit traditioneller Cumbia. Dementsprechend werden viele traditionelle Instrumente wie Shaker, Flöten, Gitarren, Handtrommeln und Kalimbas verwendet. Kolumbianischer Dub trifft auf den für Sidestepper typischen Bass. Die erstklassige Stimme von Erika Muñoz gibt dem Sextett die besondere Note. Ein neuer musikalischer Weg für die Kapelle. Inspiration holte sie sich bei für die afro-lateinamerikanische Region typischen Tanzbands und Klassikern der Elektromusik der 80/90er. Gleich drei Jahre blieb Blair Anfang der 90er in der kolumbianischen Hauptstadt Bogota, um die „urban vibes“ aufzusaugen, seinen musikalischen Horizont zu erweitern und die lokale Clubszene zu genießen. Wieder zurück in London legte er unter dem Namen Sidestepper Salsa, afro-kolumbianische Rhythmen und Drum’n’Bass auf. Um die Band schließlich zu erweitern, schloss er sich mit dem kolumbianischen Produzenten und Singer-/ Songwriter Iván Benavides zusammen. Durch Kollaborationen mit latein­amerika­nischen sowie afrikanischen Künstlerinnen etablierten sich Sidestepper über die Jahre auch international.

Fazit: Erfrischend.

Anspieltipps: Supernatural Love

 

Odeville_Album

Odeville – Phoenix

Label: Motor VÖ: 2016

Zehn Jahre musiziert das norddeutsche Quartett Odeville bereits gemeinsam. Und die Hamburger haben eine bewegte Geschichte hinter sich. Los ging’s mit englischsprachigem Emo/Hardcore, dann ging die Band Richtung tanzbaren Indie, nun, mit ihrem sechsten Album „Phoenix“ entwickelt sie sich langsam in die Pop-Richtung. Das ließ sich schon anhand der Vorabsingle „Lichtblick“ erahnen. Es geht um Kinderlachen. Gegen Drachen kämpfen. Sich nachts aus dem Haus schleichen und die Sterne bewundern. Träumen von Abenteuern in fernen Ländern. Held sein und gegen das Böse kämpfen. „Kind sein können ist eine Priorität. Doch Naivität wird leider oft als Schwäche dargestellt. Dabei ist eine unglaubliche starke Gabe, die wir uns bis ans Ende aller Tage erhalten müssen“, sagt Sänger und Texter Hauke Horeis über „Lichtblick“. Viel Pathos, klar, das grenzt manchmal schon hart an Kitsch, letztlich kriegt die Band aber (meist) noch die Kurve. Die Melodien? Teils fiese Ohrwürmer.

Fazit: Zündet die Wunderkerzen an.

Anspieltipps: Lichtblick, Phoenix

 

McCleery-Jono-237x237

Jono McCleery – Pagodes

Label: If Music/Ninja Tune VÖ: 2015

Jono McCleery – ein Mann mit einer Samt-Stimme. Jaja, bereits Ende 2015 erschien mit „Pagodes“ das neue Album von Jono McCleery. Zugegebenermaßen lag dieses Album etwas länger als üblich auf meinem Schreibtisch. Eine schwere Bronchitis meinerseits verhinderte eine frühere Rezension. Mea culpa. Hiermit nachgeholt. Weil’s ne gute Platte ist, die ich euch nicht vorenthalten will. Man kann sich nämlich wunderbar in der Melancholie, die McCleery über seinen zwölf neuen Songs ausbreitet, verlieren. Passt ausnehmend gut zur Jahreszeit. Ab und an fühlte ich mich beim Hören sogar an Nick Drake erinnert. Jazz, Soul, Klassik – alles dabei. Kaum auszudenken, dass uns da beinahe ein fantastischer Musiker vorenthalten worden wäre. Der in Rotterdam lebende britische Singer/Songwriters fand nämlich erst im Alter von fünf Jahren sein Gehör. Zur Gitarre griff er erst im fortgeschrittenen Alter von 18 Jahren. Mannomann. Kaum auszudenken …

Fazit: Zieht einen schön runter.

Anspieltipps: This Idea Of Us, Age of Self

 

gode

André Bratten – Gode

Label: Smalltown Supersound VÖ: 2015

André Bratten hat was vor. Das hat schon das Anheuern beim norwegischen Indie/Jazz-Label Smalltown Supersound angedeutet. Bratten hat etwas zu sagen. Und so gibt er sich auf seinem neuen Album „Gode“ der Storyteller-Elektronik hin. Wichtigster Klangerzeuger ist dabei der Synthesizer. Das Album mäandert zwischen inhaltlich aufgeladenem Listening-Techno und krautigen Electro-Popsongs, Bratten gelingt es, Substanzielles, teils sogar sehr Düsteres, leicht zu verpacken. Bratten selbst sagt übrigens, das Album sei eine Art Meditation, in der er über die dunklen Zeiten Norwegens sinniert, bevor seine Nation sich im 20. Jahrhundert von der Unterdrückung Schwedens lösen konnte und schließlich durch Erdöl zu einem der reichsten Länder des Kontinents wurde. Erschließt sich einem nicht gleich, da ist schon eine gewisse geschichtliche Vorbildung von Nöten. Aber da sage mal noch einer, Techno müsse per se oberflächlich sein.

Fazit: Interessant.

Anspieltipps: Philistine, Cascade of Events

 

COMPILATIONS

 

Mail-Anhang

Various – Für Hilde

Label: Four Music VÖ: 2015

Im Dezember wäre die große Hildegard Knef 90 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlaß haben sich 19 Interpreten die Ehre gegeben und ein Tribut-Album für die Grand Dame der deutschen Chanson-Kultur eingespielt. Es ist eine ganz illustre Liste geworden: Mark Forster, Die Fantastischen Vier, Bela B & Bonaparte, Samy Deluxe, Clueso, Jupiter Jones, Cosma Shiva Hagen, Dendemann, Mieze und Selig gehörten unter anderem zu den Gratulanten der Frau, die von Ella Fitzgerald mal als die „Welt größte Sängerin ohne Stimme“ bezeichnet wurde. Bei Mark Forster klang das auf Facebook dann hingegen so: „Kennt ihr Hildegard Knef? Die Hilde war vor 50 Jahren sowas wie die deutsche Miley Cyrus.“ Knef war im Brecht-Sujet ebenso zuhause wie im Chanson und den großen Zeiten des deutschen Entertainments oder im Jazz. Dass sich ihr Song-Katalog für Neuinterpretation geradezu aufdrängt, liegt angesichts dieser Vielfältigkeit auf der Hand. Die Vielfalt spiegelt sich auch in dem bunten Mix an Genres wieder, aus dem die Tribut-Sänger ausgesucht wurden. Es ist eine würdige Sammlung an Knef-Tributen entstanden, wobei uns „Im 80. Stockwerk“ (Fanta 4), „Von nun an ging’s bergab“ (Samy Deluxe herrlich selbstironisch) und „Insel meiner Angst“ (Dendemann) am meisten beeindruckt haben.

Fazit: Darf man sich ins Regal stellen.

Anspieltipps: Im 80. Stockwerk, Von nun an ging’s bergab, Insel meiner Angst

 

BACKKATALOG

facevalue

bothsides

Phil Collins – Face Value/Both Sides

Label: Warner VÖ: 2016 (1981/1993)

Radio ohne Phil Collins? Zeit meines Lebens undenkbar. Lange Familienautofahrten in den Schwarzwald oder an die Ostsee in den Neunziger Jahren wurden gefühlt ausschließlich von Phil Collins (und Genesis) bespielt. Der Brite und Warner Music Group haben im vergangenen Jahr eine Vereinbarung über die Wiederveröffentlichung aller acht Studio-Alben  getroffen, die Collins solo veröffentlicht hat. Damit erscheint erstmals der gesamte Katalog des Barden unter dem Banner eines Labels. Die Alben kommen remastered und mit nachgestelltem Coverpic daher („Take a look at me now!“), außerdem hat man die Archive geplündert. Viele Bonus-Tracks garnieren die Reissues, darunter Demos und Live-Aufnahmen. Bei der Zusammenstellung des Zusatz-Materials fokussierte sich Collins vor allem auf Live-Versionen der entsprechenden Album-Songs. Er wollte die Studio-Originale mit dem Material späterer Auftritte konfrontieren, um zu zeigen, wie sich die Lieder im Laufe der Jahre entwickelten. Los geht’s mit „Face Value“ (1981) und „Both Sides“ (1993).

„Face Value“ gehört eigentlich in jede Plattensammlung. Das Solo-Debüt des guten Phil enthält „In The Air Tonight“, das zu einem der größten Solo-Erfolge von Collins avancierte. Nicht zuletzt dank der Verwendung in der 80er-Kultserie „Miami Vice“. Die meisten Songs des Albums verhandeln die Themen Schmerz und Zorn, was nicht weiter verwundert, da Collins sich zu jener Zeit in einer Scheidung befand. Hinweise auf eine neue Beziehung gibt es allerdings in den Tracks „This Must Be Love“ und „Thunder And Lightning“. Bei den Aufnahmen des Albums ließ sich Collins offenbar vom Rhythm and Blues und dem Motown-Sound inspirieren. In Erinnerung bleibt auch der Einsatz einer schwarzen Bläser-Gruppe – in den 80ern für einen weißen Musiker leider immer noch keine Selbstverständlichkeit. Überraschend war auch, dass der Drummer Collins auf dem Longplayer häufig mit einem Drumcomputer arbeitete.

„Both Sides“ ist Collins‘ fünftes Studioalbum. Und es verdient in der Tat die Bezeichnung Solo-Album: Phil produzierte es nicht nur selbst, sondern spielte auch alle Instrumente alleine ein. Fleißig, fleißig. Die Songs kamen hier etwas kantiger daher, als man es von Collins bislang gewohnt war. Auch hier spart der Brite das Private, das Persönliche nicht aus, er verhandelt aber auch politische Themen. Ist ein bisschen düsterer als die typische Collins-Platte, aber auch künstlerisch wertvoller. Damit konnte aber nicht jeder etwas anfangen.

Fazit: Gelungener Anfang einer karriereumspannenden Retrospektive.

Anspieltipps: In The Air Tonight (Live), Both Sides Of The Story (Live)

1 Comment

Comments are closed.