Neu im Plattenschrank: Februar 2016

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Chris Isaak – First Comes The Night

Label: Warner VÖ: 2015

Look who’s back: Chris Isaak ist wieder da. Jener Glückliche, der dereinst die Gelegenheit beim Schopfe packte und sich für ein legendäres Musik-Video mit Top-Model Helena Christensen im Sand wälzte („Wicked Games“). Gut, richtig weg war er nie. Zwar ist sein letzter Longplayer mit eigenem Material schon stolze sechs Jahre her, aber dazwischen war Isaak nicht untätig. Der Mann hat getourt, spielte in TV-Serien mit, gab den Juror in der australischen „X-Factor“-Version und nahm ein Album mit Sun-Records-Cover-Tracks auf. Auch an eigenen Songs hat er gearbeitet, was durch sein nun vorliegendes 13. Album „First Comes The Night“ offenbar wird. Entstanden ist das gute Stück hauptsächlich in Nashville und Los Angeles, produziert wurde es von Paul Worley (Dixie Chicks, Lady Antebellum), Dave Cobb (Jason Isbell) und Mark Needham. Musikalisch betritt der Singer-Songwriter, der mittlerweile auch schon 60 Lenze zählt, gewohntes Terrain: Isaak ist immer noch ein glühender Verfechter des Country-Rockabilly-Croonings. Und innerlich ein ewiger, sich im Herzschmerz suhlender Zwanzigjähriger, dem gerade die Holde abtrünnig geworden ist. Balladen, auch mal die Grenze zur Schnulze überschreitend, aber auch Düsternis und Sexyness – Isaaks vermag seine erfolgreiche Mixtur immer noch souverän anzurühren.

Fazit: Hat’s einfach immer noch drauf.

Anspieltipps: Please Don’t Call, Perfect Lover, Love The Way You Kiss Me

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Jack Garratt – Phase

Label: Island VÖ: 2016

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Singer-Songwriter Jack Garratt könnte der Newcomer 2016 sein. Dank des BRITs 2016 Critics’ Choice Awards startet der Brite  bereits mit reichlich Vorschusslorbeeren ins neue Jahr, seine EPs „Remnants“ und „Synestesiac“ sorgten für mächtig Furore. Die BBC packte ihn auf den ersten Platz ihrer renommierten „Sound of 2016“-Liste. Eine Ehre, die früher Adele, Sam Smith, Ellie Goulding und Years & Years zuteil wurde. Ganz schön viel Gewese um einen, der aussieht, als hätte er mit dem ganzen Pop-Zirkus am liebsten nicht allzu viel am Hut. Der aussieht wie seine Zuhörer. Wie Jedermann. Nun legt er sein Debütalbum vor, „Phase“ heißt das gute Stück.  Garratt bleibt sich auf diesem treu und setzt auf die bewährte Ed-Sheeran-Formel: Das Ganze ist eine One-Man-Performance voller Loops, garniert mit einer eindrucksvollen, wunderbaren Stimme. Ganz ordentlich kombiniert er auf den zwölf Songs Elektronik-Elemente mit klassischem Songwriting. Nicht immer überraschend, aber durchaus hörenswert.

Fazit: Der Erfolg Garrats wird mehr als nur eine „Phase“ sein.

Anspieltipps: Worry, Chemical, Synesthesia Pt. III

 

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Violent Femmes – We Can Do Anything

Label: PIAS/Rough Trade VÖ: 2016

Klar, den Impact des Debütalbums haben Violent Femmes nie wieder erreicht. Trotzdem ließen sie durchaus noch fünf ernstzunehmende Alben folgen. 2009 zerstritten sich Gordon Gano und Brian Ritchie über eine Urheberrechtsfrage, die Band war Geschichte. Allerdings nur für ein paar Jahre. Bereits 2013 kehrte die Combo zurück. Nun legt sie mit “We Can Do Anything” ihr neuntes Studioalbum vor. Nicht schlecht für so ein Straßenmusiktrio aus Milwaukee, das offenbar weiter jede Menge Spaß an seiner Mischung aus ungestümem Folk, minimalistischem Punk, emotionalem Blues und Hinterland-Rock’n’Roll hat. Bleibt alles beim Alten sozusagen, aber das auf hohem Niveau.  Produziert wurde “We Can Do Anything” übrigens von von Jeff Hamillton, dem langjährigen Mitglied der Horns Of Dilemma, der multiinstrumentalen Backing Band; der Mix stammt von John Agnello (Sonic Youth, Kurt Vile, Dinosaur, Jr.). Aufgenommen wurde das Album in diversen Studios während ihrer letztjährigen Tour mit den Barenaked Ladies, deren Keyboarder Kevin nicht nur das Albumcover von “We Can Do Anything” gestaltete, sondern auch als Gast zu hören ist.

Fazit: Welcome back.

Anspieltipps: Memory, Big Car, Untrue Love

 

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The Corrs – White Light

Label: Warner VÖ: 2016

Wo wir gerade über Comebacks reden: Auch The Corrs lassen mal wieder von sich hören. Ganze zehn Jahre lang hat die Combo pausiert, nachdem der Versuch scheiterte, vom Mainstream-Pop mehr in Richtung irische Tradition zu gehen. Ein Experiment, das sich als kommerzieller Mißerfolg entpuppte und eine lange Auszeit nach sich zog. Nun ist die Band zurück. Mit dem altbewährten Konzept, das sie dereinst mehr als 30 Millionen Platten verkaufen ließ. Die Familie Corr entwickelt sich wieder weg vom Rustikalen hin zu süßlich-süffigem Mainstream-Pop, der niemandem weh tut, aber auch nicht wirklich begeistern kann. Das perfekte Album, um einen typischen Hollywood-Liebesfilm zu beschallen. Ein Hochglanz-Pop-Produkt, an dem alle Ecken und Kanten abgeschliffen wurden. Schade, dass Andrea (Leadgesang), Sharon (Violine, Gesang), Caroline (Drums, Piano, Gesang) und Jim Corr (Gitarre, Piano, Gesang) da irgendwo along the way offenbar der Mut verlassen hat. Einzig die Klavierballade „Ellis Island“ verdient eine lobende Erwähnung.

Fazit: Better luck next time.

Anspieltipps: Ellis Island

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Sarah and Julian – Birthmarks

Label: PIAS Recordings VÖ: 2016

So unspektakulär und wenig originell der Bandname, so wunderbar ist doch das Debütalbum des deutsch-amerikanischen Geschwisterpaars Sarah and Julian Muldoon, das in Hamburg seine Zelte aufgeschlagen hat, geworden. „Birthmarks“ heißt das gute Stück, zu Deutsch also „Leberfleck“. Einen solchen findet man beispielsweise auf dem Cover über Sarahs Oberlippe, der eine oder andere mag ihn entdeckt haben, als die Combo den Support-Act für Bands wie Tocotronic, Enno Bunger, Gisbert zu Knyphausen und I Am Kloot  gab und so für ihren Folk-Pop warb. Der kommt in elf Tracks auf „Birthmarks“ vor allem im Mid-Tempo-Bereich sowie wunderbaren Duetten (oft nur von Piano-Klängen begleitet) daher und schafft eine winterliche Kuschelatmosphäre, bei der aber dann und wann aber auch eine gewisse Düsternis mitschwingt. Erinnert manchmal an Angus & Julia Stone. Nach all den Vorschusslorbeeren: Erwartungen mehr als erfüllt.

Fazit: Überaus gelungener Einstand.

Anspieltipps: Like a Letter, Cold Wind,  Mayflies

 

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Jeanne Added – Be Sensational

Label: Naive VÖ: 2o16

Kann man mal so machen: Das Debütalbum von Jeanne Added fällt gleich mit der Tür ins Haus. Die Französin lässt sich nicht lange bitten und  macht mit ihrem Opener „A War Is Coming“ dem Albumtitel „Be Sensational“ direkt alle Ehre. Zu düsteren Klängen erklingt ihr außergewöhnliches Organ zunächst gedämpft hervor, ehe ein leicht schleppender Beat einsetzt und die Vocals zunehmend an Klarheit gewinnen. Ein Statement zur Flüchtlingsthematik. Eine Move, den auch Patti Smith anno dazumal vielleicht gewagt hätte, heute aber eher zu einer Seltenheit verkommen ist. Voilà, die junge Französin hat das im Repertoire. Wer sich hier bisweilen an die wolkenverhangenen Wave-Sounds einer Anne Clark ohne deren zwanghaft depressive Lyrik erinnert fühlt, darf sich wundern, dass Added ihre musikalische Laufbahn zunächst mit dem Studium klassischen Gesangs und Cellos in ihrer Geburtsstadt Reims begann, um danach in Paris als erste Sängerin überhaupt im Jazzfach zugelassen zu werden. Von ihren klassischen Wurzeln, sagt Jeanne Added, sei inzwischen „nur noch wenig in meiner Musik übrig geblieben, ich selbst würde sogar sagen: eigentlich gar nichts“. Allerdings könne sie da auch einer Selbsttäuschung unterliegen, „all diese Jahre lassen sich vermutlich nicht einfach mal so auslöschen, als habe es sie gar nicht gegeben“. Tatsächlich handelt es sich bei „Be Sensational“ weniger um Jazz als vielmehr um ausgefuchste(n) Pop/Electronic Music mit wunderbaren sphärischen Klanglandschaften, die nicht eingängig sein wollen, aber zum Teil dennoch gut haften bleiben. In Frankreich gibt es derzeit nichts Vergleichbares. „Als Unikat“, sagt indes Jeanne Added, „sehe ich mich nun wirklich nicht“. Sie fühle sich auch nicht als Teil der Pop-Kultur eines Landes, nicht einmal ihres Landes, „zumindest hoffe ich, dass ich es nicht bin“. Frankreich sei für sie niemals ein Land gewesen, welches sich über seine Musik definiert habe, „außer vielleicht zu Zeiten Ravels, Debussys und Poulencs zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Lange her. John Lennon hat einmal gesagt, französischer Rock’n’Roll sei in etwa vergleichbar englischem Wein. Vielleicht, glaube ich, ist da tatsächlich was dran.“

Fazit: Großartig.

Anspieltipps: A War Is Coming, Lydia

 

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Mavis Staples – Living On A High Note

Label: Anti VÖ: 2016

Früher, so erzählt die mittlerweile 76-jährige Soul-Größe Mavis Staples, da sei ihre Musik von Schmerz geprägt gewesen. Sie habe Songs gesungen, die die Menschen zum Weinen brachten. Jetzt sei es Zeit, sie wieder aufzurichten. Ihr neues Album – es ist ihr 13. Solo-Machwerk – ist so eine Wellness-Kur. Hilfe holte sich Staples für dieses Projekt bei Rocker Benjamin Booker, Alternative-Country-Sängerin Neko Case oder Indie-Songwriterin Tune-Yards. Und so durchzieht diese Midtempo-Tracks und Balladen eine gewisse Lebensfreude, eine Grundzufriedenheit, die ansteckt, und eine Art Trost, wie ihn sonst nur Oma spenden kann. So ganz ohne Melancholie und Zwischentöne geht es aber auch nicht, weshalb auch der König der Melancholie, Nick Cave, einen Song beisteuern durfte. Und „Action“, aus der Feder von Tune-Yards, verhandelt das Thema Rassismus, bei dem sich Staples etwas resigniert anhört. Sorgen muss man sich aber um sie nicht machen: „Ich werde niemals die Hoffnung verlieren. Ich halte die Hoffnung am Leben. Wenn Du sie verlierst, hast Du nichts mehr.“

Fazit: Diese Stimme … herausragend.

Anspieltipps: Take Us Back, If It’s A Light, Action, Jesus Lay Down Beside Me

 

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Sia – This Is Acting

Label: VÖ: 2016

Sia ist so etwas wie die Linda Perry die Moderne. Eine, die Hit um Hit schreibt, und das am liebsten für andere. Rihanna (“Diamonds”), Katy Perry (“Double Rainbow”), Britney Spears (“Perfume”), Kelly Clarkson (“Invincible”), Carly Rae Jepsen („Making the Most of the Night“), Beyoncé (“Pretty Hurts”) und Celine Dion (“Love Me Back To Life”) schrieb die Australierin, die so ungern ihr Gesicht zeigt, die Mörder-Seller auf den Leib. Vor anderthalb Jahren landete die Gute dann selbst ein US-Nummer-Eins-Album: „1000 Forms Of Fear“ wurde viermal für den Grammy nominiert. Nun also „This Is Acting“, der nächste Longplayer (der insgesamt siebte), mit dem sich Sia selbst ins Rampenlicht wagt (mehr oder weniger.  Star des Clips zu „Alive“, der im japanischen Chiba gedreht wurde, ist die neunjährige Tänzerin und Schauspielerin Mahiro Takano Sia vermeidet es seit Jahren grundsätzlich, in Videos oder bei Auftritten ihr Gesicht zu zeigen). Mehrere Tracks hat Sia Furler eigentlich für Klienten geschrieben. Wollte man böse sein, so könnte man „This Is Acting“ als glorifizierte Resterampe bezeichnen: „Cheap Thrills“ etwa hatte sie Rihanna angeboten, das diese aber ablehnte. Und Adele sagte wohl „Nein“ zu „Alive. Schade. Oder gut. Für Sia Furler. Teilweise wirkt das Ganze zwar etwas over the top und übertrieben bemüht, im Großen und Ganzen aber hörbar. Vor allem dann, wenn Sia sich auf ihre eigenen Vorzüge beruft.

Fazit: Eingängig, aber an das Vorgängeralbum reicht dieser Arbeitsnachweis nicht heran.

Anspieltipps: Bird Set Free, Alive, Cheap Thrills

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Steve Waitt – Stranger In A Stranger Land

Label: Make My Day Records VÖ: 2016

Gleichzeitig so ein bisschen nach Seventies klingen, aber trotzdem modern und frisch? Der New Yorker Pianist, Songwriter und Sänger Steve Waitt kann so etwas. Sein neues, sehr geerdet klingendes Album „Stranger in a Stranger Land“ hat diesen Vibe, der einen unweigerlich an die großen Alben und Songwriter der 70er denken lässt. Ein paar sehr schöne Balladen, kleine in sich abgeschlossene Geschichten, variantenreiche Instrumentierung – das gefällt. Waitt präsentiert hier zwölf zugängliche Songs, die sich in keine Schublade stecken lassen: klassischer Rockmusik, Jazz, Blues, Folk oder Country, viele Americana-Elemente – alles dabei, aber ohne dabei beliebig zu wirken.

Fazit: Versprüht südliches Flair.

Anspieltipps: A Ghost You Let In, Go On Then, Tell Him It’s Alright

 

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Ida Gard – Womb

Label: Popup Records VÖ: 2016

Skandinavien muss über eine magische, nie versiegende Quelle an guten Musikern verfügen. Auch Ida Gard ist ihr augenscheinlich entsprungen. Die Dänin legt mit „Womb“ ihr nunmehr drittes Album vor. Es ist ein sehr direktes geworden. Beispiel gefällig? Im Video zu «Womb» zeigt sich die Gute schwarz gewandet in einer Maschinenhalle, flüssiger Stahl rinnt dahin. «Schau mich jetzt an, schau dir diese riesigen Hände an und schau dir meine Genitalien an. Wow.“, singt sie immer wieder. Der Song ist aus Sicht eines Jungen geschrieben und schildert dessen körperliches Heranwachsen. Der Reifeprozess ist ein zentrales Thema des Longplayers, der von dem Bestseller «Populärmusik aus Vittula» des schwedischen Autos Mikael Niemi inspiriert wurde. Eine gefühlvolle Story über das Erwachsenwerden, über Rock ’n‘ Roll und Freundschaft. Das fesselt. „Womb“ – eine smoothe Geburt.

Fazit: Kraftvoll.

Anspieltipps: Womb, He Spoke To Me, Rocking Rodent

 

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Madeleine Juno – Salvation

Label: Madizin Music Lab VÖ: 2016

Madeleine Juno? Kennt man. Vor allem durch Singles wie „Error“, die als Theme des Kinohits „Fack ju Goethe“ begeisterte und dem dazugehörigen Video, das über zwei Millionen Mal geklickt wurde. Auch Junos Debütalbum „The Unknown“ 2014 war ein voller Erfolg. Nach einem Jahr Produktionszeit erscheint nun „Salvation“, der zweite Longplayer der Dame mit der kristallklaren Stimme. Darauf zu finden: 13 Tracks, allesamt aus eigener Feder, die von Liebe, schlaflosen Nächten und rastlosem Zweifel erzählen. Vieldeutig, melancholisch. Klanglich umgesetzt wird das Ganze dann in recht poppiger Form. Eine Deluxe-Edition wird übrigens neben drei englischen Bonustracks auch zwei ihrer raren deutschen Songs enthalten.

Fazit: Geschichten, denen man gerne zuhört.

Anspieltipps: Into The Night, Stupid Girl

 

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Prins Thomas – Principe Del Norte

Label: Smalltown Supersound VÖ: 2016

Laut Prins Thomas geht die Entstehungsgeschichte des Albums so: „I’ve known Joakim (Mr. Smalltown) professionally for quite a few years now and I’ve worked on many projects for him, mainly doing remixes like Nissenenmondai, Lindstrom, Alf-Emil Eik, Idjut Boys and so on. A couple of years ago he asked me to consider doing an album for him (…). Time flew by, album more or less done. Then I propose to Joakim we get the whole album remixed by somebody else, in its entirety. However, fuelled on Los Planes coffee and inspired from all the unused bits, alternative versions and outtakes I have, I remixed the whole album myself before anybody else could.“ Entstanden sind so neun kosmisch anmutende Tracks mit insgesamt rund 100 Minuten Spieldauer, zum Teil eine Ode an die 90er-Jahre-Ambient-Musik, ja, sogar an die Italo-Disco. Lädt zum Träumen ein. Auch, weil sich das Hirn nicht lange mit Track-Titeln aufhalten muss:Die neun Tracks tragen ganz einfach Buchstaben in alphabetischer Reihenfolge. Alles im Fluß.

Fazit: Spacy.

Anspieltipps: H

 

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Joe Volk – Happenings and Killings

Label: Glitterhouse/Indigo VÖ: 2016

Zwischen Joe Volk und Portishead besteht eine Beziehung. Zum einen, weil natürlich beide aus Bristol stammen (auch wenn Joe mittlerweile in Bern in der Schweiz lebt). Zum anderen, weil Volk der erste Künstler war, den Geoff Barrow (Portishead) bei seinem Label Invada Records (unter anderem Sleaford Mods, Beak>) unter Vertrag nahm, als Mitglied der Stoner-Kapelle Gonga. Nach seiner Zeit bei Crippled Black Phoenix haute Volk sein überraschend sanftes Debüt „Derwent Water Saint“ raus. Zehn Jahre ist das bereits her. Zehn Jahre, in der der Gute auch als Live-Musiker selten auf der Bühne stand. Nun meldet sich der Brite mit „Happenings and Killings“ wieder zurück. Bei dem Album griffen ihm der Emmy-nominierte Songwriter und Produzent Ben Salisbury sowie Geoff Barrow unter die Arme, auch Gastmusiker wie Billy Fuller (Robert Plant, Beak>), Adrian Utley (Portishead), Mark Ophidian (US, Animals With Machinery), Guy Metcalfe (Thought Forms) und Luke Harney (Typesun) lassen auf dem neuen Volk-Machwerk von sich hören. Musikalisch trifft hier Volks Folk auf Portisheads Electronica: akustische Songs, die von analogen elektronischen Elementen unterstützt werden. Meisterhaft verknüpft.

Fazit: Schönes Ding mit lauter kleinen Kunstwerken.

Anspieltipps: The Thief of Ideals

 

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Telegram – Operator

Label: Gram Gram VÖ: 2016

Fun fact: Zwei Mitglieder der britischen Rocker von Telegram spielten mal in einer Roxy-Music-Tribute-Band namens Proxy Music. Vom Kauf des nun vorliegenden Debütalbum des Quartetts soll das aber niemanden abhalten. Mit Roxy Music hat „Operator“ wirklich nicht viel zu tun. Vielleicht nur so viel, als dass Telegram, die auf der Insel gerade gehypt werden, durchaus in den Rückspiegel schauen. Es ist ein Album, wie man es von der Generation Youtube oder Spotify erwarten würde: Man bedient sich munter überall, im gesamten Kosmos der Rockmusik. Hier ein bisschen Roxy, da ein bisschen Glam („Inside Out“), dort etwas Psych-Rock („Under The Night Time“) und die Buzzcocks haben wir auch mal rausgehört.  Kann man mal so machen. Vor allem, wenn man dabei dem fast schon totgeglaubten Genre Rock so wieder etwas Leben einhaucht.

Fazit: Rock lebt.

Anspieltipps: Follow, Inside Out, Under The Night Time

 

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Jordan Klassen – Javelin

Label: Nevado Music VÖ: 2016

Der kanadische Singer-Songwriter Jordan Klassen hat harte Zeiten hinter sich. Seit seinem 2013 erschienenem Album „Repentance“ ist viel passiert: Seine Mutter erkrankte an Brustkrebs, er selbst hatte mit Depressionen zu kämpfen. Themen, die er auf seinem neuen Album „Javelin“ verhandelt. Doch trotz der Ängste und Verzweiflung, aus der seine Songs entstanden sind, steckt in ihnen jedoch immer ein Funken Hoffnung. Es ist sogar Klassens vitalstes Album geworden. Konzentrierte er sich vor drei Jahren vor allem auf den Folk-Aspekt, so lässt er diesmal atmosphärische und rhythmische Elemente in die Arragements fließen. Empfohlen von James Vincent McMorrow nahm Klassen sein Album in den Sonic Ranch Studios in Tornillo, unweit der texanischen Grenze, auf. Eingespielt und produziert hat er die Tracks dabei komplett in Eigenregie. Klassen: „The record is a nod to the ‘90s New Age music that I grew up with (…) My mom was really into Enya, and I wanted to explore some of those sounds in a very modern way. I wanted to really embrace ethereality.“

Fazit: Gern mehr davon.

Anspieltipps: No Salesman, Baby Moses

 

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Femme Schmidt – RAW

Label: Warner VÖ: 2016

Rau und kompromisslos – so gibt sich die Koblenzerin Femme Schmidt auf ihrem neuen Longplayer „RAW“, der diesen Namen nicht zu unrecht trägt. Es ist kein glattgebügeltes Produkt, sondern eines mit Ecken und Kanten. Hier trifft Tarantino auf Bond, Jazz auf urbane Beats, während die Belle de Nuit mit rauchig-warmer Stimme und hymnenhaften Hooks ihre kratzenden Gitarren, gurgelnden Synthie-Bässe und orchestralen Streicher zu etwas ganz Eigenem verwebt. Pop Noir nennt man das,  der Stilbruch ist hier Methode. Elisa Schmidt, so der bürgerliche Name der Guten, hat gerade eine aufregende Zeit hinter sich. Nach ihrem selbstbetitelten Debüt (2011) spielte sie eine ausgedehnte Clubtour durch Deutschland, eine Arena-Tour in Australien als Support von Sir Elton John, dazu Shows in Paris und Wien als Gast von Lionel Richie. Zuletzt begleitete sie Pop-Ikone Bryan Ferry auf dessen Deutschland-Tournee. Für „RAW“ holte sie sich diesmal nicht Hilfe von Guy Chambers wie beim Erstling, sondern bei Größen wie John Ingoldsby, Peter Vettese und Eurythmics-Mastermind Dave Stewart, aber auch bei eher unbekannten Songschreibern. Schmidt: „Es entstanden viele Songs, die auf ihre Art und Weise großartig sind – aber das, was ich für mein neues Album suchte, ist mir auf der Reise nicht begegnet: Mein Partner in Crime. Diesen fand ich schließlich in James Bryan, mit dem ich in den Kensaltown Studios als ersten Song ,To The Edge‘ schrieb.“ Dieser Song, so Schmidt, beschreibe passend, dass man etwas wagen muss, um Neues zu schaffen; „den Sprung ins Unbekannte – in der Hoffnung, dass dort irgendjemand ist, der einen auffängt.“ Schmidt ließ sich von Bryan auffangen – und hinterließ uns so 14 hochemotionale Tracks, die uns manchmal an Amy Winehouse oder Lykke Li erinnern.

Fazit: Einfach gut.

Anspieltipps: To The Edge, Kill Me, Surround Me With Your Love

 

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Purple Souls – Williamsburg

Label: Motor/Edel VÖ: 2016

Der Legende nach inspirierte eine Reise nach New York die Salzburger Band Purple Souls zu ihrem neuen Album. Die Erlebnisse, dieses unglaubliche Freiheitsgefühl, die Einflüsse in dieser schlaflosen Großstadt, aber vor allem das kreative Flair des Künstlerviertels Williamsburg – all das verarbeitete die Combo musikalisch auf dem vorliegenden Longplayer. An Sound und Texten wurde wochenlang in einer kleinen Hinterhof-Wohnung getüftelt auf engstem Raum. Als dann durch den Hurricane Sandy die hektische Stadt plötzlich zum Stillstand kommt, man mehrere Tage abgeschnitten von der Außenwelt ist, fügen sich die gesammelten Ideen von Frontmann Jakob Wöran zu einem großen Ganzen. Entstanden ist letztlich eine Song-Sammlung, die sich zwischen Alternative und gitarrenlastigem Pop bewegt, die düster und melancholisch, aber auch dann und wann opulent und verspielt daherkommen. Erinnert manchmal an Interpol oder The National.

Fazit: Gelungene Hommage an eine offenbar unvergessliche Zeit.

Anspieltipps: Frozen Feelings, Rubicon

 

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Nicki Bluhm & The Gramblers – Loved Wild Lost

Label: Little Sur VÖ: 2016

Erstmals arbeiteten Nicki Bluhm und die Grambers mit einem Außenseiter zusammen. Für die Aufnahmen zu ihrem zweiten Album „Loved Wild Lost“ holte sich die Kapelle nämlich den Produzenten Brian Deck ins Haus. Der half der Combo, eine bestechende California-Sound-Mixtur anzurühren. Hier ein bisschen Americana, dort eine Prise Folk, Psychedelic-Rock, Blues oder Country – fertig. Hat ja zuletzt auch bei Bands wie Haim ganz gut geklappt. Nun ist das alles nicht wahnsinnig neu, sondern eher retro-behaftet, aber die Band weiß schon, was sie tut. Kann man sich durchaus anhören, weil Songwriting und Melodien stimmen. Hinzu kommt die wunderschöne Stimme Nicki Bluhms.

Fazit: Charming.

Anspieltipps: Waiting On Love, Mr. Saturday Night

 

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Aoife O’Donovan – In The Magic Hour

Label: Yep Roc Records VÖ: 2016

Crooked-Still-Sängerin Aoife O’Donovan hat die wenigen stillen Stunden genutzt, die sich ihr inmitten des ganzen Tour-Trubels und all den Kollaborationen mit anderen Künstlern boten – und hat am Nachfolger ihres viel beachteten Debütalbum „Fossils“ gearbeitet. Etwas Hefeweizen war dem Vernehmen nach dabei auch im Spiel. O’Donovan fühlte sich gut. Mitten im Song-Writing-Prozess starb dann jedoch ihr Großvater (93), was den Grundton des Longplayers deutlich dämpfte. Und so handeln die Texte auf „The Magic Hour“ auch von Dunkelheit, von Verlust, der dunklen Gewissheit von Sterblichkeit. Das Album funktioniert nicht nur als Tribut an Ol‘ Grandpa, sondern auch als Ode an die eigene Kindheit.

Fazit: Magisch.

Anspieltipps: Magic Hour, Donal Óg

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NRT – Ambition

Label: Timezone VÖ: 2016

Grenzen, Grenzen – überall ist in letzter Zeit die Rede von Grenzen, die geschützt gehören. Da ist es mal erfrischend, wenn sich einer von Grenzen gänzlich unbeeindruckt zeigt. Zumindest von Genre-Grenzen. Enter: NRT. Das Trio aus Bochum und Hannover hat gerade sein neustes Werk „Ambition“ vorgelegt. Darauf vermengt die Kapelle Trip Hop, Wave und Electro mit rockigen Alternative-Parts. Schrägerweise werden dann auch noch Field-Recordings und Ambient-Klänge zu einem insgesamt stimmigen Ganzen verquickt. Das wirkt mal düster, mal soft und verspielt, dann wieder metallisch oder auch ganz und gar verzweifelt. Nicht immer sehr zugänglich und daher nicht für jedermann geeignet. Wer sich aber auf die Platte einlässt, bereut es sicher nicht.

Fazit: Einzigartig.

Anspieltipps: Ambition, Marching

 

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Stereodrama – Attitude

Label: Phonector VÖ: 2016

Multikulti funktioniert. Den Beweis treten StereoDrama aus Karlsruhe an. Wobei, Karlsruhe … : Gitarre und Drums kommen aus Deutschland, der Basser aus Kroatien und der Frontmann aus Ecuador. Entsprechend international ist die Band auch tourtechnisch unterwegs. Nachdem die Jungs auf ihrer erfolgreichen Ecuador-Tour bereits das Rockstarleben genießen durften, sind sie im Frühjahr 2016 in Deutschland on the road. Das neue Album „Attitude“ haben sie dann auch im Gepäck. Hier geht es in zehn Alternative-Rock-Songs um globale Themen: Träume, Liebe, Schmerz und vor allem Leidenschaft. Das Ganze äußerst eingängig verpackt. Möglicherweise liegt’s am Frontmann, aber dann und wann erinnert die Band soundtechnisch an Héroes Del Silencio.

Fazit: Geht in die Beine.

Anspieltipps: Synonym of Love, Mas y Mas, It’s Not Over

 

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Dr. Dog – The Psychedelic Swamp

Label: Anti VÖ: 2016

Dr. Dog haben sich gerne mal bei Vergangenem bedient, diesmal setzen sie aber noch einen drauf. Für ihr neuntes Album „The Psychedelic Swamp“ hat die Band aus Philadelphia auf Material zurückgegriffen, das Scott McMicken and Toby Leaman bereits 2001 geschrieben haben – also noch bevor sich die Band überhaupt offiziell gründete. Alles Tracks, die damals auf dem Debütalbum hätten landen sollen, es aber dann doch nicht taten. Nun nahm die Combo also das Material neu auf, und das sogar im Line-Up von damals. So kehrte der bereits 2004 ausgestiegene Doug O’Donnell zurück und steuerte den Gesang auf dem Opener „Golden Hind“ bei, obwohl er noch nie zuvor auf einem Lied der Psychedelic-Folker zu hören war. Wer das seit 2001 kursierende Bootleg des Lost Albums besitzt, der darf hier trotzdem zugreifen. Die vorliegende VÖ hat mit dem Bootleg nichts gemeinsam. Die Band fährt hier vielmehr den opulenten Stil, den man von hier erwartet, mit vielen Space-Rock-Jams, Beach-Boys-Harmonien und 60s-Soul-Melodien, während die Original-Tracks ja sehr keyboard-lastig waren und auf Drums und Bass fast komplett verzichteten.

Fazit: Stylish.

Anspieltipps: Golden Hind, Bring My Baby Back

 

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Oum – Zarabi

Label: Lof Music VÖ: 2016

Den Preis für den außergewöhnlichsten Aufnahmeort hat Oum bereits in der Tasche. Nicht in einem herkömmlichen Studio, sondern draußen, in der marokkanischen Wüste nahm die Musikerin ihr zweites Album „Zarabi“ auf. Die Landschaft um M’hamid El Ghizane, einer kleinen Oasenstadt, inspirierte sie. Und so besinnt sich die Gute im Gegensatz zu ihrem Debüt hier noch mehr auf ihre arabischen Wurzeln. Ist auch alles deutlich zurückhaltender und intimer. Das Instrumentarium ist akustischer, traditioneller: Bass, Oud, Trumpete und Percussion. Herausgekommen sind so zehn recht ruhige Lieder, die atmosphärisch sehr dicht und eindringlich sind. Aber obwohl sich Oum wieder auf ihre marokkanische Tradition bezieht, ist es kein ausschließlich arabisches Album. Oum bleibt ihrer Fusion-Idee treu, aber nicht, indem sie die Musik in einen modernen Popsound kleidet, sondern indem sie ihre marokkanischen Wurzeln mit Elementen des Jazz und der spanischen Musikkultur verbindet. Grundlage bleibt immer der gesetzte akustische Sound ihres Quartetts, welches man guten Gewissens als “arabisches Jazzquartett” bezeichnen kann. Die meisten Tracks des Albums schrieb Oum selbst , Yacir Rami griff ihr dabei unter die Arme. Zentrales Thema des Longplayers sind die Frauen in der arabischen Kultur. In “Ah Wah” beispielsweise geht es um die bedingungslose Liebe jenseits der Konvention, jenseits dessen, was Familie und Freunde sagen werden. Im dazugehörigen Video wird der Text nur von Frauen in ihrer traditionellen Kleidung gesungen. Oum deutet hier auf die tiefere Rolle, die die Frauen in der arabischen, vorislamischen Kultur der Beduinen spielen.

Fazit: Die Stimme des Marokkos umschmeichelt uns wieder.

Anspieltipps: Vente Anos, Lila, Hna, Ah Wah

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Chili and the Whalekillers – Words on Tuesdays

Label: Velocity Sounds VÖ: 2016

Wir bleiben international und widmen uns nun der isländisch/österreichischen Band Chili and the Whalekillers. Die Kombination hat man nun auch nicht wahnsinnig oft. Auf jeden Fall präsentiert die Combo nun ihr neues Album „Words on Tuesdays“. Und das kommt äußerst avantgardistisch daher, lässt sich demnach nur schwer in eine Schublade stecken. Ein bisschen 60s-Pop hier, etwas Surf-Folk da, dort eine eher atmosphärische Soundcollage. Was da eher Island, was da eher Österreich ist? Weder noch, möchte man sagen. Eigentlich auch egal. Weil: Die Platte ist tanzbar, und das gilt für Tanzflächen nördlich und südlich der Alpen. Aufgepeppt wird das Ganze mit pointiertem Saxonfoneinsatz und gelegentlichen Piano-Einwürfen. Für Abwechslung sorgen vereinzelte, wohl dosierte Stimmungsdämpfer. Gefällt.

Fazit: Frühlingskompatibel.

Anspieltipps: Portrait of a Ladyfish, Lovers of the Century, Day and Age

 

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Vinyl – Music from the HBO Original Series Vol. 1

Label: Warner VÖ: 2016

In „Vinyl“, jener gerade so gehypten Serie von Martin Scorsese und Mick Jagger, dreht sich alles um ein paar New Yorker Plattenfirmentypen in den 1970er Jahren. Kein schlechter Ansatz, war ja doch viel los zu dieser Zeit. Disco, Pop und Hip Hop ploppten beispielsweise damals gerade auf. Nun haut Warner Music einen Soundtrack zur Serie raus, der versucht, die elektrische Energie jener Ära einzufangen. Und zwar durch eine Fülle unvergessener Pop-, Rock-, Disco- und Soul-Songs von Ikonen wie Otis Redding, Foghat, Jimmy Castor Bunch, Dee Dee Warwick, Edgar Winter, The Meters und vielen weiteren. Die Songs, die allesamt auch in der Staffel-Premiere zu hören sind, decken eine große Bandbreite ab, von aufstrebenden Stars bis hin zu legendären Künstlern. Darunter die Durchbruch-Rocksingle von Elektra/Atlantic-Künstler Kaleo. A trip down memory lane. Ein Trip, auf den wir uns gerne mitnehmen lassen.

Fazit: Spannende Sache.

Anspieltipps: The World Is Yours (Ty Taylor), No Good (Kaleo), Mama He Treats Your Daughter Mean (Ruth Brown), Want Ads (Soda Machine)

 

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