Neu im Plattenschrank: April 2016

buckley

Jeff Buckley – You and I

Label: Columbia VÖ: 2016

Und plötzlich war er in der Dunkelheit verschwunden. Es war der Abend des 29. Mai 1997, und Jeff Buckley steckte gerade mitten in den Vorbereitungen für sein neues Album „My Sweetheart The Drunk“. Es war ein schöner frühsommerlicher Tag, und Buckley verbrachte den Abend mit einem Roadie am Wolf River. Er beschloss baden zu gehen, in voller Montur. Buckley war schon eine gute Viertelstunde im Wasser, als er von zwei Schiffen überrascht wurde. Zwar konnte er ihnen ausweichen, aber das Wasser wurde durch die beiden Kähne so aufgerauht, dass der Wolf River den jungen Mann verschluckte. Einfach so. Und plötzlich war die Welt um einen musikalischen Hoffnungsschimmer ärmer. Zu Lebzeiten konnte der gute Jeff nur ein Album fertigstellen, „Grace“, in der Retrospektive eines der wichtigsten Alben der Neunziger Jahre, was natürlich auch an der ikonischen Cover-Version von Leonard Cohens „Halleluja“ lag. Nun hat Buckleys Plattenfirma die Archive durchstöbert und eine Compilation auf den Markt gebracht. Ist ja immer so eine Sache mit posthumen Veröffentlichung. „Michael“ von Michael Jackson oder Kurt Cobains „Montage of Heck“-Soundtrack sind da schlimme Beispiele. Aber, um das gleich zu sagen: Diese hier hat es verdient, das Licht der Welt zu erblicken und wäre dem Künstler keineswegs peinlich gewesen. Entstanden ist das Ding eher durch Zufall, Sony war gerade dabei, Bonus-Material für die VÖ einer „Grace“-Jubiläumsedition zusammenzusuchen. Sie fanden dabei aber auch bislang ungehörte Coverversionen des Singer-Songwriters. Covern war etwas, worauf sich Buckley ja meisterhaft verstand. Wie kein Zweiter schaffte er es, fremden Songs seinen Stempel aufzudrücke. Auf „You and I“ finden sich nun Titel von Bob Dylan („Just like a Woman“), The Smiths („The Boy With The Thorn In His Side“, „I Know It’s Over“) oder Led Zeppelin („Night Flight“). Wahre Perlen. Mal bleibt Buckley nah am Original (etwa bei den Smiths), mal verändert er sie nach seinem Gusto („Just Like A Woman“). Eine wunderschöne Zusammenstellung, die einmal mehr in Erinnerung ruft, welch großartiges Talent da viel zu früh von uns gegangen ist.

Fazit: He’s missed.

Anspieltipps: Just Like A Woman, The Boy With The Thorn In His Side, Night Flight

 

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Teho Teardo & Blixa Bargeld – Nerissimo

Label: Specula Records VÖ: 2016

Look who’s back: Drei Jahre nach ihrem Debüt „Still Smiling“ veröffentlichen Teho Teardo und Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten) ihr neues Album „Nerissimo“. Aufgenommen wurde das Teil in Rom und Berlin. Erster Eindruck: Das Artwork gefällt. Inspiriert wurden die beiden dazu vom Gemälde „Die Gesandten“, das Hans Holbein der Jüngere 1533 schuf. Darin sind Referenzen zur Philosophie, Religion, Sterblichkeit und Illusion eingebettet – Themen, die von dem Duo auch auf dem Album aufgegriffen werden. Die Lyrics changieren dabei zwischen Deutsch, Englisch und Italienisch. „Nerissimo“ (italienischer Superlativ für schwarz) ist eine Sammlung von Songs, in denen sich mikroskopisch kleine Dramen abspielen – wie in einer Petrischale. Düster, unheimlich, minimalistisch produziert, intelligent-verspielt – kurzum: Genauso wie man es von den beiden Herren erwartet. Neu sind die Holzblasinstrumente. Umgeben von Tehos Baritongitarre, Glocken und dem Arrangement klassischer Streichinstrumente spielt vor allem die Bassklarinette eine tragende Rolle. Wie eine Schutzhülle für Blixas vortragende, tiefe und trotzdem liebliche Stimme. Teho und Blixa geben sich ihren Gedankenspielereien vollkommen hin, ohne Rücksicht auf Verluste, und schaffen es dabei trotzdem, den gewöhnlichen Hörer nicht zu vergraulen.

Fazit: Faszinierend.

Anspieltipps: Ulgæ, Animelle, The Beast

 

 

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Okta Logue – Diamonds and Despair

Label: Virgin/Universal VÖ: 2016

Die hessische Rockband Okta Logue hat ihr drittes Album fertiggestellt. „Diamonds And Despair“ heißt das gute Stück und ja, es ist ihr bislang bestes Machwerk. Und das liegt vor allem daran, dass die retroseligen Psychedelic-Rocker viel frischer klingen, als man es von ihnen gewohnt ist. Die Combo hat sich von den 70ern etwas gelöst, plötzlich sind da auch Synthesizers statt der traditionellen Orgel mit im Spiel. Das führt dazu, dass ein Stück wie „Heroes of the Night“ eher Erinnerungen an die Rockmusik der Achtziger weckt. Handwerklich waren Okta Logue ohnehin immer über jeden Zweifel erhaben. Vor allem „Pitch Black Dark“ ist ein absolutes Muss. Pure Magie. Inspiriert ist das neue Album der Darmstädter durch ihre vielen Reisen in die USA, wo sich die Kapelle mittlerweile in der Neoprog-Szene etabliert hat. Ihre Erfahrungen, ihre Erlebnisse der ersten fünf wahnsinnigen verdichten sich hier. Nie waren sie so sehr bei sich, nie haben sie ihre Ideen und Einflüsse so souverän gebündelt.

Fazit: Sehr gelungen.

Anspieltipps: Pitch Black Dark, Heroes of the Night, One Way Ticket To Breakdown

 

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Paul Young – Good Thing

Label: ADA/Warner VÖ: 2016

„Come back and stay for good this time“, möchte man ihm zurufen: Paul Young ist wieder da. Im Gepäck hat der Soul-Sänger ein Cover-Album, eine Kollektion von Klassikern, aber auch von Insider-Hits des R&B. Alte Songs im neuen Arrangement. Nach einer Karriere, die nun 35 Jahre andauert, kann man sich solch ein Projekt ruhig auch mal leisten. Der Mann, der die Welt mit Hits wie „Wherever I Lay My Hat (That’s My Home)“,  „Love Of The Common People“, „Come Back And Stay“ oder „Everytime You Go Away“ beschenkte, zeigt nun, welche Tracks ihm selbst stets wie ein Geschenk erschienen.  Seine Rückkehr ins Studio wurde von Producer Arthur Baker begleitet, dessen bahnbrechendes Werk seit den späten 70ern in die Geschichtsbücher eingegangen ist – im Hip-Hop mit Afrika Bambaataa und Planet Petrol sowie im elektronischen Pop mit New Order und den Pet Shop Boys. Der Paten des Elektro und Paul Young – eine spannende Mixtur. Aber auch keine allzu abseitige, denn Baker hat auch schon mit Al Green kollaboriert. Ursprünglich war für das Album angedacht, dass sich Young an ein bestimmtes Repertoire eines Publishers heranarbeitet, in diesem Fall des East Memphis Publishing House. Der Grund: Youngs Vorliebe für Southern- und Memphis-Soul. Das Resultat ist dann aber doch breiter geworden: So findet man Titel wie die erste Single „L-O-V-E“, „Slipped, Tripped And Fell in Love“ von Peebles, „Touch A Hand, Make A Friend“ von den Staple Singers, „Eloise (Hang On In There)“ von William Bell, Eddie Floyds „Big Bird“, Johnny Taylors „I Believe In You (You Believe In Me)“, Lou Rawls „Your Good Thing (Is About To End)“ und den Bee Gees-Klassiker „Words“. „Ich hatte diese Idee, Coverversionen von Lieblingssongs mit Künstlern aufzunehmen, mit denen ich bereits zusammengearbeitet hatte“, erklärt Arthur Baker. „Stimmklassiker, die Songklassiker aufnehmen. Paul war der erste, der mir dazu einfiel.“ Das Tracklisting für Good Thing entstand dann in einer atemlosen „Plattensammler-Session“, wie Young es nennt, in der er und Arthur Vorschläge austauschten. Dabei mieden sie zumeist die ausgetretenen Pfade, zu denen etwa auch „R.E.S.P.E.C.T.“ gehört, und entschieden sich im Zweifel für die unbekannteren Optionen. Es war die richtige Entscheidung …

Fazit:

Anspieltipps: L-O-V-E, Touch A Hand (Make A Friend), Slipped, Tripped And Fell in Love

 

Illsley

John Illsley – Long Shadows

Label: Barge Records/Cargo VÖ: 2016

John Illsley? Kennt man. Allerdings vor allem als Gründungsmitglied und Teil der Dire Straits. Mittlerweile ist der Gute solo unterwegs und veröffentlicht mit „Long Shadows“ sein bereits fünftes Solo-Album (die ersten beiden erschienen bereits in den 80er Jahren). Aber klar, dann und wann hört man die Dire Straits aus der Mucke noch raus („In the Darkness“, „Lay Me Down“, „Long Shadow“), auch wenn das ganze Ding doch insgesamt etwas düsterer geraten ist, als man es vielleicht erwartet. Mag an seiner überstandenen Krebserkrankung Illsleys liegen, aber es geht durchaus melancholisch zu. Wobei die Dunkelheit immer wieder durch Licht, durch Hoffnung durchbrochen wird. Nur aus dem langen Schatten des in den letzten Jahren so zurückhaltenden Mark Knopfler tritt Illsley damit nicht heraus. Ehrlicherweise klingt sein Gesang manchmal sogar nach dem guten Mark.

Fazit: Viel Saitenzauber.

Anspieltipps: Morning, In the Darkness, Long Shadow

 

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Aldous Harding – Aldous Harding

Label: Woo Me/Indigo VÖ: 2016

Aldous Harding gilt als Frau mit eigenem Kopf. Einmal soll die Dame aus dem neuseeländischen Christchurch, allen Warnungen ihres Managements zum Trotz, Edith Piafs „Non, Je ne regrette rien“ als letzten Song ihres Sets gespielt haben. Ihr Management fand sie zu jung für einen solchen Titel. War ihr egal. Harding hat eine alte Seele – und eine reife Stimme. Das kann man ganz gut auf einem Song wie „Stop Your Tears“ hören. Er ist eines der Glanzlichter auf ihrem selbstbetitelten Debüt-Album (das wir hier wieder mit einem Jahr Verspätung in Europa zu Gehör bekommen). Auf diesem beweist sie großes Songwriting-Talent. Die Themen sind universell, es geht um Liebe, Tod, Trauer und Geburt. Ihre oft verzweifelten Lyrics sind sehr bildlich, oft düster, in jedem Fall ergreifend. Am besten klingt das, wenn Harding sich nur auf der Gitarre begleitet. Was nicht heißt, das die Songs, auf denen sie auch mal die Violine ranlässt, schlecht sind. Mitnichten. Das ist hier großartiger Goth-Folk.

Fazit: Schön traurig.

Anspieltipps: Stop Your Tears, Small Bones of Courage

 

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Max Giesinger – Der Junge, der rennt

Label: BMG VÖ: 2016

Sind wir ehrlich: Casting-Shows sind unsere Sache nicht. Wir schauen sie nicht, wir interessieren uns nicht, wir mögen sie nicht. Entsprechend schwer haben es oft Musiker, die aus solchen Formaten hervorgegangen sind, in unserem Magazin zu landen. Manchmal passiert’s aber doch. Wie bei Max Giesinger. Der war mal bei The Voice und wurde Vierter. Danach hat der frühere Straßenmusiker aber wieder bei Null angefangen, sein erstes Album via Crowdfunding finanziert und sich auf YouTube einen Namen gemacht. Mittlerweile hat der talentierte junge Mann bei einem großen Label unterschrieben und sein zweites Album auf den Markt gebracht. „Der Junge, Der Rennt“ heißt die neue Platte, der Titel suggeriert eine Weiterentwicklung seit des Debüts „Laufen lernen“. Giesinger besingt hier das, was einen Mittzwanziger eben so umtreibt. Es geht um Liebe und die Suche nach dem Sinn, nichts Außergewöhnliches also. So weit, so erwartbar. Glanzlicht der ganzen Sache ist das auch als Single veröffentlichte „80 Millionen“ – mit dem bekannten Model-Video -, ein wirklich gut produzierter, eingängiger Pop-Song, den auch Andreas Bourani so hätte machen können, und auf dem Giesinger so zeigt, was stimmlich alles in ihm steckt. Auch das reduzierte „Melancholiker“ gefällt. Insgesamt betrachtet biedert sich das Album aber schon sehr breitbeinig dem Mainstream an, wirkt etwas zu glatt, zu gewollt. Giesinger will den Hit, und das manchmal zu sehr. Das macht es am Ende austauschbar.

Fazit: Gute Ansätze, aber zu kommerzorientiert.

Anspieltipps: 80 Millionen, Melancholiker

 

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Bleached – Welcome the Worms

Label: Dead Oceans VÖ: 2016

Über die Jahre hat die Pop-Musik doch irgendwie ein verzerrtes Bild von Los Angeles gezeichnet. Ihr wisst schon, ewige Sonne und always Heiteitei und so. Dabei hat die Stadt auch ihre Schattenseiten. Es ist eine Stadt, in der es junge Menschen schwer haben. Die Mietpreise sind explodiert. Und die wahre Liebe zu finden, ist hier auch nicht so ohne. Bleached lassen den Weichzeichner auf ihrem zweiten Album „Welcome the Worms“ daher auch weg. Das führt auf dieser Rock-Platte zu manch großartigen Momenten: Die Grunge-Hommage „Desolate Town“ ist so einer. Zu oft kratzt die Band aber leider nur an der Oberfläche. 

Fazit: Da wäre noch mehr drin gewesen.

Anspieltipps: Desolate Town, Sour Candy 

 

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Kyle Craft – Dolls of Highland

Label: Sub Pop VÖ: 2016

Kyle Craft ist in Louisiana aufgewachsen, am Ufer des Mississippi, und hat viel Zeit damit verbracht, Alligatoren und Klapperschlangen zu fangen. Eine Gegend, die mit Musik nicht allzuviel am Hut hat, und umso erstaunlicher ist es, dass gerade Craft hier und jetzt den silberhaarigen Glam-Rock-Desperado gibt. Schuld war der Legende nach ein David-Bowie-Album, das er bei K-Mart erworben hat. Nun legt der Mann aus Shreveport sein Debüt vor – und was für eins. Brillant und furchtlos rockt sich Craft durch zwölf Tracks, erinnert dabei doch ab und zu an Suede, Springsteen, Bob Dylan, Cockney Rebel oder Brett Anderson. Mit „Berlin“ und „Lady of the Ark“ sind darunter auch zwei Nummern, die direkt im Gehörgang hängen bleiben. Schön, wie Craft gleichsam mitfühlend und humorvoll die Gesichter seiner Heimatstadt besingt und tragikkomisches Porträt des Nachtlebens Shreveports zeichnet: die Burlesque-Tänzerinnen, Vampire, „Midnight Boys“ und „Jackknife Queen“. Ein neuer Stern am Songwriter-Himmel. Mit einer einzigartigen Stimme obendrein.

Fazit: Bowie ist offenbar schuld an vielem Gutem auf dieser Welt.

Anspieltipps: Berlin, Lady of the Ark

 

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Alex Diehl – Bretter meiner Welt

Label: Electrola VÖ: 2016

Mit „Nur ein Lied“ ließ Alex Diehl 2015 bundesweit aufhören. Der 28-jährige Songwriter hatte den Song nach den Terroranschlägen in Paris aufgenommen. 2016 trat er damit beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest an, schied aber aus. Nun meldet er sich mit seinem neuen Album „Bretter meiner Welt“ zurück. Im Booklet zimmert Diehl seine eigene kleine Bühne, eben jene besagten Bretter seiner Welt, die auch auf dem Cover zu sehen sind. Die Botschaft: Hier wird ehrliche Musik gemacht. Und das sieht dann so aus: Echte Instrumente, Verstärker und ein analoges Aufnahmeverfahren bestimmen den Sound. „Es war mir wichtig, ein echtes Cello mit allen Nebengeräuschen wie dem Strich über die Saiten auf Band zu haben. Das entspricht vielleicht nicht den aktuellen Hörgewohnheiten, aber genau so sollen meine Songs klingen.“ Es sei ihm zu gönnen, dass der eine oder andere hinhört, denn allein schon textlich weiß der Songschreiber zu überzeugen. Die Lyrics kommen teils tiefgründig daher, Diehl ist vielleicht nicht der beste Sänger, aber ein guter Geschichtenerzähler. Das kommt beispielsweise in dem Titel „Silvester“ zum Tragen, der die Beziehung zu einem verstorbenen Freund und ehemaligen Pianisten in seiner Band verhandelt. Auch „In meiner Seele“ geht unter die Haut. Auch „Bitte werde nie ein Song“ weckt aufgrund seiner ungewöhnlichen Perspektive: Diehl trauert in diesem Liebeslied nicht einer Verflossenen hinterher, sondern fleht vielmehr seine derzeitige Freundin an, nicht aus seinem Leben zu verschwinden: „Bitte werde nie ein Song, verschwinde nie in einem Lied. Nimm‘ mir nicht die Melodie, die ich so lieb‘. Bitte werde nie ein Song, denn ich lieb‘ die Melodie, die Du mir gibst“. Grundlage war wohl eine reale SMS, die er seiner Freundin mal schrieb, als er Angst hatte, sie könnte ihn verlassen. Ehrliche Musik – das hat er uns mit seinem Booklet versprochen. Und: Das hat er uns geliefert.

Fazit: Berührt.

Anspieltipps: Silvester, In meiner Seele, Bitte werde nie ein Song

 

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Candlebox – Disappearing in Airports

Label: Pavement VÖ: 2016

Candlebox sind irgendwie in Vergessenheit geraten. Unberechtigterweise. Aber wie es nun mal so ist: Gegründet in Seattle im Jahr 1991 hat die Band mit ihrem selbstbetitelten Debüt zwar vierfach Platin abgeräumt, die beiden Alben, die danach kamen, zündeten jedoch kommerziell nicht mehr richtig. 2000 legte die Band dann eine Pause ein, reformierte sich erst 2006 wieder. Zwei weitere Alben folgten, aber, sind wir ehrlich, wir erinnern uns immer noch vor allem an „Far Behind“ und „You“. Auch das brandneue Machwerk „Disappearing in Airports“ wird daran nichts ändern. Candlebox arbeiteten hierfür mit den Produzenten Carson Slovak und Grant McFarland (August Burns Red, Everclear, Rivers of Nihl) zusammen, aufgenommen wurde in den Think Loud Studios in York, Pennsylvania. Außer Sänger Kevin Martin ist aber niemand mehr von der Urbesetzung mit am Start gewesen, zu ihm gesellen sich vielmehr der frühere Pearl-Jam-Drummer Dave Krusen, Bassist Adam Kury und die Gitarristen Mike Leslie sowie Brian Quinn. Aber Martin ist ohnehin der Fixpunkt, allein seine Stimme machen die neuen Songs schon hörenswert. Die Jungs bieten gewohnt qualitativen und inspirierten Alternative Rock, ansprechende Gitarrenmusik, auch mal mit einer funky Note. Nur der große Hit ist nicht dabei. Wird sie aber nicht weiter kümmern.

Fazit: Erfrischend, dass sich die Band immer noch ungern in Schubladen stecken lässt.

Anspieltipps: Vexations, Only Because Of You

 

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Brian Eno – The Ship

Label: Warp VÖ: 2016

Brian Eno, dieses einstige Roxy-Music-Wunderkind, hat sich auf seiner neuen Solo-Platte „The Ship“ einer neuen Herausforderung gestellt. Ja, das macht der Gute immer noch gerne, auch nach rund 40 Jahren im Geschäft. Anders klingen, so lautet die Challenge. Sein Ziel: “to make a record of songs that didn’t rely on the normal underpinnings of rhythmic structure and chord progressions but which allowed voices to exist in their own space and time, like events in a landscape.” Und was soll man sagen: Schafft er natürlich. „The Ship“ besteht aus vier Tracks, die mehr oder weniger ineinander übergehen, ein 48-minütiges Gesamtkunstwerk. Musik, die man genießen muss, die Aufmerksamkeit erfordert, eine meditative Gelassenheit. Nix für den Massenmarkt. Aber der Beweis, warum Eno als Revolutionär des Pop gilt. Der König des Anti-Pop.

Fazit: Eindrucksvoll.

Anspieltipps: The Ship, Fickle Sun (i)

 

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Anna Pancaldi – Dear Joey (EP)

Label: Spinnup VÖ: 2016

„Dear Joey“ ist die zweite EP von Anna Pancaldi. Der Vorgänger hatte zwar Kritiker und Publikum begeistert, blieb aber trotzdem irgendwie unter dem Radar der Öffentlichkeit. Trotz guter Charts-Platzierungen. Das soll sich nun ändern. Auf „Dear Joey“ bedient sich Pancaldi einer blumigen und doch ehrlichen Sprache. Es sind Kurzgeschichten und Schlaglichter, vorgetragen durch eine volle und doch filigrane Stimme. Auch wenn ich es selbst als Musiker hasse, der Journalist in mir schreit danach, Vergleiche zu ziehen. Geben wir dem Drang nach. Manchmal klingt Pancaldi nach Heather Nova oder Joni Mitchell, auch wenn sie ihren eigenen Stil und ein besonderes Timbre hat. Pancaldi schreibt ihre eigene Geschichte. Dabei wirkt „Runaway“ als der Song, der am aufwändigsten produziert wurde. „Come On Love“ ist eine komplexe Ballade und „All That I Am“ (mein Favorit auch wegen der offenen Gitarrenstimmung) ein gerader und schlichter Song, der durch die Stimme von Pancaldi jedoch eine hohe Spannung erhält. (Marco Boehm)

Fazit: Berührend.

Anspieltipps: Runaway, All That I Am

 

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Terry Lee Hale – Bound, Chained, Fettered

Label: Glitterhouse VÖ: 2016

Terry Lee Hale ist sowas wie ein Rastloser. Ein Vagabund. Er lebte an diversen Orten in den USA, zog durch Europa, veröffentlicht seit mehr als 30 Jahren Songs und Alben – und gilt als Pate der Seattle Szene. Mal  war er Rock`n´Roller, mal spielte er Alternative Country. Jetzt, mit knapp 63, regelt er die Lautstärke runter und betrachtet die Welt mit einer gehörigen Portion Altersweisheit. „Bound, Chained, Fettered“ ist eine Sammlung aus neun musikalischen Vignetten. Es ist ein Album, das bilanziert. Mit jedem Lied taucht der Gute in die Geheimnisse und Geschichten des Alltags ein. Das ist oft emotional, sehr oft traurig, und immer nachdenklich-bewegend. Vielen der Songs unterliegen leichte Percussions und atmosphärische Klänge. Eine Mischung aus Piano, einer Hammond-Orgel, Synthies, einer Blasclarinette, einem Baritonsaxofon, einem Mellotron und Gramentieri’s 6-saitigen Texturen.Überzeugend.

Fazit: Eines seiner besten Alben.

Anspieltipps: The Lowdown; Bound, Chained, Fettered

 

LIVE

Company

Bad Company – Live 1977 & 1979

Label: Rhino Entertainment (Warner) VÖ: 2016

Keine Frage: Bad Company gehörten sicherlich zu den besten Live-Stadion-Kapellen der Siebziger Jahre. Umso verwunderlicher, dass die 1973 gegründete Band nie ein offizielles Live-Album veröffentlichte. Manager Peter Grant soll nie ein Freund von Live-Records gewesen sein. Angel Air Records haute 2006 mal inoffiziell den Albuquerque-Gig von 1976 raus, musste ihn aber wegen allerlei rechtlichem Zinnober schnell wieder vom Markt nehmen. Offiziell gab’s also bisher nix in der Richtung. Das wird nun nachgeholt: „Live In Concert 1977 & 1979“ dokumentiert die Band im Original-Line-Up mit Paul Rodgers, Mick Ralphs, Simon Kirke und Boz Burnell. Die Doppel-CD (im Laufe des Jahres soll das Ganze auf Doppel-Vinyl veröffentlicht werden) umfasst zwei vollständige, bislang unveröffentlichte Shows, überdies den Bonus-Track „Hey Joe“ aus einem Konzert vom 26. Juni 1979 in Washington, DC. Alle Aufnahmen stammen von Original 24-Spur-Bändern aus den Archiven der Combo. Laut Plattenfirma wurden keinerlei Over Dubs oder sonstigen Veränderungen vorgenommen, alles, was man zu hören bekommt, stamme original aus den Performances der jeweiligen Konzerte. Disc 1 wurde während des Konzertes im Summit House, Texas, am 23. Mai 1977 aufgenommen, als die Band mit ihrem vierten Album „Burning Sky“ auf Tour war. Unter den Highlights tummeln sich grandiose Versionen von „Shooting Star“, „Ready For Love“, „Good Lovin‘ Gone Bad“ und „Feel Like Makin‘ Love“. Disc 2 beinhaltet das London-Konzert vom 9. März 1979, das Bad Company während ihrer Tour zum Album „Desolation Angels“ gaben. Neben einigen Songs von früheren Alben, die nicht auf dem Konzert von Disc 1 enthalten sind, etwa „Run With The Pack“, „Rock Steady“ und „Can’t Get Enough“, stellten sie mit  „Rock’n’Roll Fantasy“, „Gone, Gone, Gone“ und „She Brings Me Love“ auch einige Tracks aus dem damals neuen Album vor. Schön geschrieben, ausführlich und informativ: die Liner Notes.

Fazit: Einzigartiges Live-Dokument einer Band in ihrer Prime.

Anspieltipps: Shooting Star, Leaving You, Simple Man, Movin‘ On – Rock Steady, Good Lovin‘ Gone Bad, Hey Joe

COMPILATIONS

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Various Artists – Refugees Welcome: Gegen Jeden Rassismus

Label: Springstoff : 2016

Man mag ja kaum mehr Nachrichten schauen. Wenn nicht gerade irgendwo ein Promi stirbt, sieht man leidende Flüchtlinge. Immer wieder werden sie angefeindet und angegriffen. Unterkünfte brannten. Feels like it’s the early 90s all over again. Solche „besorgten Bürger“ gab’s ja damals auch schon, nur rotteten sie sich nicht in Pegida oder AfD zusammen. Nein, kein schönes Klima dieser Tage. Aber es gibt ja auch Lichtblicke: Menschen, die sich aktiv gegen Gewalt von Rechts und für Flüchtlinge einsetzen. Um diese auch finanziell zu unterstützen, haben Jonas Engelmann und Torsten Nagel einen Sampler zusammengestellt, der nicht nur viele exklusive Songs zum Thema enthält, sondern auch umfangreiches Informationsmaterial beinhaltet. Sämtliche Erlöse werden lokalen selbstorganisierten antirassistischen Initiativen zur Verfügung gestellt. Viele der Songs wurden exklusiv für den Sampler produziert. Mit dabei ist ein Who is Who des linken Electropop/Punk/Hip-Hop-Milieus: Dirk von Lowtzow, Frittenbude, Denyo, Gustav, Antilopen Gang, Sookee, Spezial-K, Neonschwarz, Feine Sahne Fischfilet, Pisse, Egotronic, Candelilla, Human Abfall, A Tribe Called Knarf, Dropout Patrol, form, Das Flug, Chaoze One, Microphone Mafia, Mal Elévé (Irie Revolt’s), Das Bierbeben, Berlin Boom Orchestra, Brockdorff Klang Labor, Kobito, Les Trucs. Oft ist es bei solchen Zusammenstellungen ja der Zweck, der die Mittel heiligt, aber hier sind selbst die Mittel gut gewählt. Nie klischeehaft, immer rotzig. So muss das.

Fazit: Muss man nicht nur aus moralischen, sondern auch ästhetischen Gründen gut finden.

Anspieltipps: Fuck You Frontex, Deutschland, Arschloch, fick dich!, Deutlich unterbewaffnet in Hellersdorf

 

BACKKATALOG

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Phil Collins – No Jacket Required/Testify

Label: Warner VÖ: 1984/2016; 2002/2016

Phil Collins Re-Release seiner Solo-Alben (wir berichteten) geht in die nächste Runde. In diesem Monat sind „No Jacket Required“ und „Testify“ an der Reihe. Natürlich – wie auch beim Rest der „Take A Look At Me Now“-Retrospektive – wieder inklusive jeder Menge Bonus-Material und den aktualisierten Platten-Covern, auf denen der 2016-Collins sein jeweiliges jüngeres Ich imitiert.

No Jacket Required: Mit seinem dritten Solo-Album etablierte sich der gute, stetig an Haaren verlierende Phil als einer der unwahrscheinlichsten Pop-Stars der 80er Jahre. Nummer eins in acht Ländern! Dann wiederum: Wer solch gut gemachte, warme, teils humorige und gut produzierte Platten macht, darf sich über Erfolg nicht weiter wundern. Der grellweiße, kommerziell angelegte Softcore-Middle-of-the-road-R&B kam beim Publikum bestens an, auch wenn den einen oder anderen schon spezielle, wiederkehrende Collins-Muster (die Blasinstrumente bei „Sussudio“, „Only You Know and I Know“; der Stil von Balladen wie „Against All Odds“/“One More Night“) langsam zu langweilen begannen. Fun fact: Sting, Peter Gabriel und Helen Terry steuerten Backing Vocals bei. Mehr 80er geht nicht, zumal Tracks aus diesem Machwerk auch bei der erfolgreichen Krimi-Serie „Miami Vice“ zu hören waren, bei der Phil auch einen Gastauftritt hatte.

Testify: „Testify“ ist das siebte Solo-Album des guten Phil, und, sind wir ehrlich, wahnsinnig erfolgreich war es nicht. 2002 erschienen, peakte es in den US-Billboard-Charts gerade mal auf Platz 30, keine Single schaffte es da drüben unter die Top 40. Überdies war das Ding auch das Collins-Album, das am schlechtesten auf dem heimischen UK-Markt abschnitt. Und das, obwohl es gar kein so übler Erwachsenen-Pop war, den Phil hier kredenzte und das Ganze sogar als letztes Collins-Album beworben wurde. Der Gute kokettierte damals mit der Rente. Kam dann später anders, wie wir heute wissen. Zusammengestellt wurde das Album in der Schweiz, aufgenommen jedoch in Frankreich und Los Angeles. „Can’t Stop Loving You“ war noch die erfolgreichste Nummer, „Testify“ die komplexeste. Der Up-Tempo-Track „Don’t Get Me Started“ immerhin noch gesellschaftskritisch, jedoch ohne die Wucht eines „Another Day in Paradise“ zu erreichen.

Fazit: Ein Klassiker, der in jede Sammlung gehört – und ein Album, das zwar keinem weh tut, das aber auch verzichtbar ist.

Anspieltipps: Sussudio, One More Night, Don’t Lose My Number – Can’t Stop Loving You

 

 

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Larkin Poe – Reskinned

Label: Vertigo/Universal VÖ: 2016

Larkin Poe sind bislang immer etwas unter dem Radar geflogen: Das Debütalbum „Kin“ (2014) überzeugte zwar die Kritiker, konnte sich aber nicht in die Charts spielen. Mittlerweile haben Larkin Poe bei Universal/Vertigo unterschrieben, und diesen Umstand genutzt, das Ding zu re-releasen: „Reskinned“ heißt das Ganze nun. Fünf neue Songs sind hinzu gekommen, vom Country-Folk hat man sich verabschiedet, man fährt nun eine etwas härtere und dreckigere Schiene. Der Opener „Sucker Puncher“ vedeutlicht das schon ganz gut. Megan und Rebecca Lovell klingen jetzt ein bisschen wie die Black Keys. Irgendwo zwischen Rock ’n‘ Roll, Blues und Southernrock haben sich die Schwestern aus Atlanta nun eingenistet. Gefällt.

Fazit: Zweite Chance genutzt.

Anspieltipps: Sucker Puncher, Trouble in Mind, Overachiever

 

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Jennifer Warnes – The Well

Label: BMG VÖ: 2016 (2001)

Hach, die gute Jennifer. Mit “(I’ve Had) The Time of My Life”, das sie zusammen mit Bill Medley von den Righteous Brothers aufgenommen hat, schuf sie nicht nur einen zeitlosen Klassiker (bekannt aus „Dirty Dancing“), sondern stiftete auch meinen Abi-Song. Danke nochmal dafür. Ansonsten blieb vor allem das Duett “Up Where We Belong” mit Joe Cocker aus dem Spielfilm “An Officer And A Gentleman” in Erinnerung. Was viele jüngere Semester eher nicht wissen: Warnes verbindet eine lange künstlerische Freundschaft mit Leonard Cohen, an dessen Alben „Live Songs“ (1973), „Recent Songs“ (1979), „Various Positions“ (1985), „I’m Your Man“ (1988), „The Future“ (1992), „Field Commander Cohen: Tour of 1979“ (2001), und „Old Ideas“ (2012) sie zunächst als Backgroundsängerin, bald aber schon als Gastsängerin mitarbeitete. So nahm sie in der Folge das Album “Famous Blue Raincoat“ auf, bei dem sie ihre Cohen-Lieblingssongs neu interpretierte. Und so muss man Cohen doch glauben, wenn er sagt: “Her voice is like the California weather, filled with sunlight. But there’s an earthquake behind it”. Überzeugen kann man sich davon auf dem Re-Release von „The Well“, ursprünglich 2001 lediglich als digital-only Veröffentlichung außerhalb der USA und Kanada erschienen. Jetzt liegt das Ding erstmals vollständig auf CD vor. Neben Eigenkompositionen enthält es auch Coverversionen von Songs von Tom Waits, Billy Joel, Eddie Arnold und Cindy Walker. Blues, Country, Folk, warm und atmosphärisch vorgetragen. Gefällt. Schöner Bonus: Arlo Guthrie selbst singt sein „Patriot’s Dream“ hier im Duett mit Warnes. Tolle Nummer.

Fazit: Wiederentdecken!

Anspieltipps: The Nightingale, Patriot’s Dream, The Panther

 

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Karl Bartos – Communication

Label: Trocadero VÖ: 2016

13 Jahre nach seinem Ausstieg bei Kraftwerk haute Karl Bartos sein erstes wirkliches Solo-Album raus. „Communications“ erschien 2003, war ein Konzeptalbum und hatte die Kommunikation in Zeiten elektronischer Medien als Hauptthema. Das Ding begeisterte damals, weil es zwingend war, weil Bartos immer noch jung und frisch klang wie in jungen Jahren. Die Songs waren klar und straight forward. Einfach gut. Doof nur, dass die alte Combo mehr oder weniger gleichzeitig ein Comeback-Album auf den Markt warf, und „Communications“ dadurch nicht die Aufmerksamkeit bekam, die dem Machwerk eigentlich zustand. Das soll sich nun ändern: Der Künstler bringt eine neue Edition des Albums heraus. Die kommt zwar remastered daher, aber leider ohne Bonus-Tracks. Wer das Album aber noch nicht besitzt, kann hier zugreifen.

Fazit: Wiederentdecken!

Anspieltipps: Cyberspace, Another Reality

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