Neu im Plattenschrank: April 2015

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Tocotronic – Tocotronic („Das Rote Album“)

Label: Vertigo Berlin/Universal VÖ: 2015

Puh. Ein Album über Liebe. Von Tocotronic. Mutet auf den ersten Blick irgendwie seltsam an, die Indie-Rocker haben sonst ja gerne komplexere Themen verhandelt. Diskurspop hat man das dann genannt. Ist da das Thema Liebe nicht viel zu banal? Werden seichte Popsongs, die sich diesem Sujet widmen, nicht sowieso schon den lieben langen Tag im Formatradio bereits rauf und runter gedudelt? Müssen da jetzt die sich in ihren Vierzigern befindenden Tocos auch noch ihren Senf zu diesem abgegriffenen Topic geben? Die Antwort ist eindeutig: Ja, müssen sie. Denn zum einen ist die Liebe zwar ein allgegenwärtiges Thema im Pop, aber keines, das bereits enträtselt oder entmystifiziert wäre. Liebe, das weiß jeder, ist eine äußerst komplexe Kiste. Und damit wiederum geeignet als Sujet für Tocotronic, die sich der Geschichte natürlich mit einem gewissen, intellektuellen Anspruch nähern. Ein Lexikon der Liebe wollten sie schaffen, eines, das sich verschiedenen Facetten dieses Phänomens annimmt, allerdings ohne Vollständigkeitsanspruch. Und so ist das Album auch kein Rückschritt, sondern eine Weiterentwicklung. Spätestens mit „Wie wir leben wollen“ entdeckten Tocotronic ihre Körperlichkeit, die nun voll zum Tragen kommt. Selbst das Thema Sex wird angefasst, obwohl es doch die Band höchstpersönlich war, die einst sang: „Über Sex kann man nur auf Englisch singen“.

Fazit: Ein Meisterwerk. Natürlich.

Anspieltipps: Prolog, Die Erwachsenen

 

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Hinder – When The Smoke Clears

Label: The End Records VÖ: 2015

Ach, Hinder. Ich gebe es ja zu: Die Rocker aus Oklahoma gehören seit Jahren zu meinen Lieblingsbands, das 2010er-Album „All American Nightmare“ mit den Tracks „What Ya Gonna Do“ und „Put That Record On“ höre ich immer noch gern und regelmäßig. Nun legt die Kapelle also nach längerer Pause ihr fünftes Studioalbum vor. Das erste ohne Leadsänger und Gründungsmitglied Austin Winkler wohlgemerkt, der aufgrund von Alkohol- und Drogenproblemen die Band verlassen musste. Aufhören oder Line-Up ändern also? Die Band entschied sich für letztgenannte Option. Der neue Mann am Mikro heißt Marshal Dutton, der die Band bereits seit 2009 in diversen Funktionen unterstützt – backstage, im Studio und on stage. Auch als Songwriter. Und so ändert sich sound-technisch gar nicht allzuviel, Hinder haben wieder eine straightforward Rock-Platte gemacht. Das motherfuckige Element fehlt aber irgendwie. Stattdessen spielt die Band mit Pop- und Southern-Rock-Elementen, böse Zungen würden sogar sagen: Country. Wirkt alles etwas glatt polierter als früher. Liegt dann vielleicht doch an der neuen, etwas weniger badass-klingenden Stimme. Möglicherweise gewöhnt man sich daran aber auch noch. Und wer das nicht will, dem sei gesagt: Austin Winkler plant Ende des Jahres (spätestens aber 2016) eine Solo-Platte zu veröffentlichen.

Fazit: Bohrt sich nicht so ins Hirn wie die vergangenen Platten. Wird „All American Nightmare“ nicht aus meiner persönlichen Heavy Rotation verdrängen.

Anspieltipps: Hit the Ground

 

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Eels – Royal Albert Hall

Label: E Works/PIAS VÖ: 2015

Im Mai 2014 brachen die Eels, nachdem sie gerade „The Cautionary Tales of Mark Oliver Everett“ veröffentlicht hatten, auf eine ambitionierte Welttournee auf. 53 Städte wollten bespielt und bespaßt werden, angefangen in Phoenix/Arizona, quer durch die USA und Kanada, bevor die Band sich schließlich Kontinentaleuropa und Großbritannien annahm. Am 30. Juni war die Kapelle schließlich in der Royal Albert Hall zu Gast, sozusagen dem Madison Square Garden Londons. Das erste Mal in neun Jahren. Klar, dass man sich entschied, das seltene Ereignis (für das sich die Combo übrigens so richtig in Schale geworfen hat) mitzuschneiden. Das Ergebnis liegt nun mit „Royal Albert Hall“ vor, in Form von zwei CDs und einer DVD. Darauf: Natürlich Songs aus dem jüngsten Album als auch Klassiker aus der mittlerweile 19 Jahre umspannenden Laufbahn der Band. Dazu mit „When You Wish Upon A Star“ (aus Disneys „Pinocchio“) und „Can’t Help Falling in Love“ (Elvis) auch ein paar nette Cover. Ein magischer Abend, bei dem Everett am Ende sogar die Haus-Orgel spielt. Gänsehaut garantiert.

Fazit: Ein bärtiger Mann, der in beinahe kirchlicher Atmosphäre über den Tod, verlorene Seelen und das Leben sinniert – „Royal Albert Hall“ ist wie ein Gottesdienst für Eels-Jünger.

Anspieltipps: Parallels, Grace Kelly Blues, The Sound of Fear

 

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Paper Aeroplanes – Joy

Label: My First Record VÖ: 2015

Es ist eines der größten Verbrechen der jüngeren Musikgeschichte, dass das walisische Alternative-Duo Paper Aeroplanes bisher noch nicht den ganz großen Durchbruch geschafft hat. Obwohl die Kritiker meist Purzelbäume vor Freude schlagen, wenn die Band aus Milford Haven mal wieder etwas raushaut. Das werden sie auch diesmal: „Joy“, das dritte Album von Sarah Howells und Richard Llewellyn, ist nämlich das beste, das die beiden bisher veröffentlicht haben. No doubt. Das Ding ist abwechslungsreich, jeder Song hat seinen ganz speziellen Charakter, kein Track fällt wirklich ab. Die Dream-Folk-Wurzeln scheinen dann und wann noch durch, im Großen und Ganzen ist die Platte aber poppiger, vor allem optimistischer, geraten als die früheren Werke. Liegt wohl auch  daran, dass Llewellyn und Howells sich erstmals einen Produzenten mit ins Boot holten: Mason Neely, der schon mit Lambchop und Sufjan Stevens gearbeitet hat. Teils wird’s sogar elektronisch. Am wichtigsten: Sarahs Stimme macht immer noch süchtig.

Fazit: Folk, der funkelt. Absolute Kaufempfehlung.

Anspieltipps: Emily, Guessing Game, Good Love Lives On, Sail

 

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Death Cab for Cutie – Kintsugi

Label: Warner VÖ: 2015

„Kintsugi“ – der Titel des nunmehr achten Studioalbums hätte von Death Cab for Cutie kaum besser gewählt werden könne. Er basiert auf einer japanischen Philosophie, zerstörte Keramik so zu reparieren, dass ihre Bruchstellen mit Gold hervorgehoben anstatt versteckt zu werden. Damit beschreibt sie, dass die Geschichte eines Objekts immer in Zusammenhang mit ihrem ästhetischen Wert steht. „Wenn man bedenkt, durch welche Entwicklungen wir intern gehen mussten und womit sich viele der neuen Texte beschäftigen, fanden wir in dieser Philosophie einen großen Widerhall – der Gedanke, wie man Zerbrochenes repariert und zu einem Objekt der Schönheit formt“, sagt Bassist Nick Harmer, der den Titel vorschlug. „Kintsugi“ ist die erste Aufnahme der Band ohne Produzent und Geheimwaffe Chris Walla, der den Sound von Death Cab formte, seit Gibbard 1997 die Kassette „You Can Play These Songs With Chords“ veröffentlichte. An Wallas Stelle trat bei „Kintsugi“ Rich Costey, der schon für Franz Ferdinand, Muse und Interpol arbeitete. Neben Wallas Abschied musste Sänger Gibbards auch noch die Trennung von seiner Frau Zooey Deschanel verarbeiten. Und so klingt er auf dem neuen Album oft verletzlicher als auf den Vorgängern. Brüchiger. Andere Songs („Ingénue“) strotzen hingegen nur so vor Dynamik, Intensität und Opulenz. Ein stimmiges Album, das die Befürchtungen der Fans, die Band könnte ohre Walla ihr backbone verloren haben, ad absurdum führt.

Fazit: Stimmig.

Anspieltipps: You’ve Haunted Me All My Life,  Ingénue

 

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Olivia Chaney – The Longest River

Label: Nonesuch/Warner VÖ: 2015

Speaking of „Vorschusslorbeeren“ und „Kritikerliebling“, das sind zwei Begriffe, die auch auf Olivia Chaney zutreffen. Das Debütalbum der Multi-Instrumentalistin und Singer-Songwriterin wurde sehnsüchtig erwartet. Jetzt ist es da, „The Longest River“ heißt es, veröffentlicht bei der Warner-Tochter Nonesuch. Die English-Folk-Sängerin hat einen minimalistischen Ansatz gewählt, bei kaum einem Lied wird ihre grandiose Stimme von mehr als einer Gitarre oder einem Piano begleitet. Und das ist gut so, denn mehr braucht es auch nicht, um den Zuhörer gefangen zu nehmen. Ansonsten ist der Ansatz eklektisch, zu eigenem Material gesellen sich auch ein paar Cover, etwa von Alasdair Roberts, die sie sich aber rigoros zu eigen macht. Der eklektische approach verwundert nicht, ist er ihr doch in die Wiege gelegt: Geboren in Florenz, als Tochter einer Australierin und eines Anglo-Niederländers, aufgewachsen in Oxford – da ist man gewohnt, sich das Beste aus verschiedenen Welten zusammenzupicken. Schön zu sehen, überdies, dass da jemand verstanden hat, dass Folk auch viel mehr sein kann als das Verwenden eines Banjos.

Fazit: Beeindruckt.

Anspieltipps: There’s Not a Swain, False Bride

 

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Shoshin – Epiphanies and Wastelands

Label: 7 Hz Recordings VÖ: 2015

Liest sich fast filmreif: „Batteriesäure-Pfützen, Lärmbelästigung, Verhaftungen, Polizeigewalt, Gefängniszellen, Bußgelder, beschlagnahmte Verstärker, Essen aus Konservendosen, Straßenkonzerte in aller Herren Länder und 18.000 verkaufte selbstgebrannte CDs“ – so wird die Vita der Hardcore-Außenseiter und Guerilla-Straßenband Shoshin im dem dem Debüt-Album beiliegenden Waschzettel zusammengefasst. Outlaw-Romantik. Gitarrist, Sänger und Songschreiber Pete Haley,  Bassist Joe Stuart und Schlagzeugerin Sophie Labrey sind demnach ein paar ausgeflippte Knilche, die statt in „abgeranzten Club“ lieber unangemeldete Straßen-Gigs, an belebten Orten mit vielen Menschen spielten – oder sich ihr Publikum „ausliehen“, in dem sie Veranstaltungen crashten. Eine besondere Anekdote war dabei ihr siebenstündiger Gig beim Eurosonic Noorderslaag, nach dem sie, obwohl inoffiziell, zur besten Band des Festivals gekürt wurden. So haben Shoshin über die Jahre in vielen Großstädten Europas  performt, meist ohne Genehmigungen, und oft zum Leidwesen der örtlichen Polizei. Bei einem Gig in Paris begrüßte die Band die anrückenden Gendarmen mit dem Imperial March aus Star Wars, was prompt eine Inhaftierung, inklusive beschlagnahmtem Equipments, nach sich zog. Punkrock-Attitüde at ist best. Das mit der Street Credibility wäre damit also auch geklärt. Und die Musik? Hat ein bisschen was von Limp Bizkit. Crossover, bei dem Pete Haley zu harter Gitarrenmusik meist rappt. Singen kann er auch, wie er in dem einen oder anderen Refrain unter Beweis stellt. Textlich ist die Platte ebenfalls vielseitig: Ernste, aussagekräftige Stücke (gegen Rassismus und Kriegstreiberei) stehen weniger ernsten (gegen die Ex-Freunde) gegenüber. Insgesamt sehr abwechslungsreich und eine Bereicherung für jeden Plattenschrank.

Fazit: Interessant und oft überraschend.

Anspieltipps: Same To Me, Linoleum

 

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The Tallest Man on Earth – Dark Bird is Home

Label: Dead Oceans/Cargo Records VÖ: 2015

Die Songs und Geräusche, so heißt es schön in dem Beipackzettel des Albums, führten „eine verwitterte Qualität, ein wenig Schmutz und Kies“ mit sich. Was vor allem gut klingt, meint: Die Aufnahmen sind sehr unorthodox entstanden. Der Musiker war ausnahmsweise nicht ins Studio gekettet, sondern durfte raus: In verschiedenen Ländern, Studios und Scheunen wurde gearbeitet, und ja, man meint es rauszuhören. Gerade zu Beginn des Albums, kurz vor dem Ende des Openers „Fields of Our Home“. Da hört man verschiedene Geräusche und Stimmen, die Kristian Matssons Gesang begleiten. Eine dieser Stimmen ist gleich mehrfach auf dem neuen Album zu hören und wird in den Liner Notes als Angel Vocals aufgeführt. „Dark Bird Is Home“, die vierte The-Tallest-Man-On-Earth-LP, zeigt den schwedischen Songwriter von seiner bisher persönlichsten, aber auch dunkelsten Seite. Zeitlose Arrangements, unter die Haut gehende Melodien, ein gänsehautbereitender Gesang – fertig ist der nächste Klassiker.

Fazit: Beweist einmal mehr, warum man ihn mit dem jungen Dylan vergleicht.

Anspieltipps: Fields of Our Home, Darkness of the Dream, Little Nowhere Towns

 

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Rocky Votolato – Hospital Handshakes

Label: Glitterhouse/Indigo VÖ: 2015

Ein gutes Omen? Produziert wurde „Hospital Handshakes“, das achte Album von Rocky Votolato, von Chris Walla (Death Cab for Cutie) im Hall of Justice Studio in Seattle. Im selben Raum, wo Votolato 2003 mit „Suicide Medicine“ eines seiner erfolgreichsten Alben produzierte. Es markiert auf jeden Fall das Ende einer Schaffenskrise, die nach der Veröffentlichung von Rockys siebtem Album „Television of Saints“ (2012) einsetzte. Plötzlich versiegte Rockys Kreativität, den Musiker plagten Selbstzweifel. Erst Mitte 2014 entdeckte der Mann wieder die Freude an der Musik. Nachdem er knapp zwei Jahre überhaupt nichts zu Papier brachte, entstanden binnen drei Monate mehr als 25 neue Songs. Elf davon hat er auf sein neues Folk-Rock-Album gepackt, die einem bewusst machen, was für ein großer Verlust es gewesen wäre, hätte sich Votolato tatsächlich dazu entschlossen, in Rente zu gehen. Er hat’s halt immer noch drauf.

Fazit: Schönes Comeback.

Anspieltipps: Boxcutter, The Hereafter, White Knuckles

 

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Eilen Jewell – Sundown Over Ghost Town

Label: Signature Sounds/Cargo Records VÖ: 2015

Vier Jahre sind vergangen, seit Eilen Jewell, die Songwriterin mit der samtigen Stimme, ihr letztes Studio-Album veröffentlicht hat. Faul auf der Haut gelegen hat die Gute seither aber nicht. Sie hat in dieser Zeit ihr erstes Kind Mavis (nach Gospel-Legende Mavis Staples benamt) geboren, ist umgezogen (von Boston nach Boise) – und hat sich dem Songschreiben gewidmet. Und ja, der Umzug, der Location-Wechsel, macht sich auf dem neuen Machwerk bemerkbar. Man meint, die Berge Idahos aus den Songs herauszuhören. Was man sonst raushört: akurate Beobachtung und Reflektierung ihres neuen Lebens als Mutter, eingebettet in einen Mix aus Blues, Country, Rock’n’Roll, Western Swing und Rockabilly. Es ist Jewells bisher persönlichstes Album. On a side note: Ehemann Jason Beek war auch mit von der Partie, saß am Schlagzeug und ist auch gesanglich zu vernehmen.

Fazit: Unbedingt auschecken.

Anspieltipps: Hallelujah Band, Half-Broke Horse, Needle and Thread

 

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Mavis Staples – Your Good Fortune (EP)

Label: Anti-Records/Indigo VÖ: 2015

75 Jahre – und kein bisschen müde. Mavis Staples blickt auf eine ebenso lange wie illustre Karriere zurück. Die alte Dame des Soul sang schon öffentlich, da war sie kaum im Teenager-Alter. In den Sechziger und Siebziger Jahren war sie die mächtigste Stimme der Staples Singers und ein Cover-Girl der Post-Civil-Right-Movement-Ära. Nach ein paar Jahren, in denen man sich wenig um die Gute scherte – was mehr an der Ignoranz des Publikums denn an der Qualität des Abgelieferten lag – erfährt Mavis Staples in den vergangenen Jahren eine Art Renaissance. Grammy-Awards inklusive. Für ihre nun vorliegende EP „Your Good Fortune“ hat sich Staples mit Son Little zusammengetan, der vergangenes Jahr seine EP „Things I Forgot“ veröffentlicht hat, die vom Publikum leider sträflich übersehen wurde. Es ist eine kraftvolle, fast magische Zusammenarbeit, die in vier Songs mündet: „Your Good Fortune“ (Folk Gospel) und „Fight“ (Funk) stammen aus der Feder von Little, dazu kommen Neuinterpretationen von „See That My Grave Is Kept Clean“ (Blind Lemon Jefferson) und „Wish I Had Answered“ (Gospel/Staples Singers).

Fazit: Mavis‘ Stimme ist immer noch unglaublich. In Son Little hat sie einen kongenialen Partner gefunden.

Anspieltipps: Your Good Fortune, Fight, See That My Grave Is Kept Clean, Wish I Had Answered

 

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Chungking – Defender

Label: Black Volta VÖ: 2015

Irgendwo zwischen Kate Bush, den Bee Gees und dem „Drive“-Soundtrack verorte Chungking ihren Sound laut dem dem Album beiliegenden Waschzettel. Kann man eigentlich so stehen lassen. Das Trio aus Bristol hat mit „Defender“ gerade sein drittes Album veröffentlicht. Im Mittelpunkt steht dabei natürlich wieder die samtige Stimme von Frontfee Jessie Banks, die von einem psychedelischen Soul-Pop-Klangteppich nebst minimalistischen Electrobeats getragen wird. Entstanden sind so 12 Tracks, die sich ins Hirn fräsen – und da gern bleiben dürfen.

Fazit: Süße Melancholie, perfekter Pop.

Anspieltipps: Sapphire, Beautiful World, Stand By Me

 

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The Apache Relay – The Apache Relay

Label: Membran/Sony VÖ: 2015

Noch auf der Suche nach dem perfekten Album für einen sonnigen Mittag auf der Veranda? Don’t look any further. „The Apache Relay“, das dritte, selbstbetitelte Album von The Apache Relay ist für diesen Zweck hervorragend geeignet. Eine stimmige Mischung aus Folk, Rock und Soul hat das Sextett aus Nashville da für uns in der früheren Sound City angerührt. Auf klischeehafte Country-Instrumente wie Mandoline und die fiddle haben die Jungs weitgehend verzichtet und das Ganze gegenüber den hochgelobten Vorgängerwerken etwas mehr in Richtung Pop gedreht. Klingt dann und wann etwas nach den Fleet Foxes. „We went into the studio pretty open-minded knowing only that we wanted to come out of it with quality pop songs and not try to repeat anything stylistically that we had done in the past“, sagt Sänger Michael Ford Jr. über die Arbeiten an dem neuen Silberling. Das Storytelling hat glücklicherweise unter all dem Wandel nicht gelitten. Und Ford Jr. weiß eine gute Geschichte immer noch zu intonieren.

Fazit: Mit dem Eistee auf die Veranda. Los! Das Album nicht vergessen.

Anspieltipps: Katie Queen of Tennessee, Terrible Feeling, Valley of the Fevers

 

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Delia Gonzales – In Remembrance

Label: DFA/PIAS VÖ: 2015

In der elektronischen Musik hat das Piano gerade Hochkonjunktur. Fragt bei Chilly Gonzales oder Nils Frahm nach. Delia Gonzales neustes Album „In Remembrance“, eigentlich mehr ein Multimedia-Projekt, trägt diesem Umstand Rechnung. Das melancholische Werk umfasst eine Suite von vier experimentellen Piano-Stücken, die ursprünglich für eine Show in Neapel/Italien entstanden sind, bei der Gonzales vier 16-Milimeter-Kurzfilme vorgeführt hat, in denen Ballerinas vor Spiegeln tanzen. Inspiriert wurde das Ganze vom russischen Komponisten George Gurdjieff sowie durch die Texte Henry Millers. Ein konzeptionelles Kunstprojekt, das durch seine mystische Atmosphäre und die sphärischen Klänge die Sinne des Zuhörers umnebelt, und sich dabei Anleihen aus Klassik-, Pop- und Elektro holt. Eine zweite CD beinhaltet Remixe der Stücke, produziert von Bryce Hackford.

Fazit: Hypnotisierender Klangnebel. Muss man sich drauf einlassen.

Anspieltipps:  – (als Gesamtkunstwerk zu sehen, Anm. d. Red.).

 

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Big John Bates – From Bestiary to the Leathering Room

Label: Rookie Records VÖ: 2015

Southern Gothic Death Cult. So nennen Big John Bates das, was sie da auf ihrem neusten Album fabriziert haben. Um dem Leser dieses Texts das Fragezeichen aus dem Gesicht zu wischen: ein wilder Mix aus Americana Noir, Blues und Exotic Rock ’n‘ Roll. Aufgenommen wurde das Ganze auf Johns Hausboot, das in Vancouver vor Anker liegt. Das Line-Up ist fast schon orchestral: Neben Bates (Gitarre, Gesang) gehören Brandy Bones (Kontrabass, Gesang), Leanne Laboucher (Cello), JT Massacre (Percussion, Gesang) und Greg Gravy (Mandoline) zur Mannschaft, die dieses Machwerk einspielte. Bones‘ Kontrabass, Johns Gretsch-Gitarren sowie die Gesangsstimmen der beiden dominieren nach wie vor den Sound der Band. Unter die zehn Tracks haben sich auch Cover von Iggy Pop und 16 Horsepower gemischt.

Fazit: Düsteres, spannendes Songwriting.

Anspieltipps: Black Soul Choir, Bitterroot, The Passenger

 

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Reinhard Mey – Dann mach’s gut live

Label: Odeon/Universal VÖ: 2015

Mit seinen mehr als 70 Lenzen blickt Reinhard Mey mittlerweile auf 50 Jahre Bühnenerfahrung zurück. Die große Show, die hat er dabei nie gebraucht. Reinhard Mey on stage, das war immer mehr eine intime Geschichte: ein Mann, eine Gitarre, ein Scheinwerfer. Sonst nix. Keine weitere Ablenkung. Auf dem Live-Album „Dann mach’s gut“, aufgenommen im vergangenen Jahr, ist das natürlich nicht anders. Es ist eine Art Resümee geworden, das Album, Mey thematisiert die ganze Spannbreite des Lebens. Vom Begrüßungslied für den neugeborenen Enkel („Fahr dein Schiffchen durch ein Meer von Kerzen“) über das Besingen der unvergänglichen Liebe bis zur späten Zufriedenheit über ein gradlinig gelebtes Leben in der Country-Nummer „Wolle“. Im „Narrenschiff „oder in „Gute Kühe kommen in den Himmel“ blitzt der politische Reinhard Mey hervor, der viel zorniger Kritik üben kann, als seine sanfte Aura das auf Anhieb vermuten lässt. Nein, altersmilde ist der Liedermacher weißgottnicht geworden.

Fazit: Zum Glück angeblich trotz des Titels kein Abschied von der Bühne.

Anspieltipps: Über den Wolken, Wolle, Narrenschiff

 

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The Morning After – Unfolding the Days

Label: Timezone VÖ: 2015

Auf ihrem neuen Album werden die Indie-Popper von The Morning After erst mal etwas nostalgisch und wagen den Blick zurück. Zurück in die Kindheit, die einen am Ende doch irgendwie immer einholt, ganz egal, wie sehr man vor den damaligen Ängsten und Träumen geflohen ist. Spätestens, wenn man auf dem staubigen Dachboden der Eltern irgendwann in alten Pappkartons auf Kindheitserinnerung stößt. Relikte der Vergangenheit. Fotos, Actionfiguren, Game- Controller. Dann entfalten sich vergangene Tage vor einem. „Unfolding the Days“ nennt sich denn auch folgerichtig das neue Album der Hessen, das irgendwo zwischen Indie-Rock und Folk mäandert. Wobei, Hessen… Stimmt so auch nicht mehr ganz:  Die Bandmitglieder sind mittlerweile auf Köln,  Stuttgart, Marburg und Berlin verteilt. Eingespielt haben sie diesen Arbeitsnachweis allerdings in Gießen. Vollständig in Eigenproduktion. Ein Glanzlicht des Albums: die Single „Head/Heart“, die vom Scheitern einer Beziehung erzählt.

Fazit: Von wegen immer nur noch vorn schauen. Der Blick zurück lohnt manchmal eben doch.

Anspieltipps: Head/Heart, Suit Up

 

Backkatalog

 

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Diverse – Sherwood at the Controls Vol. 1: 1971 – 1984

Label: On-U/Rough Trade VÖ: 2015

Die meisten kennen Adrian Sherwood heute als Aktivisten, der um den Dub in Dubstep kämpft. Seinen eigentlichen Beitrag zur Musikgeschichte leistete der Brite aber vor gut 40 Jahren, in den 1970erm. Der Londoner war damals einer der Keyplayer in der Verschmelzung von Postpunk und Reggae. Öhm, Punk und Reggae? Was zuerst ungewöhnlich klingt, ist gar nicht so abseitig: Punks und Rastafaris waren im London der Siebziger Außenseiter, bekämpften die selben Feindbilder und hatten überdies ähnliche gesellschaftspolitische Vorstellungen. Da wuchs zusammen, was zusammen gehörte. Der vorliegende Sampler zeigt nicht nur diese Verbindung auf, sondern kommt mit 14 Tracks (acht bisher unveröffentlicht) daher, die Sherwoods große Produktionsskills offenbaren und eine Ahnung davon geben, welch großen Eindruck dieser Mann hinterlassen hat.

Fazit: Ein Stück Musikgeschichte.

Anspieltipps: Hungry, so Angry; Middle Mass, Nuclear Weapon

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