Neu im DVD-Regal: Oktober 2015

MUSIK

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B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989

Verleih: Interzone Pictures VÖ: 2015

„If you can remember the 80’s, you were not there“, heißt es ja gemeinhin. Bevor der eiserne Vorhang fiel, tummelten sich im wilden, exzessiven West-Berlin der 80er Jahre  allerlei Künstler und Kommunarden, Hausbesetzer und Hedonisten. Ein Schmelztiegel für Sub- und Popkultur, geniale Dilettanten und Weltstars. „B-Movie“ erzählt die Story der letzten Dekade der geteilten Stadt – von Punk bis Loveparade – mit viel Archivmaterial, Interviews und Hintergrundinfos. Die Filmemacher Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange haben ungeheuer viel Schnipsel, teils bis dato noch unveröffentlicht, zu einer Collage zusammengeführt, die durch die Erinnerungen eines kompetent-flapsigen City-Guides zusammengehalten wird: Mark Reeder. Reeder kommt aus Manchester, ist ein Musik-Nerd wie er im Buche steht und verlässt 1979 seine Stadt, Keimzelle der Punk-Avantgarde, um nach West-Berlin zu gehen. Jenen Ort, der vielleicht noch abgefuckter als seine Heimat ist. Er ist nicht der Einzige, den die eingemauerte und doch so freie Stadt  fasziniert. Reeder zeigt allerlei altbekannte Gesichter, die damals aber noch ganz faltenfrei daherkommen: Die jungen Ärzte grüßen von der Leinwand, Nick Cave und Blixa Bargeld, Nena, Westbam natürlich, Gudrun Gut oder auch Annette Humpe.

„B-Movie“ ist eine Geschichtsdoku, wie man sie sich wünscht. Lebendig. Unterlegt mit dem Soundtrack der Zeit. Humorig und vor allem ohne erhobenen Zeigefinger. Von einem erzählt, der dabei war, aber dabei nicht vorgibt, allwissend zu sein. Gewünscht hätte man sich allerdings einen Blick auf die andere Seite der Mauer. Begleitet wird der Film durch ein Buch („B-Book“) und einen Soundtrack („B-Music“).

 

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Die Prinzen – Eine Nacht in der Oper

Verleih: Sony VÖ: 2015

Leipzig und sein 1000. Jubiläum. Klare Sache, das musste gefeiert werden. Und was lag da näher, als die Sause mit den Prinzen, den berühmten Söhnen der Stadt, zu begehen? „Die Oper hat uns angesprochen“, sagt Sebastian Krumbiegel, der mit seiner Band dieses Jahr ein famoses Comeback hingelegt hat.  „Familienalbum“ war das erste Studiowerk der Kapelle nach sieben Jahren und ging direkt auf Platz 9 der deutschen Charts. Zeitgleich gab es drei ausverkaufte und umjubelte Auftritte in der Leipziger Oper. Für die Nachwelt wurde das Ganze festgehalten. Das Resultat liegt jetzt mit „Eine Nacht in der Oper“ auf Doppel-CD, DVD und Blu-Ray vor. Die Setlist? Zum Großteil natürlich ein Best-Of, ergänzt allerdings durch vier neue Songs aus „Familienalbum“. Auch die eine oder andere eher unbekannte Perle aus dem Backkatalog erlebt ihre Bühnenpremiere. Mit Xavier Naidoo und Andreas Bourani gibt’s zwei namhafte Special Guests obendrein.

Mit „Eine Nacht in der Oper“ haben die Prinzen ein würdiges Bild- und Tondokument ihres Könnens geschaffen. Die Band ist gut aufgelegt, das Zusammenspiel mit Chor und Orchester bombastisch. Eine DVD, die zeigt, dass die Prinzen auch nach 25 Jahren im Geschäft immer noch – oder: wieder? – relevant sind.

 

FILM

 

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Der Nanny

Verleih: Warner VÖ: 2015

Clemens (Matthias Schweighöfer) ist nicht unbedingt Kandidat auf den Titel „Daddy des Jahres“. Der Mann hat kaum Zeit für seine Kinder, da er gerade eines der größten Bauprojekte der Stadt zu verwirklichen gedenkt – und die Verträge so gut wie unterschrieben sind. Nur ein paar letzte Mieter müssen noch ihre Wohnungen räumen und der Bau kann beginnen. Doch als auch Rolf (Milan Peschel) seine Wohnung verliert, schwört er Rache und heuert undercover als männliche Nanny in Clemens’ Haushalt an. Sein Plan: Sabotage. Da hat er die Rechnung allerdings ohne Clemens’ Kinder gemacht. Die beiden haben es sich zum Ziel gesetzt, neue Nannies innerhalb kürzester Zeit aus dem Haus zu vertreiben. Dafür ist ihnen jedes Mittel Recht.

Matthias Schweighöfer ist längst in der Liga eines Til Schweigers angekommen, seine Filme sind für deutsche Verhältnisse kommerziell unheimlich erfolgreich. Gab also in der Vergangenheit wenig Gründe für den mittlerweile 34-Jährigen, an seinem Erfolgskonzept großartig etwas zu verändern. Schweighöfer spielte zuletzt daher meist den Frauenschwarm, den Schwerenöter mit großem Herzen. In „Der Nanny“ wagt er nun einen Kurswechsel und gibt den fiesen Baulöwen. Gentrifizierung ist hier das große Thema, Gesellschaftskritik als Popcorn-Kino. Schweighöfer beweist dabei, dass er mehr als nur Romantic Comedy kann. In Nebenrollen zu sehen: Joko Winterscheidt, Alina Süggeler (Frida Gold), Cindy aus Marzahn, Friedrich Liechtenstein und Veronica Ferres.

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Spring

Verleih: Koch Media VÖ: 2015

Der junge Evan (Lou Taylor Pucci) hat nach dem Krebstod seiner Mutter und dem Rausschmiss aus seinem Job alles verloren, was ihn in seiner amerikanischen Heimat hält. Also packt er kurzerhand seinen Rucksack und reist nach Italien, wo er in einem idyllischen Dorf am Mittelmeer auf die Liebe seines Lebens trifft. Doch die schöne Louise (Nadia Hilker) birgt ein düsteres Geheimnis, das die aufkeimende Romanze in ein schreckliches Licht zu tauchen droht – und sie zu einer echten Gefahr macht.

Es gibt immer mal wieder Filme, die Genre-Grenzen sprengen und etwas ganz Neues, Frisches schaffen. „Spring“ ist so einer. Auf dem Toronto International Film Festival wurde der Streifen „als Horrorfilm einer neuen Generation“ gefeiert. Und tatsächlich gelingt es den jungen Regiesseuren Justin Benson und Aaron Moorhead mit „Spring“, den kosmischen Horror eines H. P. Lovecraft mit den Slacker-Romanzen eines Richard Linklater zu etwas Eigenständigem zu vermengen. Vor allem die Art und Weise, wie die Beziehung zwischen Louise und Evan inszeniert (und gespielt) wird, ist ganz großes Kino. Das Erzähltempo ist gut gewählt, der Film wirkt weder gehetzt noch langatmig, sondern überrascht an den richtigen Stellen – und entfaltet deshalb seine ganz eigene Magie.

 

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Kiss The Cook

Verleih: Koch Media VÖ: 2015

Viele Jahre lang war er den Feinschmeckern von Los Angeles treu zu Diensten – doch jetzt reicht es Gourmetkoch Carl Casper (John Favreau): Restaurantbesitzer Riva lässt ihm keine kreative Freiheit, seine Ehe ist gescheitert, die Beziehung zu seinem 11jährigen Sohn Percy liegt brach, und dann muss er seine Koch-Künste auch noch von einem snobistischen Kritiker verreißen lassen. Am Nullpunkt angekommen, besinnt er sich auf seine kulinarischen Wurzeln und kauft in Miami einen Imbisswagen. Zusammen mit Percy und seinem Souschef Martin begibt er sich auf einen kulinarischen Road Trip durch den amerikanischen Süden und begeistert die Massen mit seiner exotisch-kreativen Küche.

„Kiss the Cook – So schmeckt das Leben“ ist ein typischer Feel-Good-Film. Ganz nett geworden, mit dem Protagonisten kann man duchaus mitfühlen. Der deutsche Filmtitel ist mal wieder extrem daneben, aber das hat ja eine gewisse Tradition. Der Streifen ist auf jeden Fall keine Liebeskomödie, wie es der deutsche Titel weismanchen will, sondern mehr eine gelungene Mischung aus Komödie und Roadmovie. Macht außerdem sehr hungrig. Neben Jon Favreau sind übrigens Sofia Vergara, John Leguizamo, Scarlett Johansson, Robert Downey Jr. und Dustin Hoffman mit von der Partie.

 

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Verleih: Ascot VÖ: 2015

Als der Mann vom Jugendamt erzählt, dass ihre neue Adoptivtochter June (Kennedy Brice) eine unsichtbare Freundin namens Aer hat, denken sich die Andersons nicht viel dabei. Sie halten es eben nicht für sonderlich ungewöhnlich, dass ein Kind sich einen Freund erfindet. Doch Aer ist gefährlich.Wenn sie zorning wird, kennt ihre Zerstörungswut keine Grenzen. Was die Andersons nicht wissen: Aer ist kein Fantasieprodukt, sondern real. Sie lebt in Junes Körper.

Stilistisch ist „June“ eine Mischung aus Stephen Kings „Carrie“ und „The Omen“. An die Qualität dieser beiden Klassiker reicht der Streifen allerdings nicht ran. Das liegt auch daran, dass er streckenweise zu vage und oberflächlich bleibt. Über Aers Hintergrund etwa erfährt man viel zu wenig. Technisch ist der Film aber gut gemacht und auch die Schauspieler überzeugen. Allen voran die kleine Kenndy Brice, die mit ihrem Mienenspiel jede Menge Emotion zu transportieren weiß.

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Ich seh Ich seh

Verleih: Koch Media VÖ: 2015

In einem abgelegenen, idyllischen Haus am Waldrand genießen die Zwillingsbrüder Lukas und Elias die Sommerferien. Die beiden streunen zwischen Waldsee und Maisfeld umher und können die Ankunft ihrer Mutter kaum erwarten. Als sie jedoch nach einem Unfall aus dem Krankenhaus mit einbandagiertem Gesicht zurückkehrt, sind alle früheren Gewissheiten verschwunden. In der strengen Frau, die nun vor ihnen steht, können sie ihre Frau Mama kaum wiedererkennen. Schon bald werden sie den Zweifel nicht mehr los, dass eine Fremde die Kontrolle übernimmt. Während die Mutter versucht, den sich regenden Widerstand zu ersticken, machen sich die Kinder mit der ihnen gebotenen Gründlichkeit daran, die Wahrheit herauszufinden.

Horror made in Austria: „Ich seh Ich seh“ von Severin Fiala und Veronika Franz geht wirklich unter die Haut. Vertrauensverlust ist hier das große Thema. Und der wirkt sich in einer Familie natürlich besonders drastisch aus. Was wenn Mama nicht mehr Mama ist? Die Prämisse an sich ist schon brutal, die Umsetzung hier mit virtuos gut umschrieben.

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Plötzlich wieder jung

Verleih: Ascot VÖ: 2015

Patrice und Eric sind bereits seit der Schule ein Herz und eine Seele. Inzwischen sind die beiden Kumpel in gesetzterem Alter und ihre Lebenswege haben unterschiedliche Richtungen genommen. Patrice ist ein etablierter Arzt, treuer Ehemann und Familienvater, während Erics wechselnde Freundinnen immer jünger und seine Steuerschulden immer höher werden. Beide treibt eine gewisse Unzufriedenheit um – bis sie nach einem weinseligen Abend die Kellertreppe hinunter und durch ein Zeitloch ins Jahr 1986 zurück stürzen. Es folgt das komplette Programm: Musik von Desireless, Jeanswesten voller Aufnäher, Mädchen mit aufgeplusterten Frisuren, Rollschuh-Disco, Abiturnoten und andere bizarre Dinge. Aber auch die Chance, die Weichen für die Zukunft noch einmal anders zu stellen …

Das Thema „Zeitreisen“ haben wir in den vergangenen Wochen ja anlässlich des „Zurück in die Zukunft“-Oktobers ausgiebig behandelt. Ein weiterer Beitrag zur Debatte kommt nun mit „Plötzlich wieder jung“ aus Frankreich. Komödien, das können die Franzosen ja, wie sie seit einigen Jahren immer wieder beweisen. Auch „Plötzlich wieder jung“ ist durchaus witzig geraten, insgesamt aber zu seicht, um mit den großen Komödien der vergangenen Jahre mithalten zu können. Allerdings:  Das Zusammenspiel zwischen Kad Merad („Willkommen bei den Sch’tis“) und Franck Dubosc ist äußerst charmant.