Neu im Bücherregal: Elvis Costello – Unfaithful Music. Mein Leben.

Das Cover (foto: berlin verlag)

Der britische Singer-Songwriter Elvis Costello zieht (Zwischen-)Bilanz und legt mit „Unfaithful Music. Mein Leben“ seine erste Autobiografie vor. Auf stolzen 780 Seiten – Churchill-Style – springt der 61-Jährige – der gerne als der bekannteste unbekannte Musiker bezeichnet wird –  von Anekdote zu Anekdote und liefert dem Leser so Mosaik-Steinchen einer Geschichte, die der Leser selbst zusammensetzen muss.

Ich wusste, dass mir von Geburt an gutes Aussehen und Selbstvertrauen fehlten, die Voraussetzungen für den Publikumserfolg

Dass Elvis Costello einiges zu erzählen hat, das überrascht nicht. Immerhin feiert der Brite bereits seit 1977 Erfolge, hat 30 Alben aufgenommen und sich im Laufe der Zeit immer wieder neu erfunden. 1954 als Declan MacManus in London geboren, nennt er sich nach Mitgliedschaften in Kapellen wie Mothertruckers oder Flip City erst in D.P. Costello, dann in Elvis Costello um. 1977 erscheint mit „My Aim Is True“ sein erstes Album, das er in 24 Stunden mit den späteren News von Huey Lewis aufnimmt. Der Durchbruch in England und den Vereinigten Staaten gelingt ihm durch clevere Werbeaktionen. Dazu zählt der Gig bei „Saturday Night Live“, wo er kurzerhand für die Sex Pistols einspringt. Fortan läuft es erstmal bombe für Costello, die Single „Watching The Detectives“ landet in den Charts, das Album in den amerikanischen Top 40. Die Nachfolge-Werke, „This Year’s Model“ (1978) und „Armed Forces“ (1979), sind ebenfalls kommerziell erfolgreich. Es folgen: Tourneen, Affären, der ganze Pipapo. Dann allerdings entgleist Costello in einer Bar in Ohio verbal, beleidigt schwarzamerikanische Musiker aufs Übelste und ist damit in den USA zunächst verbrannt. Da kann auch eine „I’m Sorry“-Pressekonferenz und ein Auftritt bei „Rock Against Racism“ erstmal nichts kitten.

Zurück in England wird Costello zum Produzenten der Specials, später von den Pogues. Costello schreibt für viele namhafte Künstler, nimmt aber auch weitere eigene Platten auf, wird dabei immer experimentierfreudiger und bereist alle möglichen musikalischen Genres. Große Mainstream-Erfolge gelingen ihm, obwohl er sich verstärkt der klassischen Musik zuwendet, mit Beiträgen zu den Soundtracks von „The Big Lebowsky“ und „Notting Hill“.

Da sammeln sich also dann doch einige Geschichtchen in so einem Musiker-Dasein an. Nun hat Costello also seine Memoiren vorgelegt, in denen er recht kurzweilig, allerdings auch unstrukturiert und ohne jedwede Chronologie aus seinem Leben erzählt. Macht aber nix, Costello schafft es durch seine unterhaltsame Schreibe, den Leser bei der Stange zu halten. Und so erfährt letzterer, wie es ist, als Spross einer Musikerfamilie aufzuwachsen (Papa Ross war Sänger und Trompeter beim Joe Loss Orchestra, Opa Pat spielte als Hornist auf Schiffen der White Star Line). Oder wie Costellos Songs entstehen, was bei Treffen mit Paul McCartney, George Jones oder Bob Dylan so passiert ist, und aus welchen Krisen und Fehlern, Liebschaften und Lastern sich die Vita des guten Elvis so zusammensetzt.

Der Sound des Buchs ist dabei ein anderer, als ihn viele seiner Kollegen gewählt haben. Hier geht’s weniger um Sex, Drugs and Rock’n’Roll, hier geht’s vor allem um Musik. Sie ist der rote Faden, sie ist das, was Costellos Leben offenbar zusammengehalten hat.

So weit, so unterhaltsam, aber auch erwartbar. Besonders spannend ist „Unfaithful Music“ aber auch, weil Costello über das Autobiografische hinausgeht und ein Buch im Buch liefert. Nämlich eines über Kunst und Kommerz im Pop. Ein Thema, bei dem sich Costello durchaus Experte schimpfen darf. Der Mann hatte das Zeug zum Superstar, hat sich aber anders entschieden. Ein BBC-Programmverantwortlicher sagte mal zu ihm: „Sie hätten natürlich viel mehr Hits haben können, wenn Sie die ganzen Septimenakkorde und Mollakkorde rausgenommen hätten.“ Costello schreibt, er hätte wohl noch mehr Hits gehabt, wenn er die ganze Musik und den größten Teil der Texte rausgenommen hätte. „Einen Hit zu haben ist die einfachste Sache der Welt. Einen Hit zu haben mit einem guten Song, das ist schwer.“

Costello hat sich nie gemein gemacht mit der Pop-Welt, ist immer ein Outlaw geblieben: eloquent, unberechenbar, ironisch, selbstkritisch. Und genauso liest sich „Unfaithful Music“.

Lesezeichen

Elvis Costello „Unfaithful Music. Mein Leben“. Berlin Verlag, Berlin; 784 Seiten; 29,99 Euro.