Neu im Bücherregal: Zadie Smith – London NW

9783462045574

In ihrem neuen (mittlerweile vierten) Roman kehrt die Autorin Zadie Smith nach Willesden zurück, jenem multikulturellen, sozial schwachen Stadtteil im Nordwesten Londons, der ihr schon in „White Teeth“ als Location diente. London „NW“ ist bereits 2012 erschienen, liegt jetzt aber erstmals in deutscher Übersetzung vor.

„NW“, das ist für die mittlerweile in New York lebende, britische Schriftstellerin Zadie Smith bekanntes Terrain. Ist sie doch hier, im teilweise ärmlichen Londoner Nordwesten aufgewachsen. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass Smith ihre Leser dorthin entführt.

„NW“ spielt in den Caldwell Councill Estates, „projects“, wie die Amerikaner wohl sagen würden. Zu deutsch: Sozialer Wohnungsbau. Das Buch folgt den Protagonisten Leah, Natalie, Felix und Nathan, die in dieser typischen Großstadt-Hochhaussiedlung aufwachsen und darauf hoffen, diesen Ort irgendwann zu verlassen, um etwas Besseres aus ihrem Leben zu machen. Sie befinden sich in einem ständigem Kampf um Lebensglück. Einem Kampf gegen Rassismus, Gewalt und Klassendenke.

30 Jahre später sind sie zwar erwachsen, aber keiner von ihnen hat seinen Traum verwirklichen können. Ihr Kampf scheint verloren, aussichtslos. Nur Natalie scheint auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen, sie ist eine erfolgreiche Anwältin, die mit ihrem Mann gerne mal schicke Dinner-Parties schmeisst. Auf die sie dann auch die weniger ambitionierte Leah und deren Mann einlädt, die mit dem ganzen Zinnober jedoch wenig anfangen können. Man ist blind für die Probleme des anderen.

Smith schaut wieder mal genau hin. Scharfe Beobachtungen, ein gutes Ohr für Dialoge, Zwischentöne – die Britin ist in Bestform. In „NW“ beschäftigt sie sich mit Indikatoren eines Social-Class-Systems. Etwa der Musik, die ihre Charaktere hören, dem Essen, das sie zu sich nehmen, der Kleidung, die sie tragen, und der Art und Weise, wie sie sprechen. Und, ja, auch wie sich fortbewegen. In einer Stelle des Buches zitiert Leah Margaret Thatcher: „Jeder, der älter als 30 Jahre alt ist und den Bus nehmen muss, kann sich als Versager betrachten“. Und so ist jeder Bus-Trip in diesem Buch auch ein Urteil.

Identität, so lautet die These des Buchs, wird von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bestimmt. Und Smith scheut sich nicht diese anzuprangern. Es ist ein Roman über soziale Ungerechtigkeit und soziale Ungleichheit geworden. Smith kritisiert eine Gesellschaft, die ihren Mitgliedern nicht die gleichen Chancen gewährt. Eine Gesellschaft, die eine ganze Generation von verschwendetem Talent produziert hat, indem sie den Traum des sozialen Aufstiegs vergiftet hat. Die Phrase „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ – sie hat in „NW“ ihre Gültigkeit verloren.

Geschickt verknüpft Smith die einzelnen Handlungsstränge und setzt dabei modernistische und essayistische Elemente ein. Ihr Stil ist im Vergleich zu ihren vorherigen Werken etwas rauer, markanter geworden. Sie weicht dabei auch von herkömmlichen Erzählstrukturen ab, spielt mit der Form.

Und so lohnt es sich auf jeden Fall, den etwas schwierigen Einstieg durchzustehen. Hat man sich nämlich durch diesen durchgeboxt, wird man mit einem brillanten Roman belohnt. Man mag es mit den Ankommen in einer neuen Umgebung vergleichen: Erst meint man, man würde sich hier niemals zurecht finden, dann gewöhnt man sich dran und möchte nie mehr weg.

Lesezeichen: Smith, Zadie. London NW. Verlag: Kiepenheuer & Witsch, Köln. 432 Seiten, 22,99 Euro (gebunden).

Text: Benjamin Fiege

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