Neu im Bücherregal: „Über Pop-Musik“ von Diedrich Diederichsen

Dietrich Diederichsen (foto: wikipedia/Jörg Gruneberg)

Diedrich Diederichsen (foto: wikipedia/Jörg Gruneberg)

Ist das Kunst oder kann das weg? Der Musikkritiker und Poptheoretiker Diedrich Diederichsen hat in seinem neuen Buch „Über Pop-Musik“ diese Frage für das Genre beantwortet – und damit ein neues Standardwerk verfasst. 

Auf 474 Seiten stellt der 56-Jährige die Pop-Musik neben die ganz großen Künste. Man kennt das ja von ihm, diese Gleichstellung. Damit ist der Autor dereinst ja auch bekannt geworden. Diesmal bleibt diese Gleichstellung aber nicht nur bloße Behauptung, nein, Diederichsen begründet akribisch – und überzeugend. Leichte Kost ist das natürlich nicht, aber das ist man von dem Ex-Spex-Herausgeber ja auch nicht anders gewohnt.

„Meine ursprüngliche Idee war: Es gibt ungefähr sieben legitime Herangehensweisen an die Pop-Musik. Und von dort aus wollte ich, der Reihe nach, beschreiben, was Pop-Musik von anderen Künsten  unterscheidet“, so Diederichsen zur Süddeutschen Zeitung. Denn das, was sie von anderen Künsten unterscheidet, mache sie verteidigenswert.

Pop-Musik sei sehr viel mehr als nur Musik, schreibt der Hamburger. Sie sei vielmehr der „Zusammenhang aus Bildern, Performances, (meist populärer) Musik, Texten und an reale Personen geknüpfte Erzählungen. Es ist ein Zusammenhang, den man ungefähr seit Mitte des letzten Jahrhunderts beobachten kann. Seine Elemente verbindet kein einheitliches Medium (…)“

Dieser Zusammenhang werde letztlich von dem Hörer hergestellt. Der Hörer hat dabei also eine ebenso tragende Rolle wie der Produzent des Ganzen inne: der Musiker. „Pop-Musik lebt davon, dass einer den Zusammenhang herstellt“, so Diederichsen.

Die Urszene des Pop? Ein Fernsehauftritt von Elvis, im Jahre 1956. „In der Popmusik kommt es immer wieder vor, dass man ein künstlerisch expressiv gesehen wertlos gewordenes Zeichenmaterial nimmt, und es zur Verschlüsselung nimmt für etwas, was nicht künstlerisch, sondern zunächst mal sozial interessant ist. Bei Elvis im Fernsehen war das vereinfachter und geweißter R&B, der aus einer folkloristischen Tradition genommen wurde. Er war dann nur noch ein Bluesschema, rein musikalisch und sonst nichts, ein heruntergekommenes Material“, so Diederichsen zu taz, und weiter: „Dazu kommt die Fernsehaufnahme. Sie ist weniger inszeniert, man kann über die Lichtsetzung nicht so ein ikonisch strahlendes Starfoto wie im Kino herstellen. Elvis muss natürlich auch noch etwas tun, er muss die Hüften schwingen und auf sich als Charakter neugierig machen.“

Auffällig ist, dass die Musik selbst sehr selten den Weg ins Buch findet. „Mich interessiert einfach nicht, zum hundertsten Mal das Material selbst zu beschreiben. Das habe ich schon so oft gemacht, das haben andere schon so oft gemacht. Ich habe mir das nicht verboten, aber es war viel interessanter, einen Gedanken weiterzuverfolgen als einen Song.“

Lesezeichen: Diedrich Diederichsen. „Über Pop-Musik“. Verlag: Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2014. 474 Seiten, 39,99 Euro.

Text: Benjamin Fiege

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