Neu im Bücherregal: Joe Hill – Christmasland

Christmasland (foto: heyne).

Stephen King hat gerade erst mit „Doctor Sleep“ ein neues Werk veröffentlicht. Ans Aufhören ist bei dem Grusel-Guru noch lange nicht zu denken. Sollte dieser Fall aber mal eintreten, scheint ein würdiger Nachfolger bereits bereit zu stehen: Joe Hill, der gerade seinen neuesten, überaus gelungenen Horror-Roman „Christmasland“ veröffentlicht hat.

 

Es gibt da eine schöne Stelle im Nachwort von „Christmasland“, in der Joe Hill sich daran erinnert, wie er und sein Vater auf ihren Motorrädern über irgendwelche Hinterstraßen, wahrscheinlich im US-Bundesstaat Maine, kurvten. Joe ratterte auf seiner Triumph, sein Vater fuhr vorneweg auf seiner Harley. „Vermutlich verfolge ich schon mein ganzes Leben seinen Spuren“, sinniert Joe Hill da. Sein Vater? Der legendäre Horror-Autor Stephen King, der mittlerweile mehr als 350 Millionen Bücher verkauft hat.

Die natürliche Reaktion wäre es wohl, wenn sich Hill einen Beruf ausgesucht hätte, in dem er nicht ständig mit seinem berühmten Vater verglichen würde. Man hätte es ihm nicht verdenken können. Aber Joe Hill, bürgerlich Joseph Hillstrom King, ist kein Feigling, sondern einer, der diesen undankbaren Vergleich nicht scheut. Und ihn auch nicht scheuen muss.

Mit „Christmasland“ (Originaltitel: „NOS4A2“) legt er seinen mittlerweile dritten Roman vor. Die Story? Sie könnte einem Weihnachten für immer verleiden: Vic McQueen hat eine besondere Gabe: Sie kann sich eine imaginäre Brücke zu verlorenen Gegenständen bauen, und diese somit wiederbeschaffen. Ihre innere, kreative Welt ist stärker als die reale. Eines Tages führt sie die Brücke jedoch direkt in die Klauen von Charlie Manx, einem Kindesentführer, der die Kleinen in eine Welt verschleppt, in der jederzeit Weihnachten ist. Und von der es üblicherweise kein Entrinnen gibt. Doch Vic kann ihm entkommen. Viele Jahre später, Manx lag zwischenzeitlich im Koma, kreuzen sich ihre Wege erneut. Und Manx will Rache. Er nimmt ihr das Wichtigste im Leben: ihren Sohn. Ein gnadenloser Kampf entbrennt.

Bösewicht Manx wirkt mit seinem Christine-ähnlichen Wagen, in dem er die Kinder in seine bizarre Weihnachtswelt entführt, ein wenig, als wäre er einem Stephen-King-Roman entsprungen. Eine Mischung aus Randall Flagg, Pennywise und Leland Gaunt, möchte man meinen. Hat sich Hill in seinen bisherigen Werken stilistisch von seinem Vater doch eher distanziert, so scheint er bei „Christmasland“ wirklich Spaß daran gehabt zu haben, Querverweise auf das Tun seines Vaters zu verstecken. „Es“, „The Stand“, „Der Dunkle Turm“ – wer genau liest, entdeckt Anspielungen auf gleich mehrere Stephen-King-Werke. Und ebenso zieht Hill auch Verbindungen zu seinen eigenen Geschichten. Es ist ein typischer Kniff seines Vaters, und ein geschickter noch dazu: Auch Hill erschafft sich eine eigene literarische Welt, in der seine Erzählungen spielen. Mit Wiedererkennungswert.

Dennoch: Diese Spielereien stehen dem großen Ganzen nicht im Wege. Wie sein Vater auch schafft es Joe Hill, seine Fantasy- und Horror-Erzählung durch enormen Detailreichtum „real“ wirken zu lassen. Hill taucht tief in seine Charaktere ein, und schafft damit ein profundes Fundament für seine Story. Dass das nicht in 20 Seiten passieren kann, ist fast schon logisch. Stolze 800 Seiten brachte Hill zu Papier. Auch in Sachen Umfang stehen seine Werke denen seines Vaters also in nichts nach…

Text: Benjamin Fiege

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