Neu im Bücherregal: Hip Hop Family Tree (von Ed Piskor)

DJ Kool Herc, Grandmaster Flash, Afrika Bambaataa und Run DMC – sie waren die Galionsfiguren des Hip-Hop-Siegeszuges, der im New York der späten Siebziger Jahre – in den Parks, Studios, Radiostationen und Clubs der South Bronx – seinen Ursprung hatte. Und der nun von Comiczeichner Ed Piskor zwischen zwei Buchdeckeln festgehalten wurde. „Hip Hop Family Tree“ widmet sich auf rund 100 Seiten der Frühzeit des Genres.

Ein bisschen unwohl, so konnte man es aus einigen Interviews herauslesen, war ihm ja schon. Dass Ed Piskor seinen Otto unter einen Vertrag bei Fantagraphics setzte, einem etablierten Player, schien ihm nicht so zu behagen. Es schien, als wollte er sich dafür rechtfertigen, immer wieder begründete er den Schritt mit den gestalterischen Freiheiten, die ihm der Verlag trotz allem gewähre. Piskor hatte Angst, vom Establishment vereinnahmt zu werden.

Der Erfolg von „Hip Hop Family Tree“ hatte ihn schier überrollt. Als der Comic in den Vereinigten Staaten auf den Markt kam, kletterte er direkt auf die Bestsellerliste der renommierten New York Times, drei Auflagen waren ratzfatz ausverkauft. Und dann wurde das Ding auch noch für zwei Eisner Awards nominiert, den Comic-Oscar sozusagen.

Die Comics, die Ed Piskor da in seinem Band versammelt hat, sind ursprünglich für die Popkultur-Webseite Boing Boing geschaffen worden. In Volume One folgt er dem Hip Hop bis zu seinen Wurzeln zurück, zu den Haus-Partys in der South Bronx der Siebziger Jahren, um ihn dann chronologisch bis zu seiner Mainstream-Werdung 1981 zu begleiten.

Das geschieht sowohl romantisierend, andererseits aber durchaus kritisch. Die zunehmende Kommerzialisierung des Hip Hop ist Piskor offenkundig ein Dorn im Auge. Sie wird schon auf dem Cover des Werks thematisiert, das ein Vorher/Nachherbild von Grandmaster Flash zeigt: Links in einfachen Trainingsklamotten vor einem Basketballfeld während einer Blockparty stehend, rechts übertrieben aufgestylt im Club. Als „Bösewichter“, die diese kommerzialisierende Entwicklung vorangetrieben haben, werden in dem Comic beispielsweise Sylvia Robinson (Sugarhill Records), Russell “Rush” Simmons oder auch ein gewisser Rick Rubin (die Gründer von Def Jam) ausgemacht.

In dem Detailreichtum der Panels wird die große Liebe und der Respekt deutlich, den Piskor für das Genre empfindet. Manchmal ist das schon fast zu detailreich, in einem Panel passiert oft unglaublich viel. Das Erzähltempo ist hoch, die Themenwechsel schnell. Er wollte halt niemanden auslassen, der auf irgendeine Art und Weise den Hip Hop beeinflusst hat, der gute Ed. Das ist sehr gut recherchiert – und recherchieren sollte vorher auch der geneigte Leser, denn ohne etwas Vorahnung vom Sujet verliert man dann doch leicht den Faden.

Für jeden, der sich gerne mit Musikgeschichte auseinandersetzt, ist die Comic-Form auf jeden Fall erfrischend und eine gelungene Abwechslung. Und die Tatsache, dass es Piskor hier schafft, einen ausgewiesenen Nicht-Hip-Hop-Hörer (moi!) über knapp 100 Seiten bei der Stange zu halten, spricht denn auch für sich.

Die nächsten Teile dürften nicht lange auf sich warten lassen.