Neu im Bücherregal: „Doctor Sleep“ von Stephen King (Review)

Doctor Sleep. (foto: verlag).

1980 war es, da landete US-Autor Stephen King mit seinem Roman „Shining“ einen seiner größten Erfolge. Ein Meilenstein im King-Kosmos. Mit „Doctor Sleep“ folgt jetzt die lang erwartete Fortsetzung. Und der unheimlichste Dämon, der darin sein Unwesen treibt, ist nicht etwa die verwesende, aber doch bedrohlich-lebendige Badezimmer-Leiche, sondern der Alkohol.

 

Fortsetzungen, das ist keine allzu neue Erkenntnis, reichen nur in den seltensten Fällen an das Original heran. Und so habe er auch lange gezögert, diesen Roman zu schreiben, gibt Stephen King zu. Klar,  „Shining“, das war wohl neben „Es“, „Carrie“ oder „Friedhof der Kuscheltiere“ nicht nur eines der bekanntesten, sondern auch gruseligsten Bücher, die King je verfasst hat. „Nichts kann der Erinnerung an etwas gerecht werden, bei dem wir uns ordentlich gegruselt haben, wirklich nichts. Besonders wenn die Erinnerung aus einer Zeit stammt, in der man jung und leicht zu beeindrucken war“, weiß der Schriftsteller. Am Ende, so sagt er, habe aber seine Neugier gesiegt, angefacht durch die stetigen Nachfragen der Fans: Was ist eigentlich aus Danny Torrance geworden, dem kleinen Jungen, den das böse Overlook-Hotel  in „Shining“ das Fürchten lehrte?

„Doctor Sleep“ setzt ein paar Jahre nach „Shining“ an: Ein junges Mädchen ist in Gefahr. Eine Gruppe ebenso schlecht gekleideter wie gefährlicher Leute, die sich der „Wahre Knoten“ nennt, hat es auf die kleine Abra abgesehen. Die Sekte will ihr ihr Lebenselixier rauben, ihr „Shining“. Abra wendet sich daher an die wohl einzige Person, die ihr helfen kann: Danny Torrance. Der kleine Junge, der im Original ständig tote Menschen sah, ist bereits erwachsen geworden. Wirklich verkraftet hat er die schrecklichen Dinge, die ihm im Overlook zugestoßen sind, nicht. Ein Trinker ist er geworden. Wie der Vater, so der Sohn. Dennoch: Sein „Shining“, sein zweites Gesicht, das hat er immer noch. Er setzt es mittlerweile ein, um in einem Hospiz Sterbenden einen friedvollen Tod zu bescheren. Weshalb man ihm auch den Spitznamen „Doctor Sleep“ verpasst hat. Ob er das kleine Mädchen vor der mörderischen Sekte retten kann?

Das Ende wollen wir hier nicht verraten, das sollte der Leser selbst herausfinden. Soviel sei gesagt: Kings Mut, Dannys Geschichte wiederaufzugreifen, hat sich bezahlt gemacht. Das Handwerk des Horrors beherrscht der Altmeister immer noch, auch wenn „Doctor Sleep“ nicht ganz so unheimlich ist wie sein berühmter Vorgänger. Ein würdiges, spannendes Sequel ist King auf jeden Fall gelungen.

Und aller Monster zum Trotz: Der größte Dämon, mit dem es Danny in „Shining“ und „Doctor Sleep“ zu tun hat, ist der Alkohol. In „Shining“ litt Danny unter seinem Vater Jack, einem wütenden, trockenen Alkoholiker, der ihm den Arm brach, und seine Ehefrau Wendy und ihn in die Co-Abhängigkeit trieb. In „Doctor Sleep“ ist aus Danny ebenfalls ein Säufer geworden, einer der Frauen bestiehlt, mit denen er schläft. Einer, der ganz unten angekommen ist. Und auch die mörderische Sekte kann als Allegorie auf Alkoholiker verstanden werden, immerhin sind auch sie vom Durst getrieben – und zerstören damit Leben.

Abhängigkeit ist ein wiederkehrendes Thema im Gesamtwerk Stephen Kings. Er selbst hatte, als er „Shining“ schrieb, massive Alkoholprobleme. Mittlerweile, so sagt er, sei er seit Jahrzehnten trocken. Das Thema aber treibt ihn immer noch um. Und so strickt er schon an einer neuen Geschichte, einer, die auf einer wahren Begebenheit beruht: Letztes Jahr fuhr eine Frau aus Brooklyn in verkehrter Richtung auf der Interstate 95, und verursachte so einen tödlichen Unfall, bei dem auch ihre drei Kinder starben. Im Wagen? Eine Flasche Wodka … (bfi)

Text: Benjamin Fiege

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