Neu im Bücherregal: Irvine Welsh – Skagboys

Irivine Welsh. (wikipedia/mariusz kubik)

Vor 20 Jahren wurde der Autor Irvine Welsh mit „Trainspotting“ berühmt, einem Roman, der sich mit der schottischen Drogen-Szene der frühen 1990er  befasste. 2002 legte er mit „Porno“ ein Sequel nach – und jetzt mit „Skagboys“ die Vorgeschichte, die 1984 einsetzt und die Protagonisten Renton, Spud und Sick Boy auf dem Weg in ihre Heroinsucht begleitet.

Wenn es tatsächlich so etwas wie „No-Go-Areas“ gibt, das Edinburgh der  späten 70er und frühe 80er Jahre war  eine. Billiges Heroin aus Afghanistan und Pakistan überschwemmte damals die Stadt, und wurde von ihren Bewohnern, die gerade im großen Stil ihre Jobs verloren hatten und keine Perspektive mehr für sich sahen, mit offenen Armen empfangen. Die schottische Hauptstadt war zu jener Zeit nicht nur die Heroin-, sondern auch die HIV-Hochburg Europas. Kurz: ein richtiges Dreckloch.

An derlei misslichen Zuständen gibt man gern mal der Politik die Schuld, und das passiert auch in „Skagboys“. Der Fingerzeig geht zumindest am Anfang des Werks Richtung Thatcher, der vorgeworfen wird, mit ihrer Politik eine Generation von Zombies geschaffen zu haben, eine Armee von arbeitslosen Männern mittleren Alters, für die es keine Zukunft mehr gibt; die von stolzen Arbeitern zu jämmerlichen Fixern wurden, stets versucht, ihren Schmerz irgendwie mit dem nächsten Schuss zu betäuben.

Dass es aber zu kurz greift, ausschließlich der Politik den Schwarzen Peter zuzuschieben, weiß auch Welsh, der das vor allem am Beispiel seines Protagonisten Renton verdeutlicht. Klar, er, Sick Boy und Spud werden in gewisser Weise als Opfer eines nicht funktionierenden Systems gezeichnet – jedoch nur bis zu einem gewissen Grad. Vor allem Renton nämlich hat eigentlich alle Möglichkeiten. Er hat einen Platz an der Uni, eine tolle Freundin – und somit die Wahl, was er aus seinem Leben machen könnte. All das schießt er aber zugunsten des Heroins in den Wind.

Es ist kein leichter Stoff, den uns Welsh da wieder mal präsentiert. Böse Zungen könnten ihm vorwerfen, seit 20 Jahren immer und immer wieder dasselbe Buch zu schreiben: Mit „Trainspotting“ hatte sich Irvine Welsh  als hervorragender Chronist der dunklen Ära Edinburghs bewiesen, und mit dem etwas schwächeren „Porno“  den Eindruck erweckt, das mit dem ersten Buch wohl doch schon alles gesagt worden war. Warum also nun ein drittes?

Nun, das Thema „Heroin“ ist immer noch aktuell. In Schottland sind in den vergangenen fünf, sechs Jahren wieder mehr Drogentote gezählt worden. Die fixende Generation, die Welsh in „Trainspotting“ beschreibt, sie stirbt gerade in ihren Dreißigern und Vierzigern weg. Und augenscheinlich steht die nächste Drücker-Generation schon wieder in den Startlöchern.

Das Timing – das  passt also. Ob es künstlerisch notwendig war, ein Prequel zu veröffentlichen steht auf einem anderen Blatt. Sicher, Welsh gelingt es wieder, die Figuren unfassbar real erscheinen zu lassen. Den Ton von „Trainspotting“ trifft er jedoch leider viel zu selten. In der deutschen Übersetzung – das kann man dem Autor nicht wirklich vorwerfen – finden sich jede Menge Jugendwörter, die in den 1980ern so nicht verwendet wurden. Und außerdem ist das Buch viel zu lang geraten – fast dreimal so lang wie sein berühmter Vorgänger.

Das Buch taugt für Trainspotting-Fans aber  als Charakterstudie der Protagonisten, zumal das Werk zu großen Teilen verfasst wurde, als der erfolgreiche Vorgänger geschrieben wurde. Sozusagen als Nebenprodukt. Und wer schon immer wissen wollte, wie Sick Boy, Spud und Renton an die Nadel gerieten, der ist hier genau richtig. Zumal der Roman – ebenso wie „Trainspotting“ – ständig die Perspektiven wechselt und zwischen den einzelnen Protagonisten hin und her springt.

 

Lesezeichen

– Irvine Welsh: „Skagboys“; aus dem Englischen von Daniel Müller; Heyne;  832 Seiten; 24,99 Euro.

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