Nachruf: Roger Cicero ist tot

Er war ein Wandler zwischen den Welten: Der Pop- und Jazzmusiker Roger Cicero ist – wie erst heute bekannt wurde – vergangenen Donnerstag gestorben. Offenbar erlag der 45-jährige Sinatra-Verehrer einem Hirninfarkt.

„Wir sind fassungslos und unendlich traurig. Unser Mitgefühl gilt in erster Linie seiner Familie“, erklärte das Management des Musikers heute. Nach einem Auftritt im Fernsehen seien bei Cicero „akute neurologische Symptome“ aufgetreten. Er sei daraufhin in eine Klinik gebracht worden, wo sich sein Zustand rapide weiter verschlechtert habe. Seine Familie sei zum Zeitpunkt seines Todes bei ihm gewesen.

Es wäre übertrieben von Zerrissenheit zu sprechen. Aber in der Tat bewegte sich Roger Cicero in einem Spannungsfeld zwischen zwei Polen. Die Jazz-Connaisseure sahen in ihm einen großartigen Improvisateur, einen famosen Scat-Sänger, während der Mainstream von dem guten Roger vor allem Pop-Perlen wie „Männersachen“ oder „Frauen regier’n die Welt“ einforderte. Es mutet Respekt ab, wie gekonnt sich Cicero in diesem Spannungsfeld bewegte, wie augenscheinlich leicht es ihm fiel, die Erwartungen an ihn zu erfüllen – ohne an Glaubwürdigkeit auf der einen oder der anderen Seite einzubüßen. Cicero war beliebt, seine Mischung aus Pop, Jazz und Swing, garniert mit oft amüsanten Texten, kam beim Publikum an, seine Eleganz – Cicero trat üblicherweise mit Anzug und Lackschuhen auf – ebenfalls.  Der legendäre Paul Kuhn war seinerzeit voll des Lobes für Cicero und freute sich, dass dieser „als erfolgreicher Bigband-Sänger die Swing-Tradition in Deutschland weiterführt“.

Seinen ganz großen Mainstream-Erfolg, „Männersachen“ (2006), konnte er nie mehr toppen. Der Nachfolger „Beziehungsweise“ konnte nicht ganz mithalten, und so war Cicero in den vergangenen Jahren vor allem in der Jazz-Szene unterwegs und erfolgreich. Das gab ihm jedoch auch Gelegenheit, seinem großen Idol Frank Sinatra gebührend zu huldigen. Zum 100. Geburtstag von Ol‘ Blue Eyes veröffentlichte Cicero 2015 „Cicero Sings Sinatra“ (CD/DVD). Aus Frankie Boys umfangreichem Katalog wählte der Mann mit dem Hut 20 Titel aus, arrangierte sie neu und gewährte dem Publikum so seinen „ganz persönlichen Blick auf Sinatra, losgelöst von den Originalen“. Ein Konzept, das aufging. Das Ding verkaufte sich wie geschnitten Brot und ist derzeit für den Echo nominiert. Ebenso übrigens wie seine Kollektion neu interpretierter Jazz- und Bluesklassiker namens „The Roger Cicero Jazz Experience“. Schon im Rahmen der Veröffentlichung des Sinatra-Tributs hatte Cicero jedoch gesundheitliche Probleme: Damals musste er seine Konzerttermine wegen eines akuten Erschöpfungssyndroms mit Verdacht auf Herzmuskelentzündung zunächst bis Ende des Jahres absagen. Die ausverkaufte Tour sollte eigentlich nun fortgesetzt werden. Am 18. März trat Cicero mit seinen Sinatra-Songs im Bayerischen Rundfunk auf. Dabei verriet er, bereits am nächsten Album zu arbeiten.

Cicero wurde 1970 als Sohn des rumänischen Jazzpianisten Eugen Cicero (der ebenfalls – mit 57 – an einem Hirnschlag starb) in Berlin geboren. Seine musikalische Laufbahn begann früh: Bereits im zarten Alter von elf Jahren trat er als Support von Helen Vita auf. Fünf Jahre später flimmerte der gute Roger erstmals über die Mattscheibe, zusammen mit dem Rias-Tanzorchester. Mit 18 Jahren begann er eine Ausbildung am Hohner-Konservatorium in Trossingen, später studierte er Jazz-Gesang in Hilversum. Anfang der Nullerjahre zog es in dann nach Hamburg, wo er in Bands wie Jazzkantine und Soulounge von sich hören ließ. Es war die Zeit, als Robbie Williams und George Michael mit Jazzstandards erfolgreich waren. Cicero bewies, dass das auch deutsche Nordlichter können. 2005 legte er mit den Produzenten Frank Ramond und Mathias Haß mit den Arbeiten für sein erstes Album los. Es sollte ein Riesenerfolg werden: „Männersachen“ schaffte es bis auf Platz drei der deutschen Charts und ging mehr als eine Million Mal über den Ladentisch. 2007 nahm Cicero mit „Frauen regier’n die Welt“ am Eurovision Song Contest teil. Dort sprang zwar nur Platz 19 raus, im selben Jahr gewann er aber dafür einen Echo.

Der frühe Tod seines Vaters war prägend für Cicero. In einem Interview sagte er mal: „Es kann sehr schnell zu Ende gehen. Ich glaube, es braucht solche radikalen Gedanken, um sich dessen bewusst zu werden. Ich jedenfalls brauche sie, um mich komplett auf das Leben einzulassen und mir jeden Tag zu sagen: ‚Nein, nicht warten, jetzt machen!'“

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.