My Soundtrack: Franziska Günther

Franziska Günther (foto: arthur brell)

Ja, das Leben biegt oft in überraschende Richtungen ab. Insbesondere vor runden Geburtstagen. Da springen manche Menschen plötzlich mit Fallschirmen aus Flugzeugen oder trainieren für Marathons. Hat Franziska Günther auch. Und außerdem mal eben ihr erstes Solo-Album aufgenommen. „Franziska Günther“  ist Ende Oktober erschienen – und eine wunderbare Platte. Welche Platten der Wahlberlinerin in den vergangenen drei Jahrzehnten am meisten bedeutet haben, das hat sie uns in unserer „My Soundtrack“-Rubrik verraten.

 

Brooke Miller – You Can See Everything

Brooke Miller habe ich auf einem Doppelkonzert mit dem großartigen Fingerstyle-Gitarristen Don Ross entdeckt. Ihre Songs berühren mich auf allen Ebenen: Ihr Gitarrenspiel ist eigen und verlockt, Stunden am Instrument zu verbringen. Ihr Gesang hat Tiefgang. Ihre impressionistischen Texte werden meinem Verstand nicht vollständig klar und doch erzeugen sie Bilder und Gänsehaut. Bei diesem Song bleibt ein weiser Vers hängen: „Given the right set of wings you can see everything“.

 

Neil Young – Harvest

Diesen Song habe ich in Dänemark in einer Räucherei von einem beeindruckenden Musiker gehört. Siggi Björns‘ Livemusik hat mich dazu gebracht, selbst Musik machen zu wollen. Mit sechzehn hätte ich dafür fast die Schule geschmissen. Das konnten meine Freunde verhindern, aber in jeder freien Minute habe ich die Musik der Sechziger und Siebziger erkundet. So habe ich all die Hippies entdeckt, allen voran Joni Mitchell. Diese Einflüsse haben mein eigenes Musikmachen sehr geprägt.

 

Tina Dico – No Time To Sleep

Tina Dico habe ich erst vor einer Weile für mich entdeckt. Ich mag ihre prägnanten Songs. Sie schreibt eingängig, aber nie banal. Ihr aktuelles Album „Whispers“ hat mich dazu inspiriert, mein Album ebenso pur zu halten. Bei mir sind nur Gitarre und Gesang zu hören. Tina Dico fügt subtil weitere Ebenen hinzu, die so songdienlich sind, dass der Eindruck bleibt, die Frau würde gerade live und allein mit ihrer Gitarre performen. Sie wohnt seit einiger Zeit in der Nähe von Reykjavík. Seit ich selbst vor kurzem in Island war, ahne ich, wie inspirierend das sein kann.

 

Schau’ Mich Bitte Nicht So An (La Vie On Rose)

Meine Großmutter liebt dieses Lied. Vermutlich, weil sie bei solcher Musik meinen Großvater beim Tanzen kennlernte. Zwischen uns beiden liegen 56 Jahre und unterschiedliche Musikgeschmäcker, aber diese großartige Frau ist immer zu meinen Konzerten gekommen und ich habe mich auf ihre Liebe zu alten Schlagern eingelassen. Mit einer beeindruckenden Textsicherheit singt sie manchmal mit mir diese Lieder. Und ich habe ihr vor einigen Jahren einen langsamen Walzer geschrieben (Grandma’s Waltz), weil meine Großeltern das als junges Paar am liebsten tanzen mochten.

 

Bob Dylan – It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding)

Bob Dylan habe ich mit fünfzehn auf einer alten Kassette meiner Mutter entdeckt und war zunächst etwas verwundert, dass jemand mit dieser nöligen Stimme der berühmte Dylan sein sollte. Aber ich las seine Texte, verstand nicht annähernd die Hälfte und wollte doch alles aufsaugen. „It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding)“ habe ich zu einem Dylan Tribute in Berlin gespielt. Seine Bissigkeit, die treibenden Reime, die sich erst so spät einlösen, seine Gesellschaftskritik in alle Richtungen in gefühlten hundert Strophen. Das hatte ich mir als Teenager geschworen: Eines Tages lerne ich dieses Lied auswendig und singe das auch.

 

Halldór Gunnar Pálsson  – Ísland

Vor einer Weile hat Halldór Gunnar Pálsson ein Zehntel seiner Nation, also über dreißigtausend  Isländer in einem virtuellen Chor aufgenommen. In einer Dokumentation wird gezeigt, wie er über drei Jahre das Land bereist und allen sein Ísland-Lied beibringt. Der Song knüpft da eine berührende Gemeinschaft, zu der jedes Individuum mit seiner Stimme beiträgt. Welch verrückte Ideen sich doch umsetzen lassen. Noch dazu sind dreißigtausend Stimmen klanglich wahnsinnig beeindruckend.

 

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