My Soundtrack: Eric Pfeil

Eric Pfeil (foto: alfred jansen)

„Die Liebe, der Tod, die Stadt, der Fluss“ heißt das gerade veröffentlichte, düstere zweite Album des Liedermachers und Musikjournalisten Eric Pfeil. Gerade befindet sich der Gute auf Deutschland-Tour (siehe Termine am Text-Ende). Für uns hat sich der 45-Jährige trotzdem Zeit genommen – und die fünf Songs ausgewählt, die den Soundtrack seines Lebens bilden.   

1) Robyn Hitchcock – I Often Dream Of Trains

Der beste Song über Züge. Robyn Hitchcock ist der musikalische Leuchtturm meines Lebens. Ich kann es nicht anders sagen. Als ich sein Album „I Often Dream Of Trains“ zum ersten Mal gehört habe – nachts, alleine, im Dunkeln, vor der Stereoanlage meiner Eltern sitzend – wurde mir sehr schnell klar, dass man mit einer gesunden psychedelischen Attitüde wirklich über alles Songs schreiben kann. Auch über Kindererziehung, Nihilismus, pelzige Eier auf pelzigen Beinen und sexuelle Verwirrung. Hitchcocks Thema ist die Sterblichkeit, das Kompostieren alles Lebendigen. Auf „I Often Dream Of Trains“ hört man das besonders schön. Der Titelsong handelt aber tatsächlich nur von Zügen. Ich habe selbst kein besonders intensives Verhältnis zu Zügen, aber so wie Hitchcock über sie singt, hört es sich an, als sollte man mal ganz dringend von welchen träumen.

 

2) Adriano Celentano – Azzurro

Neulich sagte mir jemand, mein Song „Ein böser Fall von August“ klänge wie eine Antwort auf Celentanos „Azzurro“. Weniger wegen der Musik als aufgrund des Textes. Vielleicht ist ja etwas dran: In beiden Songs in der Sommer der Feind und die Frau weg. Celentano liebe ich seit ich ein Kind war. Wir hörten das bevorzugt, wenn wir über den Brenner nach Italien fuhren. Aber so richtig in diese Celentano-Welt eingestiegen bin ich erst später, in den Neunzigern. Der Mann ist ein absoluter Freigeist. Politisch schwer zu fassen und – ähnlich wie Dylan – nur zu seinen eigenen Bedingungen zu bekommen. Es gab Jahre, da habe ich nichts anderes als Celentano gehört. „Azzurro“ wurde zwar von Paolo Conto geschrieben – aber mit Celentanos Stimme im Geiste. Und tatsächlich ist die Stimme hier alles. Celentano ist ein ganz toller, lässiger Sänger, dem es in den besten Momenten gelingt, gleichzeitig erzcool, sexy und anrührend zu klingen. So wie hier. Am besten sofort alle Celentano-Platten der späten Sechziger kaufen und selig werden!

 

3) Jonathan Richman & The Modern Lovers – Ice Cream Man

Das Beste Stück über Speiseeisverkäufer, das es gibt. Aber um meine Jonathan-Richman-Vorliebe zu erläutern, muss ich ein wenig weiter ausholen: Mein Vater war das, was man früher einen Alleinunterhalter nannte. Er spielte beliebte Evergreens auf Geburtstagen und Hochzeiten und Kindertagesstätteneinweihungen. Er konnte fast alles spielen: Akkordeon, Klarinette, Saxophon, alle Tasteninstrumente. Bei Jonathan Richman denke ich oft an meinen Vater. Auf ihn hätten wir uns wohl einigen können. Was mir an Richmanns Musik so gefällt ist, dass sie ganz klar Unterhaltungsmusik sein will. Richman wird gerne als naiv beschrieben, aber das scheint mir verfehlt. Der Typ mag einfach keinen Rock und keine Prätention. Es gibt Leute, die sich über seine Stimme echauffieren, diese gepresste Luft, die da durch enge Nasennebenhöhlen fährt. Aber ich mag die Stimme und was er damit anstellt sehr gerne. Jonathan Richman zeigt einem immer wieder, dass es kaum etwas Schöneres gibt als eine Limitierung, auf deren Grundlage man einen ganz eigenen künstlerischen Ausdruck erschafft.

 

4) Nikki Sudden – I Belong To You

Ich glaube, ich habe keinen Musiker so oft live gesehen wie den leider vor einigen Jahren verstorbenen Nikki Sudden. Suddens Musik ist zutiefst traditionell. Damit war er im Indie-Kontext der Achtziger eine einigermaßen bizarre Nummer. Heute, wo man sich vor Americana-Heinis mit zu vielen Neil-Young-Platten kaum retten kann, wäre das nichts Besonderes mehr. Auch Nikki Sudden war stimmlich und gitarristisch limitiert, aber er hat eine Tugend daraus gemacht. Und ganz viele tolle Platten. Als ich von Nikki Suddens Tod erfuhr, war ich – auch wenn ich ihn da längst aus den Augen verloren hatte – sehr geschockt. Es fühlte sich an, als wäre mein musikalischer Taufpate gestorben.

 

5) Bob Dylan – You Aint’t Going Nowhere

Ein Spitzensong. Die Strophen sind extrem rätselhaft und möglicherweise sinnlos, der Refrain dagegen ist sofort verständlich und hat etwas sehr Menschliches. Das ist wohl das Genie von Bob Dylan: Das Seltsame, vollkommen Abseitige und das für jeden Nachvollziehbare (und in der Regel perfekt formulierte) verbinden sich bei ihm auf einmalige Weise. Das Stück ist der erste Song, den meine Tochter auf der Gitarre spielen konnte. Sie kann Bob Dylan besser imitieren als Bob Dylan selbst.

 

TOUR-Termine

06.06.2015 Berlin – Ramones-Museum
10.06.2015 Düsseldorf – Brause
16.06.2015 München – Südstadt
18.06.2015 Bielefeld – Plan B
19.06.2015 Haldern – Haldern Pop Bar
20.06.2015 Karlsruhe – Jubez
21.11.2015 Erlangen – E-Werk – mit Maik Brüggemeyer und Bernie Mayer