Kino: 12 Years a Slave & American Hustle

Brad Pitt (wikipedia/Caroline Bonarde Ucci)

12 Years a Slave

Mit neun Nominierungen ist „12 Years a Slave“ einer der Favoriten für die Oscar-Verleihung am 2. März – und das zu Recht. In seinem dritten Kinofilm hat sich Regisseur Steve McQueen eines der dunkelsten Kapiteln  der US-amerikanischen Geschichte, der Sklaverei, angenommen. Herausgekommen ist einer der Höhepunkte des Kinojahres: ein eindringliches, schonungsloses Drama, ungeschönt und frei von Klischees und Kitsch à la „Vom Winde verweht“.

„12 Years a Slave“ erzählt die wahre Geschichte des Afro-Amerikaners Solomon Northup (dargestellt von Chiwetel Eijofor), der Mitte des 19. Jahrhunderts als freier Mann mit seiner Familie im US-Staat New York lebt. Der angesehene Geiger und Tischler fällt jedoch auf zwei weiße Betrüger herein, die ihn unter dem Vorwand einer Künstler-Tournee nach Washington locken, unter Drogen setzen und nach Louisiana in die Sklaverei verkaufen. Erst nach zwölf Jahren kann Solomon der Sklaverei entfliehen und seine Erlebnisse für die Nachwelt festhalten.

Entgegen mancher Erwartungen ist Solomons Geschichte keine klassische Heldengeschichte. Um zu überleben, ist Solomon gezwungen, sich dem menschenverachtenden System unterzuordnen – er lernt schnell, dass Widerworte oder gar Widerstand seine Lage nur noch schlimmer machen. Über weite Strecken der Handlung bleibt Solomon nichts anderes übrig, als die Willkür seines sadistischen Herrn, Plantagenbesitzer Edwin Epps (Michael Fassbender), über sich ergehen zu lassen. Dessen Credo lautet: Sklaven sind Eigentum – und damit „kann man machen, was man will“.

In Epps und dessen Frau (Sarah Paulson) zeigt der Film, zu welcher Grausamkeit und Verrohung Menschen fähig sind. Doch trotz der Ausweglosigkeit seiner Lage versucht Solomon, sich einen Rest an menschlicher Würde und einen Funken Hoffnung zu bewahren. Und er weiß genau, dass ein Entkommen nicht mit Flucht, sondern nur mit juristischen Mitteln zu erreichen ist: indem er eine Nachricht an seine Familie und Freunde in New York schickt, die mit seinen Freiheitsdokumenten beweisen können, dass er kein Sklave ist – was ihm letzten Endes auch gelingt.

Steve McQueen verzichtet darauf, Solomons Leidensgeschichte in ihrer Gänze nachzuerzählen – er setzt auf exemplarische Szenen, gibt ihnen Zeit und Raum, zu wirken, und das oft so drastisch, dass es für das Publikum kaum noch ertragen ist. Wie die Szene, in der Solomon einen Sklavenaufseher gegen sich aufbringt, der ihn anschließend am Galgen hängen will. Ein zweiter Aufseher verhindert das zwar, lässt Solomon, der sich geradeso mit den Zehenspitzen auf dem matschigen Boden halten kann, jedoch weiter am Strick baumeln – stundenlang.

McQueens Nominierungen für den Regie-Oscar ist daher ebenso verdient wie die Nominierungen von Chiwetel Eijofor als Solomon und Michael Fassbender als wahnsinniger Sklavenhalter. Doch auch die Nebendarsteller – Benedict Cumberbatch als Südstaatler mit Gewissen, Paul Giamatti als widerlicher Sklavenhändler oder Lupita Nyong’o als junge Sklavin Patsey, die den einzigen Ausweg im Tod sieht – hinterlassen Eindruck und sorgen dafür, dass „12 Years a Slave“ auch lange nach dem Abspann noch beim Zuschauer nachwirken.

American Hustle

Christian Bale (foto: wikipedia/asim bharwani)

Christian Bale (foto: wikipedia/asim bharwani)

Man hat ihn durchtrainiert als Batman gesehen und abgemagert in „The Machinist“ oder „The Fighter“: Nun ist Christian Bale den entgegengesetzten Weg gegangen. Für „American Hustle“ futterte er sich eine ordentliche Wampe an. Als Kleinganove ist Bale derzeit in der Satire zu sehen, die in die wilden Siebziger führt und für gelungene Unterhaltung im Kino sorgen dürfte.
Das fängt schon in der ersten Szene an: Da steht Trickbetrüger Irving Rosenfeld (Bale) vor dem Spiegel eines Hotelzimmers und drapiert sich akribisch sein Resthaar ums Toupet. Da wird gekämmt, geklebt und gesprüht, bis es schließlich halbwegs präsentabel ausschaut – nur, damit ihm in der nächsten Szene FBI-Agent Richie DiMaso durchs Haar fährt und alle Mühen zunichtemacht.
Wir befinden uns in New York, 1978: Rosenberg und seine harte, aber herzliche Geliebte Sydney Prosser (mit Dekolleté: Amy Adams) sind Trickbetrüger. Ihre Masche: Sydney gibt sich als englische Adlige mit Kontakten zu Londoner Banken aus, um mit dem Versprechen auf das große Geld kleinen Leuten ihr Erspartes aus der Tasche zu ziehen. Alles läuft prima, bis FBI-Mann DiMaso (mit Lockenwicklern: Bradley Cooper) auftaucht, der die Kleinganoven zu einem Deal zwingt: Entweder sie helfen ihm, korrupte Politiker zu überführen, oder sie landen selbst im Knast.
DiMasos Opfer steht ebenfalls schon fest: Carmine Polito, Bürgermeister von Camden, New Jersey (mit toller Tolle: Jeremy Renner), der auf der Suche nach Investoren fürs Glücksspiel in Atlantic City ist, um Geld und Arbeitsplätze zu schaffen. Alles fängt gut an, doch angesichts Rosenbergs durchgeknallter Frau Rosalyn (vielleicht ein wenig zu jung für diese Rolle, aber herrlich irre: Jennifer Lawrence), Irvings Freundschaft zu Carmine, immer wahnwitzigeren Ideen von Möchtegern-Macho DiMaso und der kriselnden Beziehung zwischen Irving und Sydney drohen die Spieler, die Kontrolle zu verlieren.
Schrille Outfits, schräge Frisuren und noch schrägere Figuren – „American Hustle“ ist Satire pur. Vor allem die „Abscam“-Methode des FBI – Ende der Siebziger Jahre arbeitete das FBI tatsächlich mit einem Trickbetrüger zusammen, um Kongressabgeordnete Bestechlichkeit nachzuweisen – wird hier aufs Korn genommen. Einer Absurdität folgt rasant die nächste – dass dabei Geschichte und Charaktere nicht ganz in den Hintergrund geraten, ist den Darstellern zu verdanken, allen voran Christian Bale. Anders als etwa bei Widerling Jordan Belfort in „Wolf of Wall Street“, der zweiten großen Gaunergeschichte in diesem Kinojahr, wirkt Irving menschlich, verletzlich, sympathisch, und sein Handeln nachvollziehbar. Das und nicht zuletzt ein genialer Running Gag, ein Gastauftritt von Robert de Niro und ein Ende mit Überraschungen machen „American Hustle“ zu einer runden Sache.
Texte: Natalie Sudermann

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