Kino: Philomena

Judi Dench (Foto: wikipedia/caroline bonarde ucci)

Tausende junger Frauen mussten im erzkatholischen Irland der 50er Jahre ihre unehelichen Kinder zur Adoption freigegeben. Regisseur Stephen Frears hat mit „Philomena“ eines dieser traurigen Schicksale verfilmt – berührend, aber nicht rührselig, mit überraschend heiteren Momenten und überzeugenden Hauptdarstellern.

Namensgeberin des auf Tatsachen beruhenden Films ist Philomena Lee, die sich im ländlichen Irland der 50er Jahre als Teenager auf einer Dorfkirmes verliebt und schwanger wird. Ihre Familie verstößt die „gefallene Tochter“, steckt sie ins Kloster. Dort bringt sie, in der Obhut der nur mäßig „barmherzigen“ Schwestern, Sohn Anthony zur Welt und arbeitet „ihre Sünde“ fortan als billige Arbeitskraft in der Wäscherei des Klosters ab. Zunächst darf sie ihr Kind sehen, eine Stunde am Tag. Nach ein paar Jahren wird Anthony jedoch gegen Philomenas Willen zur Adoption freigegeben.

Erst 50 Jahre später kann Philomena, die inzwischen als pensionierte Krankenschwester in England lebt, ihrer Familie von ihrem verlorenen Sohn erzählen. Bereits mehrfach hat sie im irischen Kloster nach Unterlagen zu Anthonys Adoption gefragt, in der Hoffnung, ihren Sohn endlich kennenzulernen, wurde von den Nonnen jedoch mit der Behauptung abgewiesen, ein Feuer habe die Akten zerstört. Erst als Philomenas Tochter Kontakt mit Ex-BBC-Journalist Martin Sixsmith aufnimmt, kommt Bewegung in die Suche. Der hat zwar nichts übrig für „human-interest-storys“, hilft Philomena dann aber doch – er ist arbeitslos und kann eine Geschichte gebrauchen, die sich gut verkaufen lässt. Die Suche nach Anthony bringt, anders, als der Zuschauer anfangs erwartet, so einige Überraschungen mit sich – als die Geschichte eigentlich schon zu Ende scheint, geht sie erst richtig los.

Regisseur Stephen Frears ist mit „Philomena“ ein Film gelungen, bei dem man mehr als einmal mit den Tränen (wer nah am Wasser gebaut hat, sollte Taschentücher einstecken) – beinahe genauso oft aber auch herzlich lachen kann. Das liegt am ungleichen Duo, auf das sich die Geschichte konzentriert: auf der einen Seite Reporter Sixsmith (Steve Coogan, den man sonst eher in komischen Rollen kennt), abgebrüht, zynisch, manchmal auch richtig fies. Auf der anderen: die einfach gestrickte, manchmal etwas einfältige Philomena (mal wieder großartig: Judi Dench), die schnulzige Romane mit vorsehbarer Handlung liest, Sixsmiths sarkastische Witze nicht versteht und das Gute in jedem Menschen sehen will. Eine Frau, die trotz allem an ihrem streng katholischen Glauben festhält, vergibt, statt anzuklagen, und keinen Groll gegenüber den Nonnen hegt, die ihren Sohn weggegeben haben – selbst gegenüber der bösen Schwester Hildegard nicht. Die ist auch nach all den Jahren unbeirrbar in ihrem (Irr-)Glauben, der Verlust ihrer Kinder sei Gottes gerechte Strafe für die Sünden der Mädchen gewesen. Umso wütender ist dagegen der Zuschauer – und Sixsmith, der, ob er will oder nicht, nicht unberührt bleibt von Philomenas tragischer Geschichte.

Text: Natalie Sudermann

 

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