Kino: Maleficent

Maleficent (foto: disney)

Disney weicht vom konservativem Geschlechterklischee ab. Im jüngsten Märchenremake „Maleficent“ ist der Hoffnungsträger von einst, Prinz Charming, neben den starken Frauenfiguren höchstens zu deren Abziehbild verkommen. Mit der Darstellung Angelina Jolies als Bösewicht und Heldin zugleich distanziert sich Regisseur Robert Stromberg von der altbewährten Einteilung der Charaktere in gut oder böse und zeichnet auch ein realistischeres Bild davon, was wahre Liebe eigentlich bedeutet.

Kaum ein Mensch würde einfach so sein eigenes Leben gegen die Wand fahren, um sich einem hübschen Fremden zu unterwerfen. Vielleicht gerät man mal ins Schwärmen. Maximal. Und dieses „Verliebtsein auf den ersten Blick“ ist nicht zu verwechseln mit der „wahren Liebe“. Eine Erfahrung, die im Film besonders intensiv die Protagonistin durchleben muss: Maleficent, die von Angelina Jolie wunderbar gespielte dunkle Fee und Herrscherin über das Feenland „Moore“, die weniger böse als verbittert ist. Sie wurde verraten vom Mann, der sie einst küsste. Um König im Menschenreich zu werden, trennt Stefan (Sharlto Copley) mit einer Eisenkette die Flügel seiner Geliebten ab und zeugt zu allem Überfluss auch noch ein Kind mit einer anderen. Den Glauben an die Liebe verloren, rächt sich Maleficent am Menschenkönig. Der Fluch auf seiner Tochter Aurora (Elle Fanning) mit dem ironischen Zusatz, nur ein Kuss der wahren Liebe könne sie retten, erhält damit endlich eine Erklärung.

Selbst in der gekürzten Kinofassung mit einer Altersbeschränkung ab sechs Jahren (FSK 12 in der Originalfassung) sind so manche Szenen immer noch gruseliger als in dieser Alterskategorie üblich. Zwar fließt in den Kampfsequenzen kein Blut und auch Maleficents Verstümmelung durch Stefan wird nur angedeutet, doch sein perfider Blick als das Trenneisen über ihr im Mondschein glänzt, ist schon schwere Kost. Eltern sollten vorher überdenken, ob sie das ihren Sprösslingen zumuten wollen.

Dem gegenüber stehen jedoch viele witzige Szenen in einem mal schaurig, mal wunderschön ausgearbeiteten Märchenwald, der auf die mittlerweile inflationär eingesetzten 3D-Effekte gut und gerne hätte verzichten können. Denn im Fokus steht vielmehr Jolies Minenspiel, mit dem sie wunderbar ihren inneren Gefühlskampf aus Rache, Reue und Liebe offenlegt.

Besonders gelungen ist die optische Übersetzung der gehörnten Fee aus dem Original-Disney-Märchen „Dornröschen“ von 1959. Prothesen an den Wangenknochen verleihen Jolie härtere Gesichtszüge, farblich angepasst sind Augen und Hörner an Jahreszeit und Stimmung. Da hat Robert Stromberg  in seinem Debüt als Regisseur (bekam jeweils einen Oscar als Special-Effects-Künstler in „Avatar“ und „Alice im Wunderland“) Detailarbeit geleistet.

Auch wenn die Charaktere für einen Disneyfilm facettenreich sind, ist dies bei Dornröschen alias Aurora nicht ganz so gelungen. Stattdessen bleibt sie in dieser Realverfilmung das Unschuldslamm. Prinz Phillip (Brenton Thwaites) wurde indes komplett zu einem Nebencharakter degradiert. So spielt das Dornröschen-Remake vollkommen aus der Sicht der dunklen Fee. Mal eine gelungene Abwechslung, eine ungewöhnliche Perspektive, mit der Disney aber den Zeitgeist trifft.

Text: Julia Brandt

 

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