Märchen: Sex und Gewalt zogen schon immer

Julia Sophie Brandt (foto: privat)

Märchen boomen derzeit in der Filmindustrie – vor allem auch die mit Sex und Gewalt angereicherten Action-Versionen derselbigen. Wer jedoch meint, dass das eine neuzeitliche Erscheinung ist, ein Sittengemälde unserer Zeit, der irrt. Sex sells, und Gewalt geht auch immer – das wusste man schon zur Entstehungszeit der Geschichten. Ein Hintergrund.

Als Tommy Wirkola 2013 in seiner Fantasy-Verfilmung „Witchhunters“ die erwachsen gewordenen Hänsel und Gretel als rachsüchtige Hexenjäger inszenierte, die mächtig Spaß daran haben, ihre Gegnerinnen brutal zur Strecke bringen, war der Aufschrei groß. Hänsel und Gretel als ein verrücktes Geschwisterpärchen, das irgendwelche nicht minder verrückten Frauen ermordet? Irgendwie schien das dem ein oder anderen nicht mehr das Märchen zu sein, das er seit seinen Kindheitstagen lieben gelernt hatte. Doch all der Sex, all die Gewalt – so neu ist das gar nicht.

Im Gegenteil: Wenn Hänsel und Gretel die olle Hexe in den Ofen schubsen, ist das auch nicht gerade pazifistisch. Auch Max und Moritz sind hochgradig brutal unterwegs. Und wie Rapunzel eigentlich Mutter von Zwillingen werden konnte und welche Art der Fleischeslust den bösen Wolf tatsächlich dazu antrieb, das unschuldige Rotkäppchen anzufallen – früher haben sich das die Menschen durchaus lebhaft ausgemalt. In geselliger Runde erzählten sie sich die „Neuigkeiten“, die sie von Herumreisenden erfahren hatten. Ein dunkler Winterabend, pfeifender Wind und flackerndes Kaminfeuer weckten die Fantasie von Erzähler und Publikum. Kino im Kopf gab es also schon immer. Und das konnte durchaus blutrünstig und frivol sein.

Gut, von „Märchen“ sprach damals natürlich noch keiner. Der Begriff ist retrospektiv entstanden und vom mittelhochdeutschen „Maere“ abgeleitet. Er heißt übersetzt so viel wie „Bericht“. Der Ursprung des Märchens waren also schlichtweg Berichte aus dem alltäglichem Leben – etwas aufgepeppt, mit übernatürlichen Mächten versehen, um den Traum von einem glücklichen Leben wenigstens innerhalb einer Fantasiewelt realisieren zu können. So verarbeiteten die Menschen ihre Erlebnisse und Emotionen.

Auf die Idee, die brutalen und amoralischen Geschichten für Kinder zu entschärfen, kamen erst die Gebrüder Grimm. Sie wollten Märchen mit Moral. Die Begründer der Märchenforschung hielten in ihrer Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“ vor allem mündlich erzählte Zauber- und Feenmärchen schriftlich fest. In ihren insgesamt sieben Auflagen von 1812 bis 1857 ersetzten sie das Sexleben der Märchenfiguren durch Hochzeit, die mit ihren Kindern überforderte Mutter durch die böse Stiefmutter, um dem Bild vom biedermeierlichen Familienidyll, in dem Kinder von ihrer leiblichen Mutter kein Leid erfahren, gerecht zu werden.

Heute liegt es in der Hand der Filmemacher, welche Werte ihr Film vermitteln soll. Vorlage hin oder her. Nach den 1950er Jahren gerieten Märchenfilme, die übrigens mit Kinderfilmgeschichten gleichgesetzt wurden, in der BRD in die Kritik. „In Bezug auf das Frauenbild wurden Passivität, Unterwürfigkeit, Ohnmacht, Schutzlosigkeit und Misshandlung der Mädchen nachgewiesen“, fasst es Autor Helmut Kommer auf einer Tagung zum Thema „Märchen und Film“ des Kinder- und Jugendfilmzentrums zusammen. Wenn nicht unterwürfig, sei die Rolle der Frau trotzdem negativ gewesen: als böse Stiefmutter, Hexe, Fee oder Zauberin.

Das Frauenbild hat sich mittlerweile gewandelt. In zeitgenössischeren Verfilmungen setzt sich die Frau meist für ethische Grundwerte ein, für Hilfsbereitschaft, Toleranz und Selbstständigkeit. Und das kommt an. Ob Hollywood („Snowwhite and the Huntsman“) – speziell: Disney („Maleficent“, „Frozen“) – oder deutsche Produktionen (ARD-Filmreihe „Sechs auf einen Streich“): Moderne Filmemacher setzen auf starke Frauenrollen.

Dass Märchen keine genauen Zeit- und Ortsangaben haben, macht sie zeitlos. Und mal abgesehen von ihrer Funktion, Kindern und Jugendlichen das Erwachsenwerden oder die Welt zu erklären – sie unterhalten schlichtweg. Da hat selbst die sinnlose Rachsucht von Hänsel und seiner Schwester Gretel, wie sie im Film „Witchhunter“ zelebriert wird, ihren Zweck: am Ende des Tages wollen wir es auch niemandem mehr heimzahlen.