„Manchmal brauchen wir etwas Blut in den Augen, um die Dinge klarer zu sehen“. Oder: Warum wir Horror mögen.

Stephen King (foto: pinguino/wikipedia)

Wenn Carrie, „Satans jüngste Tochter“, nach mehr als 30 Jahren ihre Rückkehr auf die Kinoleinwand feiert, werden wir wieder dabei sein. Das Herz wird rasen, die Hände werden feucht, und wir werden Popcorn knabbernd und Cola schlürfend dabei zusehen, wie sich Carrie an ihren Mitschülern für all ihre erlittenen Demütigungen rächt. Auf blutige Art und Weise. Vor allem aber werden wir eins tun: Wir werden uns fürchterlich gruseln. Weil wir es so wollen.

Aber warum? Warum gruseln wir uns gerne? Warum wollen wir dabei zusehen, wie andere Menschen gejagt, gefoltert und schließlich ermordet werden?

Bevor jetzt jemand einwirft, dass sie halt heutzutage so sind, die jungen Leute, sei gesagt: Die Lust am Horror ist nicht neu, sie begleitet den Menschen schon seit Anbeginn der Zeit. Als erste Horror-Geschichte gilt der 170 geschriebene lateinische Roman „Metamorphosen“ von Apuleius. Und was ist mit Homers Odyssee, die aus dem siebten Jahrhundert vor Christus stammt? Mit all ihren Monstern und Zyklopen ist das eigentlich eine klassische Horror-Story. Übernatürliche Elemente spielen in der Literatur überdies seit jeher eine tragende Rolle, man findet sie sowohl bei Shakespeare („Macbeth“) als auch bei Goethe („Faust“). Beides Schriftsteller, die nun nicht im Verdacht stehen, für gewöhnlich Trash-Literatur auf Groschenroman-Niveau verfasst zu haben.  (1808). Und lesen Eltern hierzulande ihren Kindern nicht etwa Märchen wie „Hänsel und Gretel“ oder „Rotkäppchen“ vor, die Anfang des 19. Jahrhunderts verfasst wurden? Ist „Hänsel und Gretel“ nicht in gewisser Weise „Blair Witch Project 1.0“?

Sie sehen, das menschliche Verlangen nach Gewalt, es scheint so alt wie die Menschheit selbst. Steckt die Finsternis also in der menschlichen Seele?

Einer, dem man am ehesten zutraut, die Antwort auf solche bohrenden Fragen zu kennen, ist Horror-Altmeister Stephen King. Der Autor („Es“, „Shining“, „Friedhof der Kuscheltiere“) hat bisher mehr als 350 Millionen Bücher verkauft, die meisten davon wurden auch verfilmt. Und King schrieb in einem Essay zu dem Thema: „Ich glaube, wir sind alle geisteskrank. Die außerhalb der Anstalten können es nur ein bisschen besser verstecken. Nun ja, nicht viel besser.“

King sieht, wie der eine oder andere Psychologe auch, die Lust am Horror sowohl im Nervenkitzel begründet, als auch, und das ist überraschend, in einem Gefühl der Erleichterung, das einsetzt, sobald der Abspann läuft. Das Gefühl, überlebt zu haben, und in sichere Gefilde zurückgekehrt zu sein. Horrorfilme werden deshalb von Experten oft mit Achterbahnen verglichen: Man wird auf eine Fahrt mitgenommen, die sich gefährlich anfühlt, aber eigentlich doch sicher ist. „Wir beweisen uns, dass wir keine Angst haben, dass wir diese Achterbahn fahren können. Das heißt nicht, dass uns ein guter Horrorfilm ebenso wie eine Achterbahn nicht auch mal einen Schrei entlocken kann“, so King.

Es gibt verschiedene Techniken, die Horror-Filmemacher einsetzen, um uns eben jenen Schrei zu entlocken. Die einen setzen auf Ekel und Schockeffekte, die anderen versuchen uns mit subtiler Finesse das Fürchten zu lehren. Beide versuchen unsere primitivsten Ängste anzusprechen.  Die guten Horror-Filme haben zudem den Finger am Puls des Zeitgeistes. Sie halten der Gesellschaft den Spiegel vor, und lassen sie direkt in ihre eigene hässliche Fratze blicken. Die Macher haben ein Gefühl dafür, was die Menschen gerade besonders verängstigt. Und so hat jede Epoche ihr eigenes Sujet. In den Fünfziger Jahren etwa spielte die Angst vor Technik und Wissenschaft eine große Rolle, und so entstanden vor allem Science-Fiction-Horrorfilme. Und als in den späten Siebziger und Achtziger Jahren nicht nur der Körperkult Hochsaison hatte, sondern auch HIV, ein gesichtsloses Virus, das in konservativen Kreisen nicht selten als Geißel Gottes für ungezügeltes Sexualleben bezeichnet wurde, waren sogenannte Slasher-Filme populär: In diesen  quälten gesichtslose Serienkiller wie Jason („Freitag, der 13.“) oder Michael Myers („Halloween“) bevorzugt attraktive Teenager, die sich gerade ungeschützt und alkoholisiert ihren Trieben hingeben wollten. Der Tod als Bestrafung. Das Böse macht auch vor den weißen Vorstädten nicht Halt. Zur Strecke gebracht werden die bösen Buben dann oft von einer zugeknöpften Jungfrau, gespielt von Jamie Lee Curtis, die das gesellschaftliche Werteset der damaligen Zeit verkörpert.

Ebenso wie die Achterbahnen, stellt Stephen King fest, verlieren Horrorfilme mit zunehmendem Alter ihren Reiz. „Sie sind das Revier der Jungen“, meint King. -Jungen Menschen wird oft eingetrichtert, dass es falsch sei,  Grusel-Streifen zu schauen. Das Genre umweht der Reiz des Verbotenen – ähnlich wie bei Zigaretten oder Pornografie. Und Verbote sind immer verführerisch.

Zurück zu dem angesprochenen Gefühl der Erleichterung. Die US-Psychologie-Professorin Susan Burggraf führt dieses vor allem auf Empathie mit den Hauptdarstellern zurück. Man hat mit dem Protagonisten mitgefiebert und mitgelitten, am Ende freut man sich, dass ihm nichts passiert ist. Und sollte er doch zu Schaden gekommen sein, so geht man zumindest mit dem beruhigenden Gefühl nach Hause, dass in der eigenen Welt ja alles in Ordnung ist. Stephen King führt hingegen das Gefühl der Erleichterung nicht auf Empathie zurück, sondern auf die Tatsache, dass es einem Horrorfilme oder Bücher ermöglichen, zivilisatorischen Ballast abzuwerfen und für einen Moment wieder Kind zu werden: Man wird dazu aufgefordert, die Dinge ganz einfach nur Schwarz oder Weiß zu sehen. King: „So liefert der Horrorfilm psychische Erleichterung, weil die Einladung, sich in Einfachheit, Irrationalität und sogar ausgesprochener Verrücktheit zu verlieren, so selten ausgesprochen wird.“

Burggraf hat  außerdem beobachtet, dass sich Menschen, die sich gerade fürchten, in einer Art Erregungszustand befinden, die in positive Erregung umschlägt, sobald die Furcht verflogen ist. „Kuscheleffekt“ nennt sie das. Und der ist der Grund, weshalb sich das gemeinsame Anschauen von Horrorfilmen für Frischverliebte und deren erste Dates eigne.

Erleichterung und Kuscheleffekt setzen aber nur ein, wen man zu dem Gezeigten eine psychologische Distanz aufbauen kann. Das fanden die Forscher Jonathan Haidt, Clark McCauley und Paul Rozin heraus. Die drei Wissenschaftler zeigten im Jahr 1994 einer Gruppe eingefleischter Horror-Fans gruselige Video-Ausschnitte, die aber allesamt Reales zeigten: die Schlachtung von Tieren, oder auch Operationen in Nahaufnahme. Rund 90 Prozent der Probanden konnten sich das Video nicht bis zum Ende anschauen. Obwohl sie ja Schlimmeres gewohnt sein müssten durch ihren Horrorfilmkonsum. Die Wissenschaftler folgerten: So lange sich der Zuschauer dessen bewusst ist, dass es sich bei einem Horrorfilm um reine Fiktion handelt, fühlt er sich, als halte er die Zügel in der Hand, als habe er die Kontrolle, über das, was er da sieht. Nur dann kann er den Film auch genießen.

Die Frage bleibt trotzdem: Muss das alles sein? Geht es bei all dem nicht schlicht um eine Zelebrierung des schlechten Geschmacks? Ist Horror abseits des Kicks mit anschließender Erleichterung irgendwie sinnstiftend?

Der Horror-Autor Warren Ellis („Dead Pig Collector“) beantwortet das auf eine ganz interessante Art und Weise. Für ihn ist diese Art der Fiktion eine Kunstform, die es einem ermöglicht, wirkliche Phänomene aus einer Perspektive zu betrachten, die man in der Realität nicht einnehmen kann: von innen heraus. Und wenn man sich in dieser fiktiven Welt bewegt, kann man sich unangenehmen Wahrheiten nicht verschließen, wie man es in der Realität gerne tut. „Das ist der Grund, weshalb ‚Hannibal’ von Thomas Harris so gut funktioniert. Von drei grausamen Dingen, die man über ihn erfährt, kann man zu wenigstens einem eine eigene Verbindung herstellen. Und so lernen wir etwas über die Ursachen von Gewalt.“ Wallis sieht in der Fiktion einen Weg, die eigenen Monster zu studieren und ihnen die Fangzähne zu ziehen. „Wenn man gewalttätige Fiktion wegschließen würde, würden wir den Monstern und Ängsten unverdiente Macht und reichhaltigere Jagdgründe geben“, schreibt der Brite, und fügt dann hinzu: „Manchmal brauchen wir etwas Blut in unseren Augen, um die Dinge klarer zu sehen.“

 

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