Live: Nneka

Nneka (foto: benss)

Bei einem Nneka-Konzert geht es niemals nur um ihre – zugegebenermaßen – großartige Musik. Diese Mischung aus Soul, R&B, Rap und afrikanischen Rhythmen. Vielmehr ist das Ganze immer auch eine Art Kundgebung. Es geht um Politik, speziell die nigerianische. Um soziale Missstände. Den Hass in der Welt. Und wie man ihm begegnet: mit Liebe. Davon hatte auch das Publikum im restlos ausverkauften Heidelberger Karlstorbahnhof jede Menge für die 33-jährige Sängerin übrig.

Künstler, die mit besorgnisschwangerer Miene von den Problemen der Welt singen, und danach in ihren privaten Helikopter steigen, um von der Konzerthalle zurück zum Hotel zu gelangen, das kennt man ja. Gibt es ja zuhauf. Nneka ist da zum Glück anders. Wenn die Soul-Diva Probleme anspricht, dann weiß sie wovon sie da redet. Boko Haram, die politische Lage in Nigeria, Ebola, die Armut. Das alles scheint der Sängerin wirklich unter die Haut zu gehen. Es wirkt authentisch. Ehrlich. Gerade wenn man weiß, was sie abseits der Musik alles so treibt: 2012 gründet sie beispielsweise mit dem ehemaligen Kindersoldaten MC Ahmen Nyei (aka Genda) – der an diesem Abend in Heidelberg auch die Vorgruppe gibt – aus Sierra Leone die Wohltätigkeitsorganisation „Rope Foundation“, die  Kindern die Chance gibt, sich durch Kunst auszudrücken. Ihr letzter Workshop konzentrierte sich darauf, in der WAGA Foundation im Bo-Distrikt in Sierra Leone mit sexuell missbrauchten Frauen zu arbeiten. Verbittert wirkt die Künstlerin trotz all der Probleme, mit denen sie sich so den ganzen Tag lang befasst, aber keineswegs. Eher kämpferisch. Und auch ein bisschen abwartend hoffnungsvoll. Immerhin gab es ja in Nigeria gerade erst einen Präsidentschaftswechsel.

Leichte Kost, zumindest inhaltlich, sind Nneka-Songs also nicht. Es sind stets Geschichten mit einer Botschaft, die die Dame da auf der Bühne erzählt. Nehmen wir Nnekas neusten Arbeitsnachweis als Beispiel: „My Fairy Tales“,  ein Konzeptalbum, das sich mit dem Leben von Afrikanern in der Diaspora und ihren Sorgen und Nöten beschäftigt und dabei sowohl die positiven Seiten des Verliebens und das Verantwortungsbewusstsein gegenüber Kindern, als auch die Bedeutung von Kultur, Bildung und identitätsstiftenden Werten widmet. Mit der Uptempo-Reggae-Nummer „Book of Job“, dem Dub-Reggae-Song „Local Champion“, dem Reggae-House-Track „Pray for You“ und sehr persönlichen „My Love, My Love“ (eine Wahnsinnsnummer) hat Nneka gleich mehrere Titel aus dem neuen Machwerk im Gepäck. Und gerade letzterer, als Zugabe gespielt, sorgt für mächtig Stimmung in der Bude. Und das ist ja auch irgendwo ein Markenzeichen von Nneka. Schwere Kost tanzbar zu machen, durch Afrobeat und Roots Music beispielsweise.

Ihre Ansprachen zwischen den einzelnen Tracks hält die Gute übrigens ausschließlich auf Englisch. Obwohl sie ja viele Jahre lang in Deutschland lebte, in Hamburg, um genau zu sein und die Sprache eigentlich auch beherrscht. Geboren und aufgewachsen in Warri, im Bundesstaat Delta in Nigeria, zog sie im Alter von 19 Jahren in die Elbmetropole, wo sie sich an der Uni einschrieb, um Anthropologie zu studieren. Nebenher feilte sie an ihrer musikalischen Karriere. Mehrere Alben sind bereits erschienen. Ihr größter kommerzieller Erfolg: Die Single „Heartbeat“ aus dem zweiten Album „No Longer At Ease“ erreichte 2009 im UK die Top 20 und wurde daraufhin von Rita Ora für ihren UK-Nummer-1-Hit „R.I.P.“ gesamplet. Klar, dass auch dieser Song in Heidelberg nicht fehlen durfte.

Schön ist, dass Nneka mit ihren Botschaften zum Publikum auch durchzudringen scheint. Dafür spricht zumindest, dass man Konzertbesucher dabei belauschen konnte, wie sie über den afrikanischen Kontinent diskutierten – und über Nnekas Kniee. Aber das ist eine andere Geschichte – und die wird in der nächsten GHOST TRAIN-Folge erzählt.