Lady Gaga – Das Fame-Monster

Lady Gaga (wikipedia/van de mergel).

Was sind heute die Bedingungen für Ruhm? Wer diese Frage beantworten will, muss sich mit  Lady  Gaga beschäftigen. Niemand beherrscht Selbstinszenierung so gut wie die Ikone der Moderne. Wenn in wenigen Tagen ihr Album „Artpop“ erscheint, werden all jene Lügen gestraft, die schon den Nachruf auf die Künstlerin verfasst hatten.
Es ist gerade einmal vier Jahre her, da trauerte die Popwelt um ihren König. Michael Jackson, so hieß es, sei der Letzte seiner Art gewesen. Der letzte große Popstar. Nie wieder, so war zu lesen, würde die Berühmtheit eines Musikers vergleichbare Ausmaße annehmen.
Es dauerte nicht lange, da hatten sich die sogenannten Experten bereits korrigiert. Den Unkenrufen vom Ende des Musikbiz und des Popstars als solchen zum Trotz, hatte die Branche zwar keinen King mehr, dafür aber eine neue Queen:  Lady  Gaga.

Ihr Erfolg kam, wie in jedem guten Märchen, unerwartet. 2008 brach sich die  Gagamanie ihre Bahn. Damals katapultierten sie ihr Debütalbum „The Fame“ sowie ihre erste Single „Just Dance“ über Nacht in den Superstar-Status. „Poker Face“, „Paparazzi“, „Telephone“ – es schien kein Entrinnen mehr zu geben. Seither hat die Wahlblondine 24 Millionen Alben und 125 Millionen Singles verkauft und dabei fünf Emmys sowie 13 MTV Music Awards eingesackt. 2011 wurde sie vom Forbes-Magazin zur mächtigsten Frau der Welt gekürt.

Der Erfolg  Lady  Gagas ist nicht einfach nur über die Qualität ihrer Musik zu erklären. In der heutigen Zeit, in der die Musikindustrie regelmäßig über sinkende Verkaufszahlen jammert, greifen „Talent“ oder „Qualität“ als Erklärungsversuche zu kurz. Beides haben auch andere vorzuweisen. Was ist also ihr Erfolgsrezept?
Der Schlüssel zur Beantwortung dieser Frage liegt in  Gagas Fähigkeit, Kunst und Kommerz erfolgreich miteinander zu verbinden. Sie hat aus diesen beiden Komponenten eine perfekte Einheit erschaffen, ganz im Warhol’schen Verständnis. Das notwendige Rüstzeug hat sie sich angeeignet: Stefani Joanne Germanotta, so heißt  Gaga mit bürgerlichem Namen, hat in New York Kunst studiert, sich dabei eingehend mit Künstlern wie Spencer Tunick (bekannt für seine Nackt-Installationen) oder Damien Hirst beschäftigt. Sie bewegte sich in der Underground-Burlesque-Szene New Yorks und sammelte erste Bühnenerfahrung, indem sie zu Heavy Metal und Disco-Mucke strippte oder über Oralsex sang.
Als  Gaga schließlich ihren Plattenvertrag bei Interscope Records unterzeichnete, wurde ihre Kreativität in kommerziell erfolgversprechende Bahnen gelenkt. Zunächst trieb ihr das Label den Stripper-Look aus. „Ich trug Motorradjacken, knappe Höschen und sah aus wie David Lee Roths 80er-Jahre-Freundin“, witzelte  Gaga. Zwar habe das Label Wert darauf gelegt, dass  Gaga „sie selbst bleiben solle“, aber in einem Rahmen, der den Mainstream-Hörer doch noch zum Erwerb ihrer Platten anregen sollte. „Ich habe dafür ein Auge entwickelt und wurde gut darin, meine Ideen durch eine Pop-Linse zu kanalisieren“, so  Gaga.
Seither liegt  Gagas öffentlichem Auftreten eine klare Strategie zugrunde. Diese sieht vor, nicht nur massentauglichen Pop zu produzieren, sondern möglichst ständig im Gespräch zu bleiben.  Gaga gelingt dies durch geschickte Selbstinszenierung, der das Prinzip der Überraschung zugrunde liegt, dem die 27-Jährige unter allen Umständen treu bleibt: Auf jedem neuen Foto, das von ihr erscheint, sieht sie anders aus. Eine neue Frisur, ein neues Outfit, oft exzentrisch (Das Fleisch! Das Ei!) – das sorgt dafür, dass man bei  Gaga immer mindestens zweimal hinschaut. Das alles geschieht zu einer Zeit, in der gerade amerikanische Stars vergleichsweise langweilig, brav und angepasst wirken.  Gaga hingegen wirkt wie ein Star, „larger than life“, geheimnisvoll.

Obwohl sie durch diesen Kniff innovativ wirken will, scheut sie sich dabei nicht, in die Retrokiste zu greifen und sich Anleihen bei den ganz Großen (Bowie, Madonna, Mercury) zu suchen. Sie setzt die übernommenen Elemente einfach neu zusammen. Sie ist bereit, für die Leute zum Cartoon-Charakter zu werden, um wahrgenommen zu werden. Und wenn sich die Menschen den Mund darüber fusselig reden, ob sie nun einen Penis hat oder nicht, sei’s drum.
Es ist aufgrund ihres extrovertierten Inszenierungskonzepts kein Wunder, dass die  Gagamania zuerst in der Schwulen- und Lesbenszene um sich griff, dass es die Homosexuellen waren, die als erste zu ihren Konzerten strömten. Das hat sie mit Madonna gemein, mit der man  Gaga gerade in ihrer Anfangszeit häufiger verglich. Und Parallelen zwischen den beiden Künstlerinnen gibt es durchaus: Sex spielte bei beiden Sängerinnen als Marketing-Instrument eine besonders wichtige Rolle. Beide gelten als Ikonen der amerikanischen gay community.

Um sich Öffentlichkeit für ihre Inszenierungen zu verschaffen, ist  Lady  Gaga längst nicht auf die klassischen Medien angewiesen, obwohl diese sie ihr immer wieder bieten. In Zusammenhang mit  Lady  Gagas Ruhm und Ikonisierung spielen aber die sozialen Netzwerke eine größere Rolle. Die Sängerin beherrscht wie keine zweite das Spiel mit diesen Netzwerken. Ihren Fans, die sie „Little Monster“ nennt, vermittelt sie im Netz das Gefühl, Teil einer Bewegung zu sein. Mehr als 60 Millionen Anhänger hat die Dame bei Facebook, bei Twitter folgen ihr mehr als 40 Millionen Nutzer.
Über diese Netzwerke stillt  Gaga den zügellosen Appetit der digitalen Gesellschaft nach ständigen Updates und bewahrt dennoch das Geheimnisvolle, das sie umrankt. Während andere Prominenente sich auf Facebook oder Twitter viel zu authentisch (Boris Becker!) geben und mit jedem Tweet oder Post ihr eigenes Denkmal dekonstruieren, hat sie das Spiel verstanden: Kein Mensch braucht im Showgeschäft Authentizität.
Und so schien der Status  Lady  Gagas auf Jahre hinaus gefestigt. In den vergangenen Monaten kippte jedoch die Stimmung plötzlich. Die Musikkritiker, die  Gaga einst auf ihren Sockel gehievt und zur Ikone der Gegenwart erklärt hatten, versuchen nun, sie wieder von dort herunterzuschießen.  Lady  Gagas Zeit sei vorbei, ihre Charts-Dominanz schwinde, weil die neue Single „Applause“ nicht direkt auf Platz eins schoss, das neue Album „Artpop“, das am Freitag erscheint, sei sowieso nur Murks. Die neuen Stars hießen jetzt eben Katy Perry oder Miley Cyrus. Bei den MTV Music Awards 2013 stahl ihr Letztere auch wie zum Beweis die Show. Jeder sprach über die freche, versexte Performance des früheren Disney-Kinderstars. Kein Mensch interessierte sich für  Lady  Gagas Performance. Es schien wie eine Wachablösung. Und so wurden schon die ersten Nachrufe auf  Lady  Gaga verfasst. Jeder wollte der Erste sein, der das Denkmal wanken sah.
Die meisten von ihnen mussten sich mittlerweile zähneknirschend wieder korrigieren. Kürzlich war die  Lady in Berlin, um im Berghain ihr neues Album vorzustellen. Halbnackt und in Strapsen tanzte sie im Club durch die Menge, beantwortete freundlich und geduldig Fragen aus dem Publikum. Ein Comeback unter Menschen, sie wirkte wie ein Star zum Anfassen. Sie habe sich die Maskerade runtergerissen und sich gesagt „Okay, nun beweis’ ihnen, dass du auch ohne Verkleidung brillant sein kannst“, sagt  Gaga. Darum gehe es in „Artpop“ schließlich. Die Botschaft scheint anzukommen. „Selten hat man einen Popstar dieser Größenordnung so nah, so ehrlich, so ungestellt gesehen“, jubelte das deutsche „Rolling Stone“-Magazin über  Gagas Berlin-Besuch. Die  Lady ist zurück, und das mit einer neuen Facette: Nahbarkeit. Dass man diese neue Nähe nicht mit Authentizität verwechseln darf, sondern sie vielmehr eine neue Facette im  Gaga’schen Selbstinszenierungsrepertoire ist, dürfte außer Frage stehen.
Und all jene, die da unkten, dass nun nichts mehr Neues von ihr kommen könne, dass die Ideen der Sängerin jetzt doch ausgeschöpft sein müssten, wurden Lügen gestraft.  Gaga beweist, dass sie nach all den Jahren immer noch überraschen kann. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass sich ihr neues Album wieder gut verkaufen wird. Wenn auch vielleicht nicht so exorbitant gut wie die früheren Alben. Selbst Michael Jackson schaffte schließlich kein zweites „Thriller.“ Erfolgreich, das wird wohl niemand bestreiten, war er dennoch.

 

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