Gesichtsverlust: Stars hinter Masken

Daft Punk (foto: fabio venni/wikipedia).

Lady  Gaga postete jüngst mal wieder ein unheimliches Selbstportrait, auf dem sie eine weiße Papiermaske trägt. Madonna sorgte für öffentliche Erregung, als sie ein Foto von sich in Kettenmaske twitterte. Seit dem Daft-Punk-Hit „Get Lucky“ vergeht kein Monat, in dem nicht irgendein Star hinter der Maske verschwindet. Allerdings ist die Idee mit den versteckten Gesichtern nicht neu. Wir gehen diesem neuen, alten Trend auf die Spur.

Daft Punk sind schuld. Nicht nur, dass die Franzosen diesen Sommer mit ihrem Comeback-Hit „Get Lucky“ den längst tot geglaubten Disco-Sound wiederbelebten, nein, das Duo sorgte mit seinen Schutzhelmen und Roboterhänden auch dafür, dass Stars in Maskerade plötzlich wieder hip sind.

Jüngst postete die schrille Pop-Sängerin  Lady  Gaga ein unheimliches Selbstportrait, auf dem sie eine weiße Papiermaske trägt, die Erinnerungen an die Horrorfigur Michael Myers weckt. Und sie ist nicht der einzige Promi, der die Lust an der Maskierung für sich entdeckt hat. Erst im Juli sorgte Madonna für öffentliche Erregung, als sie unter dem Titel „The Revolution of Love is on … Inshallah“ ein Selbstbildnis mit Kettenmaske twitterte. Vielleicht als Kritik an der Unterdrückung des weiblichen Geschlechts in der islamischen Welt? Wer weiß. Erklärt hat sie es nicht, die Gute. Weniger Botschaft, mehr Busen lautete zweifellos die Idee der Sängerin Ke$ha, als sie sich im BH und mit einer Säbelzahntigermaske zeigte.
Für die Jüngeren unter uns, die in diesem Sommer zu „Get Lucky“ die Tanzflächen stürmten, ist es neu, das Spiel mit der Identität, das Verstecken und Unsichtbarwerden hinter der eigenen Musik. In Zeiten, in denen Hinz und Kunz in Casting-Shows ins Scheinwerferlicht drängen, fallen die, die es meiden, umso mehr auf.
Neu ist das Daft-Punk-Konzept aber nicht. Schon die Elektropop-Pioniere von Kraftwerk setzten in den 70ern dem Personen- und Starkult ihre entpersonalisierte Musik entgegen und wirkten mehr wie eine Maschine als eine Band aus Fleisch und Blut. Sie blieben hinter ihrer Musik im Schatten und gingen dabei so weit, zu Presseterminen Roboter oder Puppen zu schicken.
Ist die aktuelle Maskerade in der Popmusik also ein Gegenentwurf zum Personen- und Starkult, der seit Jahrzehnten das Geschäft bestimmt? Oder ist sie das Gegenteil, ein Ausdruck für Popmusik als Religionsersatz? Für letzteren Ansatz spricht die Tradition der Maskierung durch alle Epochen und Kulturen hinweg. Schon vor Tausenden von Jahren setzten sich Menschen zu Ritualen Masken auf. Mit dem Anlegen der Maske wechselte der Träger in eine andere Daseinsform: Hier sollten Gott oder Dämon nicht nur dargestellt werden, der Träger wurde selbst dazu.

Wie man die Maskierung von Musikern auch interpretieren mag, fest steht, dass sie aus den unterschiedlichsten Gründen zur Kostümierung greifen. Da wären zum einen die Avantgardisten, die irgendwann nicht mehr nur als Musiker, sondern lieber als Künstler wahrgenommen werden wollten. Das ging in den 60er-Jahren los, als die Beatles zu Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band wurden, und zog sich dann fort. Irgendwann landete David Bowie als Ziggy Stardust auf der Erde, Peter Gabriel sprach buchstäblich durch die Blume und Klaus Nomi ebnete den Weg für New Wave. Auffallend oft hat sich diese Künstler-Spezies beim asiatischen Kabuki-Theater bedient. Das Auge hört mit, lautete das Motto. Sie wussten damals nicht, dass sie der Generation MTV damit den Weg bereiteten.

Waren es bei den Avantgardisten meist nur Phasen ihres Schaffens, in denen sie kostümiert oder maskiert auftraten, sieht das bei den Metal- oder Rockbands anders aus. Hier bleiben die meisten Vertreter ihrer Maskerade von Anfang bis Ende treu. Zu ihnen gehört Lordi, die finnische Hard-Rock-Combo, die 2006 in Zombie- und Monster-Outfits den Eurovision Song Contest gewann. Oder die Heavy-Metal-Band Slipknot mit ihren Horrorfratzen, deren Texte immer wieder mit Amokläufen und Gewaltverbrechen in Verbindung gebracht werden. Ein weiterer Mann hinter der Maske ist der ehemalige Guns N’ Roses-Gitarrist Buckethead mit seinem ausdruckslosen weißen Halloween-Plastik-Gesicht, zu dem er einen leeren KFC-Eimer auf dem Kopf trägt. Was so bizarr aussieht, dass sich selbst der des Spießertums unverdächtige Ozzy Osbourne gegen eine Zusammenarbeit mit dem Top-Gitarristen entschied. Bei diesen Bands und Musikern ist die Maskerade vor allem zwecks Wiedererkennungseffekt wichtig, weniger wegen des künstlerischen Ausdrucks.

Der Übergang zu den Geschäftsmännern unter den Maskierten ist fließend. Und wer an maskierte Geschäftsmänner im Musikbiz denkt, denkt relativ schnell an die Hard Rocker von Kiss. Es gibt nur wenige Gruppen, die am Merchandising-Tresen so viel Geld verdient haben. Einmal, in den 80er-Jahren war das, da schienen die Leute genug von The Demon, Starchild und Co. zu haben. Kiss legten für ein paar Jahre ihre Verkleidung ab, merkten dann aber doch, dass sich mit der Kostümierung mehr Geld verdienen lässt, nachdem sie links und rechts von (damals) neuen Rockgruppen wie Guns N’ Roses, Bon Jovi oder Mötley Crüe überholt wurden. Seither sind die Großväter der Rock-Maskerade wieder „dressed for success“. Wie das aber kam, mit der Anpinselei? „Eigentlich nur, weil wir das spaßig fanden. Natürlich schockierten wir die Leute mit diesen wilden Farben im Gesicht. Aber wir lachten darüber. Und bekamen genau die Aufmerksamkeit, die wir wollten.“
Neben den Avantgardisten, den Rockern und Geschäftsmännern gibt es noch die Pragmatiker, bei denen die Maske einen Zweck abseits der Bühnen-Performance erfüllt. Die russische Punk-Rock-Combo Pussy Riot wäre da zu nennen, eigentlich mehr politische Aktivisten denn Kapelle, die hinter ihren grellen Skimasken den Schutz der Anonymität suchen. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg.
Zu den Pragmatikern kann man auch den deutschen Rapper Cro zählen, der seit ein paar Jahren mit Panda-Maske durch die Charts turnt. „Am Anfang mochte ich die Maske nicht. Ich wollte die nie aufsetzen. Ich dachte, man erstickt darunter. Die riecht halt nach Bier, Schweiß, Kotze und Rauch. Aber mittlerweile finde ich es ganz cool“, meint der Pandabär. Zum einen, so hört man, gehöre er zu denen, die abseits der Bühne nicht erkannt werden wollen. Die Maske als Anonymitätsgarantie – wäre da nicht dieses Internet. Inzwischen gibt es auf Tumblr schon eine beachtliche Sammlung der „Cro ohne Maske“-Bilder, bei Facebook soll er in einem Video ohne Tarnung zu sehen sein. Cro erklärte einst den Grund für sein Outfit so: „In Zeiten, in denen man bei Facebook alles bis zur Geburt hineinschreiben kann, ist es doch cool, wenn man nicht alles weiß. Und die Maske ist vielleicht auch für weibliche Fans schön, weil sie da hineindenken können, was sie wollen. Für die kann Cro alles und eben auch ihr Traumtyp sein.“ Die Maske als Projektionsfläche. Klingt alles schlüssig, wäre da nicht die Beliebigkeit in der Wahl der Maskierung. Warum ein Panda? Warum mit einem umgedrehten Kreuz verziert? Satanismus made in Stuttgart? Passt nicht zu den Gute-Laune-Texten des Rappers und ist nicht mehr als der Versuch, der Niedlichkeit der Panda-Maske etwas entgegenzusetzen.
Cro ist nicht der erste deutsche Barde, der auf das Konzept der Kostümierung setzt. Er hatte im eigenen Genre, dem deutschen Hip-Hop, mit Sido einen Vorreiter. Dieser unterscheidet sich zwar durch seinen aggressiven und provokanten Stil von Cro, hatte aber mit dem Pandamann eine Gemeinsamkeit: Auch seine Maske – ein Totenkopf – war bedeutungsarm. Mehr als ein kurzer Wow-Effekt war da nicht. Und warum man sich ausgerechnet im Hip-Hop, in dem Authentizität eine große Rolle spielt, hinter einer Maske versteckt, blieb auch ein Rätsel.
Noch gibt der Erfolg Cro und Konsorten jedoch Recht. Gefährlich wird es eigentlich nur, wenn die Maske irgendwann wichtiger ist als die Musik. Wenn die Relevanz flöten geht, sobald man sich abschminkt. Wie eben bei Kiss. Was aber wohl passiert, wenn Cro oder Daft Punk ihre wahren Gesichter zeigen? Sido hat ohne Maske noch Erfolg. Man kann seinen Nachfolgern nur wünschen, ebenso lucky zu bleiben.

Text: Benjamin Fiege

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