Fassbinder (Blu-Ray-Edition)

Fassbinder (foto: arthhaus)

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9 Studiocanal

9

Keine Frage: Rainer Werner Fassbinder war der bedeutendste Regisseur des Neuen Deutschen Films. Der Mann verfasste seine Drehbücher selbst und drehte mit großem Fleiß einen Film nach dem anderen. So hinterließ Fassbinder, obwohl er jung verstarb, mehr als 40 Streifen. Jetzt ist eine neue Blu-Ray-Edition erschienen, die seine fünf wichtigsten Werke umfasst.

Die Box enthält drei aufwendig restaurierte Blu-Ray-Premieren von „Fontane Effi Briest“, „Die Ehe der Maria Braun“ und „Lola“ sowie die bereits aufgemöbelten Filme „Welt am Draht“ und „Angst essen Seele auf“. Jede Menge Bonusmaterial – inklusive der 2015 erschienenen Dokumentation „Fassbinder“ – komplettiert die Werksammlung.

Zu den Filmen:

ANGST ESSEN SEELE AUF (1974)

Die verwitwete Putzfrau Emmi (Brigitte Mira) führt ein tristes Leben – bis sie den wesentlich jüngeren Gastarbeiter Ali (El Hedi ben Salem) kennen und lieben lernt. Aus ihrer Umgebung schlägt dem Paar unverhohlene Ablehnung entgegen. Doch erst als der äußere Druck nachlässt und Ali die Beziehung zu seiner früheren Geliebten Barbara auffrischt, gerät die Ehe in eine Krise.

Ein moderner Klassiker. Thematisiert werden hier die Missachtung von Minderheiten, Intoleranz und die Mechanismen sozialer Unterdrückung. Man sollte meinen, dass sich innerhalb der vergangenen vier Jahrzehnte doch so einiges getan hat in unserer Gesellschaft, aber der Plot von „Angst essen Seele auf“ könnte wohl heute noch so funktionieren. Emmi und Ali würden heute wohl noch auf ähnliche Reaktionen stoßen. Mehr als beklemmend.

FONTANE EFFI BRIEST (1974)

Die erst 17-jährige Effi Briest (Hanna Schygulla) wird mit dem deutlich älteren Baron Geert von Innstetten (Wolfgang Schenck) verheiratet. Doch ihre Ehe ist lieblos, da sich der Baron nur für seine Karriere interessiert und Effi keinerlei Zärtlichkeiten entgegenbringt. Um ihrem langweiligen Alltag zu entfliehen, beginnt Effi eine Beziehung zu dem verheirateten Freund ihres Mannes, Major Crampas (Ulli Lommel). Als sie mit von Innstetten nach Berlin zieht, endet die Liason. Sechs Jahre später findet der Baron zufällig Crampas‘ damalige Liebesbriefe und fordert den Major zum Duell …

Clever inszenierte Literaturadaption, die der Vorlage alle Ehre macht und sich auch recht streng nach ihr ausrichtet. Ohne die Vorlage zu kennen beziehungsweise auch gelesen zu haben, ist das Ding aber auch schwer verdaulich.

DIE EHE DER MARIA BRAUN (1978)

Nur einen Tag nach seiner Hochzeit mitten im Bombenhagel muss Hermann Braun  (Klaus Löwitsch) zurück an die Front. Der Krieg reißt alles mit sich, nur nicht Marias (Hanna Schygulla) Liebe zu Hermann. Selbst als der Krieg vorbei ist und Maria die Botschaft vom Tod ihres Mannes erreicht, beginnt sie zwar eine Liaison mit einem amerikanischen Alliierten, aber sie liebt ihn nicht. Als ihr Mann plötzlich auftaucht und beide in flagranti ertappt, kommt es zu einer Kurzschlusshandlung.

Während der Hochphase des Neuen Deutschen Films kam Fassbinder hier mit seinem wohl kommerziellsten, weil massentauglichsten Werk um die Ecke. Das nimmt aber von dem hohen künstlerischen Wert nichts weg. Kaum ein anderer Film spiegelte zu jener Zeit so gut deutsche Nachkriegsgeschichte. Zu Recht Fassbinders größter Erfolg (sowohl im Inland als auch im Ausland), an dem eine blendend aufgelegte Hanna Schygulla einen wesentlichen Anteil hat.

 

LOLA (1981)

Coburg 1957: Der neue Baudezernent, Herr von Bohm (Armin Mueller-Stahl), tritt in der Kleinstadt sein Amt an. Durch seine korrekte und unbestechliche Art wird er schnell unbeliebt in der allseits korrupten Gesellschaft, die sich gegenseitig die profitablen Happen des Wirtschaftswunders der Adenauer-Ära zuschiebt. In der Gemeinde herrscht der Baulöwe Schuckert (Mario Adorf). Treffpunkt der Honoratioren der Stadt ist seine „Villa Fink“, ein florierendes Bordell. Dort werden die geschäftlichen Beziehungen und Liebesdienste ausgehandelt. Star im Bordell ist die bezaubernde Marie-Luise (Barbara Sukowa), unter den Männern besser bekannt als Lola, die schärfste Hure der Stadt. Der hochmoralische von Bohm deckt Schuckerts Machenschaften auf und will die Wahrheit ans Licht bringen. Doch Schuckert weiß, wie er sich von Bohms Schweigen erkauft: Er verspricht ihm Lola …

Humor war Fassbinders Stärke normalerweise nicht, und so ist dieses recht vergnügliche, wunderbar fotografierte und zynische Stück schon eine gewisse Ausnahme im Schaffen des großen Mannes des Neuen Deutschen Films. Herrlich, wie Fassbinder hier die Doppelmoral der Adenauer-Ära aufs Korn nimmt. DDR-Star Armin Mueller-Stahl gibt hier sein Debüt im westdeutschen Film.

 

WELT AM DRAHT (1973)

Im Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung haben Wissenschaftler eine künstliche Welt erschaffen, die die reale imitiert. Nach dem überraschenden Ableben des Institutsleiters scheint seinem Nachfolger Fred Stiller (Klaus Löwitsch) das gleiche Schicksal zu ereilen. Denn auch Stiller muss feststellen, dass die Realität, in der er lebt, womöglich nur eine Simulation ist.

Man könnte den Streifen als gelungene Mischung aus Krimi, Abenteuerfilm und Dystopie begreifen, muss aber feststellen, dass dieser tief gehende, langsam erzählte Film seiner Zeit im Grunde weit voraus war. Er wirft die Frage nach der Existenz und der Wahrnehmung von Realität auf, wie es viele Jahre später auch „Matrix“ erfolgreich getan hat. Auch Videoüberwachung ist hier ein Thema, vor allem die Objektwerdung der Gefilmten, was „Welt am Draht“ auch heute noch relevant erscheinen lässt.

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