Es lebt! Die Geburtsstunde von Rock ’n‘ Heim

Es rockt. (foto: lozina)

 

Festivals gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Mit „Rock ’n‘ Heim“ feierte gerade eines seine Premiere. Anita Lozina war für uns dabei.

Staub. Auf der Kleidung, in den Schuhen, in den Augen, den Ohren, überall. Er steigt in die Luft, schlingt sich um tausende Körper und wird für die kommenden Tage deren zuverlässiger Begleiter. Es scheint fast so, als würde der Hockenheimring das Motto „The Rise of Rock ’n‘ Heim“ wörtlich nehmen und dabei helfen wollen, dieses Festival aus dem Boden zu stampfen. Nötig, indes, wäre es nicht.

Marek und Andre Lieberberg, die Köpfe hinter Rock am Ring, hatten zum Rock ’n‘ Heim gerufen – und 40.000 Zuschauer kamen. Ein anständiges Ergebnis zur Geburtstunde. Dafür dürfte das beeindruckende Line-up gesorgt haben: System of a Down, Nine Inch Nails, Deftones, Tenacious D, Die Ärzte, Volbeat, Franz Ferdinand, Seed, Kraftklub, Casper und viele mehr, alle an einem Wochenende – das zieht. Wenn auch offenbar nicht allzu weit weg, wie man den überwiegend badischen, kurpfälzischen, schwäbischen und ähnlich gearteten Dialektfärbungen der Besucher entnehmen konnte. Sei’s drum.

Die, die da waren, erlebten beim Deftones-Konzert einen fantastisch übermütigen Sänger Chino, der wild über die Bühne (und darüber hinaus) tobte, sowie ein intensives Spiel der Band – nicht nur dann, wenn sie einen Song ihrem verstorbenen Bassisten Chi Cheng widmete.  Sie wurden Zeugen eines kleinen Wutausbruchs von Trent Reznor, der mit dem Mikro auf die Lautsprecher eindrosch, weil bei dem Auftritt seiner Band Nine Inch Nails die Tonqualität zu wünschen übrig ließ, der aber dennoch eine wahnsinnig starke, perfekt inszenierte Show ablieferte. Sie lachten sich schlapp, als Tenacious D einen Film zeigten, komplett auf Deutsch, mit Jack Black und Kyle Gass in den Hauptrollen – und natürlich in höchstem Maße homoerotischen Verzwickungen. Sie erlebten einen routinierten Auftritt der Ärzte, schwächelnd in der Mitte, aber mit genügend Hits in petto, um so oder so eine gute Show abzuliefern. Und sie wunderten sich über einen kuriosen Auftritt von Bonaparte, durchzogen von bunten Kostümen, (halb-)nackten Tatsachen, Robotern und, öhm, Aerobic, wieso auch immer.

Die Geburtswehen sah man Rock ’n‘ Heim dennoch deutlich an. Nicht nur bei Nine Inch Nails schwächelte der Sound, auch andere Bands wurden davon nicht verschont – wobei aber, immerhin, oft schon nach einer kurzen Neujustierung die Abmischung wieder akzeptabel war.  Auch die Organisation ließ an so manchen Stellen zu wünschen übrig: Die Wege waren weit, sowohl zu den meisten Campingplätzen als auch zum Shuttlebus. Apropos Wege: Diese waren schlecht oder gar nicht ausgeschildert, den richtigen Weg zu finden entwickelte sich oft zur Odyssee, so mancher Trampelpfad führte ins Nirvana und die Mitarbeiter vor Ort waren zwar durch die Bank nett, aber leider auch keine große Hilfe. Ach ja, und Toiletten, von denen gab es auch nicht genug.

Alles ärgerlich, alles stark verbesserungswürdig. Und dennoch: Kinderkrankheiten. Geschenkt. Denn die Stimmung, die war da, dazu ein ordentlich durchgemischtes Publikum, überall gute Musik und  ein bisschen Hippie-Feeling in der Sonne, im Staub und am letzten Tag im Regen. „Wenn in zehn Jahren das Rock ’n‘ Heim-Jubiläum feiert, werdet ihr sagen können, ich war beim ersten Mal dabei“, rufen Kraftklub am letzten Abend ihrem jubelnden Publikum zu. Sie könnten damit recht behalten.

Text: Anita Lozina

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