Boston

Boston (foto: studiocanal)

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7 Studiocanal

7

How soon is too soon? Nur drei Jahre nach dem Anschlag auf den Boston-Marathon legt Regisseur Peter Berg mit „Boston“ (im Original: „Patriot’s Day“) die Verfilmung der schrecklichen Ereignisse vor, die sich ebenso wie der 11. September 2001 tief ins kollektive amerikanische Gedächtnis eingegraben haben. Der Streifen – mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle – liegt nun fürs Heimkino vor.

Ein ohrenbetäubender Knall. Stille. Entsetzen. Blut auf dem Asphalt. Abgetrennte Gliedmaßen. Schreiende Kinder. Wimmernde Menschen. Und dann: eine zweite Explosion. Panik. Traumatisierte Polizisten. Tränen.

Es sind drastische Bilder, mit denen Regisseur Berg den Anschlag auf den Boston Marathon von 2013 nachzeichnet. Nicht das erste Mal, dass sich der Mann für seine Filme realer Ereignisse bedient. Und es ist nicht das erste Mal, dass ihm Mark Wahlberg, selbst aus Boston stammend, dabei zur Seite steht. Schon bei „Lone Survivor“, bei der es um die fehlgeschlagene Navy-Seal-Mission von 2005 ging, die zum Ziel hatte, einen hochrangigen Taliban-Führer zu töten, und „Deepwater Horizon“, bei dem es um den Blowout der gleichnamigen Ölbohrplattform vor der Küste Louisanas ging, machten die beiden gemeinsame Sache.

Alle drei Filme haben eines gemeinsam: Die historischen Ereignisse, um die es hier geht, lagen zum Zeitpunkt der Dreharbeiten noch nicht allzu lange zurück. Klar, da schwingt dann immer eine moralische Frage mit: Darf man das? Ist das nicht zu früh? Immerhin dürften die Bilder die Angehörigen der Opfer oder jene, die selbst an diesem Tag in Boston waren, immer noch quälen. Die Frage, ob man sich einen solchen Film reinziehen will, muss da letztlich jeder für sich selbst beantworten. Fest steht: Man kann als Filmemacher mit einem solchen Projekt gehörig auf die Schnauze fallen, wenn man nicht den richtigen Ton trifft.

Peter Berg trifft den richtigen Ton. Er macht aus diesem amerikanischen Trauma keinen tumben Action-Reißer, sondern eine Mixtur aus Drama und Thriller. Die Opfer bekommen ein Gesicht. Die Helden, jene Polizisten und Agenten, die bei der Jagd auf die beiden Terroristen Tamerlan und Dzhokhar Tsarnaev ihr Leben auf Spiel setzten, werden in ihrer Verletzlichkeit gezeigt, in ihrer Traumatisierung, in ihrem Menschsein.

Berg und Wahlberg liefern hier eine Ode an Boston ab. Einen Film, der den Geist dieser Stadt an der Ostküste mit ihren sehr speziellen Bewohnern feiert. Ihren Gemeinsinn. Und so bemühen sich die Filmemacher auch um Authentizität. Immer wieder werden reale Bilder der Katastrophe in den Film geschnitten. Wenig begreiflich ist es da, dass ausgerechnet die Hauptfigur, der von Wahlberg verkörperte Polizist Tommy Saunders, frei erfunden ist. Seine Figur dient als eine Art fiktive Personifizierung der inneren Stärke Bostons. Schade. Hier haben die Filmemacher verpasst, den echten Helden ein Denkmal zu setzen.

Streitbar ist auch die Darstellung von Katherine Russell, der Witwe eines der beiden Boston-Bomber. Berg lädt ihre Figur mit jeder Menge Mitschuld auf, porträtiert sie gar als Mitwisserin und als eine, die am Ende nicht mit den Behörden kooperieren wollte. Hier lehnt sich Berg weit aus dem Fenster, wurde Russell doch nie eines Verbrechens angeklagt. Gegenüber dem „Boston Magazine“ hat ihr Anwalt ihrer Darstellung im Film heftig widersprochen – der damals ermittelnde FBI-Agent Richard DesLauriers jedoch nicht.

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Fazit: Geht unter die Haut, Berg nimmt sich hier aber kreative Freiheiten.

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