The Beat: Die Spice Girls und der Feminismus

Spice Girls (foto: wikimedia/eric mutrie)
Spice Girls (foto: wikimedia/eric mutrie)

„If you wanna be my lover …“ – 20 Jahre ist her, seit die Spice Girls mit „Wannabe“ ihren Durchbruch schafften. Nun soll es ein Comeback geben. Fakt ist: Ein Girl-Power-Revival ist in Zeiten von Bachelor & Co. nötiger denn je.

Mitte der 90er schienen wir im Begriff, die Tuttifruttisierung der Frau zu überwinden. Dafür zeichneten unter anderem Musikerinnen verantwortlich, die eine moderne, achselhaarrasierte Form des Feminismus vorlebten. Speerspitzen dieser neofeministischen Idee waren die Spice Girls, die diesen Ansatz in einer einzigen Zeile ihres Über-Hits „Wannabe“ treffend zusammenfassten: „Yo, I’ll tell you what I want, what I really, really want.“
Es ist heute kaum noch vorstellbar, mit welcher brachialen Intensität Geri, Mel B, Emma, Mel C und Victoria damals ihren Eindruck im Pop hinterließen. „Wannabe“ schoss in mehr als 30 Ländern auf Platz eins der Charts. An das ikonische Musikvideo erinnert man sich noch heute. „Es war, als jage man Pippi Langstrumpf in fünffacher, sehr britischer Ausführung durch ein feines Hotel“, schrieb der „Musikexpress“ unlängst in einem Plädoyer für die Spice Girls, um dann nachzuschieben: „Natürlich war Pippi längst erwachsen geworden und trug Plateauschuhe und bauchfreie Tops.“

Die Welt lag dem Quintett zwischen 1996 und 1998, ehe Geri sich vom Acker machte, zu Füßen. Die Mädchen waren einfach überall. Im Fernsehen, im Radio, auf den Titelblättern von Zeitungen und Magazinen. Und das nicht nur im Vereinigten Königreich, sondern weltweit. Die Spice Girls machten Werbung für Pepsi und Deoroller. Kurzum: Sie waren ein globales Phänomen. Und jeder wollte und durfte beim Ritt auf der Erfolgswelle dabei sein und sich im Glanz der Girl Group sonnen: Bond-Darsteller Roger Moore und Elton John übernahmen kleine Parts im Spice-Girls-Kinofilm, der in seiner Machart beinahe schon anmaßend an „A Hard Day’s Night“ von den Beatles erinnerte. Prince Charles durften die Mädels sogar in den königlichen Allerwertesten zwicken. Und selbst Nelson Mandela outete sich als Fan der Band. All das, obwohl die Damen weder besonders gut singen oder tanzen konnten, gerne auch mal ungehobelt und zickig waren – und vor allem eines: zusammengecastet. Und doch: Die Message, die Sporty, Baby, Ginger, Posh und Scary in ihrer Uneinheitlichkeit in die Kinder- und Jugendzimmer hinausriefen: Sei wie du willst!
Vielen auf den ersten Blick seicht anmutenden Pop-Songs der Band wohnte eine Version dieser Botschaft inne. In „2 Become 1“ feierte die Gruppe die selbstbestimmte weibliche Sexualität („I need some love like I never needed love before. I had a little love, now I’m back for more“), frei von jeglichem Slut-Shaming, und predigte darüber hinaus Safer Sex („Be a little bit wiser baby, put it on, put it on… Cause tonight is the night when two become one.“). In „Wannabe“ propagierten die Spice Girls das unbedingte Festhalten an Frauen-Freundschaften: „If you wanna be my lover, you gotta get with my friends.“ Eine Frauen-Freundschaft, so das von der Band auch durch ihr öffentliches Auftreten verbreitete Ideal, sollte positiv und unterstützend sein, von Solidarität und nicht von Konkurrenz geprägt. Girl Power und Sisterhood, das war die Botschaft. „Auch wenn du einen kurzen Rock trägst und ein Paar Titten hast, darfst du trotzdem sagen, was immer du willst“, sagte Emma (Baby Spice) damals in einem Interview.

 

Und doch nahm man die Band in ihrer Hochphase nie so richtig ernst. Die Kritiker verlachten die Spice Girls, sprachen ihnen jegliches Talent ab. Viele Feministinnen jener Zeit standen mit den Fab Five auf Kriegsfuß, sie befürchteten durch die Spice Girls eine Disneyfizierung, eine Über-Simplifizierung und Kommerzialisierung ihres Anliegens. Ihrer Bewegung. Sie unterstellten ihnen Heuchelei, zumal mit Manager Simon Fuller ein Mann im Hintergrund die Strippen zog. Die „Independent“-Kolumnistin Grace Dent beispielsweise ätzte dereinst: „Jedem Studenten, der diesen Die-Spice-Girls-haben-dem-Feminismus-geholfen-Quatsch in einer Dissertation verbreitet, sollte die Arbeit geschreddert werden. Außerdem sollte er auf seiner Abschlussfeier eine Eselsmütze tragen.“ Let’s agree to disagree. Liest man sich durch entsprechende Blogs von jungen Frauen, stellt man fest: Für viele von ihnen waren die Spice Girls die Einstiegsdroge in den Feminismus.

Und seien wir ehrlich, nach den Spice Girls kam nichts Vergleichbares mehr. Ihre Fußstapfen waren für nachfolgende Girl Groups zu groß, der Musikmarkt legte den Fokus schnell auf sexy Solo-Sängerinnen wie Britney Spears oder Christina Aguilera, die dann irgendwann eben Beyoncé, Lady Gaga oder Taylor Swift hießen. Filmkritiker Roger Ebert, der nach Ansehen des Spice-Girls-Films noch meinte, man könne die einzelnen Mitglieder der Band gefahrlos durch jede andere Britin unter 30 ersetzen, die in der Schlange bei Dunkin’ Donuts steht, lag falsch: Auf ihre Weise waren die Spice Girls einzigartig.
Nun, 2016, stehen die Spice Girls wohl vor einer Reunion – anlässlich des 20. Jubiläums ihres großen Durchbruchs. Mindestens eine Tour ist geplant, so hört man. Scheitern könnte es noch an Victoria Beckham. Die 41-Jährige ist mittlerweile erfolgreiche Mode-Designerin und Mama und hat, wie sie über einen Sprecher ausrichten ließ, wenig Interesse an einer Rückkehr auf die Bühne. Schon 2012, nachdem die Spice Girls sich zu einem gemeinsamen Auftritt bei den Olympischen Spielen in London überreden ließen, sagte sie: „Ich werde es nie wieder machen. Bei den Olympischen Spielen aufzutreten, war eine großartige Ehre. Ich war so stolz darauf. Das war die perfekte Zeit, zu sagen: Das ist großartig. Danke an alle, aber jetzt ist Schluss. Manchmal muss man wissen, wann es Zeit ist, die Party zu verlassen.“
Unklar ist, ob die Girl Group die Reunion unvollständig anpacken wird. Es würde auf jeden Fall ein kommerzieller Erfolg werden, so viel ist sicher. Um die „Girl Power“-Botschaft unters ganz junge Volk zu bringen, dazu taugen die Damen wohl allerdings nicht mehr. Die Teenager von heute müssen sich neue Heldinnen suchen. Am besten welche, die nie auf die Idee kämen, beim „Bachelor“ mitzumachen. In den Taylor Swifts („Ich denke nicht an solche Themen wie Jungs gegen Mädchen“) oder Rihannas dieser Welt werden sie wohl nicht fündig werden.