Neu im Bücherregal: Ali Eskandarian – Die goldenen Jahre

Das Cover (foto: berlin verlag)
Das Cover (foto: berlin verlag)

Posthum veröffentlicht, nachdem der Autor und Singer-Songwriter Ali Eskandarian 2013 ermordet wurde, verhandelt der vorliegende autobiografische Roman „Die goldenen Jahre“ die vergeblichen Anstrengungen, es in der New Yorker Musikszene zu etwas zu bringen. Ein Buch über Liebe, Sex, Freundschaft, Musik, illegale Substanzen und Brooklyn kurz vor dem Sell-Out. Kurzum: ein literarisches Testament.

Es ist die Geschichte eines armen, iranisch-amerikanischen jungen Mannes, der um die Jahrtausendwende seinen Traum von einer Musikkarriere verfolgt, umnebelt von Drogen, Sex und Alkohol. Eine Geschichte, die einen an sich schon packt – und die einen umso stärkeren Effekt hat, wenn man weiß, welch tragisches Schicksal den Autor ereilte: Ali Eskandarian fiel am 11. November 2013 in einem Apartment in Brooklyn einem Amoklauf zum Opfer. Mit ihm starben zwei weitere Mitglieder der Punk-Band The Yellow Dogs. Der Mörder richtete sich selbst. Alle vier Männer waren Exil-Iraner.

Geblieben sind Eskandarians Musik und dieser Roman, den er kurz zuvor einem Freund anvertraut hatte. Ali war zum Zeitpunkt seines Todes in seinen Mitt-Dreißigern und hatte rund ein Jahrzehnt damit vebummelt, den Durchbruch zu schaffen. In den letzten Jahren seines Lebens hatte er an dem Manuskript zu „Die goldenen Jahre“ gearbeitet. Ein Beat-Roman, den man durchaus mit Hunter S. Thompsons „Fear and Loathing in Las Vegas“ oder Jack Kerouacs „Unterwegs“ vergleichen kann – und diesen in nichts nachsteht. Oder mit dem genialen Film „Inside Llewyn Davis“ der Coen-Brüder.

„Die goldenen Jahre“ erzählt intensiv und emotional, beinahe poetisch, aber auch sehr schonungslos, von Alis Kindheit im Iran, seiner Auswanderung in die Vereinigten Staaten und dem Versuch, dort eine Karriere zu starten. Wobei Karriere ein sehr hochgegriffenes Wort ist. Immerhin muss sich Eskandarian zwischen einzelnen Tourneen damit über Wasser halten, dass er kellnert oder in einem Pfannkuchen-Restaurant jobbt. Mal zieht er Koks-Linien mit einem Milliardär, dann wiederum ist er zu arm, um sich etwas zu Essen leisten zu können. New York bezeichnet er in einem Abgesang als Sodom und Gomorra, auf dessen „Fleischpisten“ zahllose „Unabhängigkeitskämpfer und Nymphen mit halbsynthetischen Seelen, Armen, Beinen, Mösen, Schwänzen und lutschbereiten Mündern, mit zinngepanzerten Herzen, die Nervengifte ausspien“ wandeln. Glamour sieht anders aus.

Es mag zwar kein schillerndes Leben gewesen sein, dass Ali geführt hat, aber es war ein aufregendes. Ein Tanz auf der Rasierklinge. Mit ein paar Kumpels haust Eskandarian in einem leerstehenden Fabrikgebäude in Brooklyn. Sie feiern zusammen, teilen sich Drogen und Frauen – und vor allem machen sie gemeinsam Musik. Kunst als das ultimativ Erstrebenswerte, als Mittel zur Selbstbestätigung und Selbstvergewisserung in einem Leben, das sonst vor allem aus Lastern besteht. Es geht um Einsamkeit, die Lust und die Qual eines Lebens am Limit, zumal immer wieder durchscheint, dass Ali weiß, dass das Leben eigentlich doch mehr zu bieten hat. Der aber vielleicht auch wusste, dass ihm das Leben nie mehr bieten würde. Denn beinahe schon gruselig mutet an, wie dieses Buch auf seinen letzten Metern plötzlich in einen Nachruf auf das eigene Sein zu kippen scheint, als hätte Eskandarian von seinem baldigen Tod geahnt: „Weißt du noch, wie du die Venus angefleht hast, näher zu kommen und ihren Schleier abzulegen? Der Lagunennebel hat dich früher zu sich gerufen. (…)  Du bist irdisch und trägst das Göttliche in dir wie alle anderen auch. Also fürchte dich nicht, vergib dir selbst und bleibe verrückt. Das Licht wartet nicht am Ende des Tunnels, es leuchtet immer und überall.“

Lesezeichen

Ali Eskandarian: Die goldenen Jahre, 208 S., Berlin, 20 Euro, ISBN 978-3-8270-1266-1.