Interview: Jupiter Jones

Jupiter Jones (foto: marco böhm)
Jupiter Jones (foto: marco böhm)

Unser Mitarbeiter Marco Böhm traf sich kürzlich mit Jupiter Jones zum Interview – und hatte eine Überraschung im Gepäck: eine Karikatur der Band aus der Feder des Street-Art-Künstlers Holger Klein. Die war schließlich ein großes, aber nicht das einzige Thema. Es ging um die Arbeit am neuen Album, den Respekt des neuen Frontmanns vor dem größten Hit der Band und den medialen Umgang mit der Flüchtlingsthematik.

„Moin, Holle, alte Säule“, begrüßte ich Holger Klein, als ich ihn zufällig an der Westküste traf. Na ja, um ehrlich zu sein sagte ich: „Hallo, Holger, schön dich zu sehen.“ Aber wenn sich zwei Kreativschaffende treffen, erwartet irgendwie jeder immer einen geheimen Handschlag oder zumindest eine hippe Begrüßung. Der nächste Satz stimmte auf Anhieb: „Schöner Artikel in der Zeitung über dich.“ Holger lächelte verschmitzt, wie er es immer tat. Holger Klein ist, zumindest für mich, aber auch für viele andere Norddeutsche, so etwas wie ein Street-Art-Wunderkind. Egal, ob er Tätowiernadel, Pinsel, Fasermaler oder Spraydose in die Hand nimmt, es entsteht daraus etwas Lebendiges und Berührendes – oder schlicht: Kunst. Die auch mal etwas mit Musik zu tun hat. „Ich habe ein paar Mal gesehen, dass du Karikaturen von Jupiter Jones gepostet hast, ich habe ein Interview mit den Jungs. Soll ich eine Zeichnung von dir zum Unterscheiben mitnehmen?“ Gesagt, getan.

Kurz vorgespult: Es ist der 3. Oktober und ich sitze, samt Holger Kleins extra für dieses Interview angefertigten Karikatur in einem plüschigen Sofa eines plüschigen Vorzimmers im Berliner Nobelhotel Adlon. Anlass: das „Festival der Einheit“, das Coca-Cola vor dem Brandenburger Tor zum 25. Geburtstag der Wiedervereinigung organisiert hatte. Mit einer Million Besucher und einer Handvoll namhafter Acts. Hinter der schweren Konferenztür sitzen Jupiter Jones. Schnelldurchgang der Bandgeschichte: 2002 Gründung der Band auf einer Party; 2004 erstes Album bei eigenem Label; 2010 Vertrag beim Major-Label Columbia Berlin; 2011 das Album „Jupiter Jones“ mit „Still“; Achterbahnfahrt durch Charts, Festivals und Medien; 2014 Abbruch aller Tourtermine des neuen Albums und Sänger Nicholas Müller verlässt die Band wegen Angststörungen; der befreundete Sänger Sven Lauer ersetzt ihn; 2014 Bundesvision Song Contest 2. Platz; 2015 Festivaltour und ‚Festival der Einheit‘.

Zeit fürs Interview.

„Ich komme nur mit diesem schwarzen Block“, sagte ich und zeigte mein nicht mehr zeitgemäßes Journalistenequipment, „und dieser Zeichnung von Holger Klein für euch.“ Sofort war das Eis gebrochen. Auch wenn ich direkt unwichtig wurde, fokussierte die gesamte Band ihre Aufmerksamkeit auf das Bild. Sätze wie „Wie geil ist das denn?“, „Ich sehe aus, wie aus den Lucky-Luke-Comics“ oder „Ich finde, dass Marco zu jung wegkommt“ fielen.

Bei dieser intensiven Rückmeldung zum Bild fange ich einfach mit der Frage an, die mir Holger Klein für euch mitgegeben hat: Von der Scheibe „Raum um Raum“ (2004) bis zum kommerziellen Durchbruch „Jupiter Jones“ (2011) hatten eure Alben stets eine künstlerisch wertvolle, herausstechende Optik. Wer von euch ist mehr für das Abstrakte, das Grafische, Fantasy oder Street-Art? Wer hat das Gespür für Kunst und Grafik und sagt, was auf das Cover soll?

Marco Hontheim: „Ich glaube, dass jeder von uns auf unterschiedliche Artworks abfährt. Ein Artwork kann einen flashen, wenn es einfach und simpel gehalten ist. Es kann aber auch flashen, wenn es total detailverliebt ist und man eine halbe Stunde auf das Vinyl-Cover guckt und immer noch Kleinigkeiten entdeckt. Ich denke, dass wir nicht festgelegt sind, jedoch vereint Sascha unsere unterschiedlichen Geschmäcker sehr stilvoll miteinander.“

Sascha Eigner: „Ich arbeite mit den jeweiligen Künstlern für Platten-Cover zusammen. Gemeinsam besprechen wir die Konzepte, pflegen Ideen ein, wie das Artwork aussehen soll und in welche Richtung es gehen soll. Im späteren Prozess geht es dann um Detailfragen wie Farbgebung, Schriftzug und tausend andere Sachen, die man gemeinsam besprechen muss. Das ist mein Bereich.“

Jupiter Jones (karikatur: holger klein)

Jupiter Jones (karikatur: holger klein)

Ihr seid ja im Sommer 2015 ordentlich herumgetourt und habt viele Festivals mitgenommen. Kommt jetzt die Zeit für eine kleine Winterpause oder läuft die Maschine noch ohne Fehlzündungen und es geht hinter den Kulissen weiter?

Andreas Becker: „Noch während der Festivals hat schon unsere Arbeit im Studio für das nächste Album begonnen. Die Aufnahmen sind seit ein paar Wochen fertig. Aktuell befinden wir uns in der Mix-Phase. In der öffentlichen Wahrnehmung ist es jetzt zum Herbst schon ruhiger um die Band geworden. Im Hintergrund machen wir aber ständig `was – in Winterschlaf verfallen wir nie.“

Sascha Eigner: „Ein Album vorzubereiten dauert einfach auch viele Monate. Am 20. Juli haben wir mit den Aufnahmen zur neuen Platte begonnen und waren trotzdem den ganzen Sommer unterwegs. Das war auch so gewollt, damit wir am Wochenende `mal aus dem Studio rausgekommen sind, uns den Kopf mit Konzerten freigepustet haben und wieder mit frischem Wind und neuer Energie zum Arbeiten und Aufnehmen ins Studio zurückkehren konnten. Jetzt ist die Festivalsaison beendet. Wir machen das heutige Konzert beim ‚Festival der Einheit‘ noch als letzten großen Gig in diesem Jahr und dann geht es sofort mit den Vorbereitungen für das nächste Album weiter.“


Bei ‚frischem Wind‘ fällt mir sofort Sven ein – euer Sänger, der jetzt seit etwa einem Jahr dabei ist. Wenn man sich Fotos anguckt, macht ihr mehr Quatsch, die Atmosphäre wirkt gelöster und entspannter. Nehmt ihr das auch mit ins Studio und in eure neuen Songs? Wandelt sich Jupiter Jones von melancholischen Balladen zu reinem Punk-Rock?

Marco Hontheim: „Klar, wenn ein Bandmitglied geht und ein neues kommt, ändert sich etwas im Bandgefüge. In den ersten Sets, die wir mit Sven gespielt haben, haben wir jede Menge positive Energie gespürt. Wir hatten auf der Bühne mega-viel Spaß und das Feedback von den Leuten war grandios. Man kann schon sagen, dass wir es ins Studio mitgenommen haben und es trägt einen noch immer. Es fühlt sich momentan so gut an und jeder hat eine riesige Menge ‚Saft in den Knochen‘.“

Sven Lauer: „Trotzdem ist es wichtig, dass die Melancholie auch in die neuen Sachen transportiert wird. Die Melancholie war ein Grund, warum ich die Band immer gut fand. Als langjähriger Freund von Sascha und Marco durfte ich die Band von Anfang an miterleben. Diese Melancholie, mal musikalisch, mal textlich, war mir als Hörer immer wichtig. Diese Anteile werden sich auch, trotz allem Punk-Rock und aller Power auf dem nächsten Album wiederfinden.“

Jupiter Jones (foto: marco böhm)

Jupiter Jones (foto: marco böhm)

‘Still‘ ist im Radio noch immer in der Rotation und ist ein bisschen euer ‚Nothing Else Matters‘. Wenn euer Bandname fällt, dann wird auch fast immer der Song erwähnt. Nervt es euch manchmal, vielleicht besonders, wenn die ‚Teenies‘ euch in eine Schublade mit ‚Andreas Bourani‘ werfen, weil ihr ‚auch so ruhige Sachen macht‘?
Sascha Eigner: „Nein. Mich nervt es überhaupt nicht. Ich finde es sogar super, dass so eine Band wie wir, die eigentlich eine Rock-Band ist – und hauptsächlich live Rock-Songs performt, auf Radio-Festivals spielen kann, wo Andreas Bourani, Mark Forster und die ganzen Pop-Kollegen auftreten. Wenn wir dann dort auflaufen und unser Rock-Programm abfeuern, fällt einigen schon die Kinnlade runter. Dadurch haben wir einen gewissen Outlaw-Status und es ist super, dass die Band trotzdem auf solchen Festivals stattfinden kann. ‚Still‘ hat natürlich einen großen Anteil daran, dass wir die Einladungen zu Radio-Festivals erhalten. Deshalb wäre es Jammern auf unglaublich hohem Niveau, wenn wir uns beschweren würden, dass wir den Song schon so oft gespielt haben. Ich bin froh, dass der Song als eine Art Katalysator fungiert, der uns ermöglicht auch die anderen Facetten der Band zeigen zu können. Wir bekommen zudem vom Radio-Festival-Publikum regelmäßig Rückmeldungen, dass sie einfach Bock auf die Musik haben.“

Sven Lauer: „Ich spiele den Song auch sehr gerne, wobei er für mich die größte Baustelle war. Viele kennen die Band nur durch den Song. Das ist jedes Mal für mich eine neue Herausforderung, da die Leute die Stimme von Niki (Nicholas Müller – Anm. d. Autors) kennen und meine natürlich anders klingt. Aber es gibt immer mal wieder Leute, die nach dem Konzert zu mir kommen und zeigen, dass sie sehr berührt sind. Sie sagen dann, dass sie es sich nicht vorstellen konnten, doch obwohl es in meiner Gesangsversion anders ist, würde es ihnen auch gefallen. Das ist für einen so großen Song, den jeder im Radio gehört hat, ein fettes Kompliment.“

Andreas Becker: „Wir haben einfach Spaß an dem Song; Der berührt uns tatsächlich immer noch. Diesbezüglich haben wir wirklich Glück. Denn wir hätten ein echtes Problem, wenn sich der Song für uns abgenudelt hätte und wir vor jedem Konzert überlegten: ‚Müssen wir den jetzt spielen‘… Aber, wir haben einfach Bock darauf und das ist super.“

Jupiter Jones (foto: marco böhm)

Jupiter Jones (foto: marco böhm)

 

Letzte Frage, zum ‚Festival der Einheit‘. Kommt jetzt die ‚Neue Deutsche Einheit‘ auf uns zu: Ost-Nahost-West? Ist die Flüchtlingswelle die nächste große Aufgabe des Zusammenwachsens oder ist alles nur mediale Panikmache und hat dadurch radikalem Gedankengut Tor und Tür geöffnet?

Sascha Eigner: „Für mich ist das eine totale mediale Panikmache. Es ist eine Unart der Medien, in den letzten Jahren, alles immer zu einem Medienhype aufzubauschen. Hier ist für ein paar Monate Griechenland an der Reihe – ‚der Euro bricht zusammen‘, ‚Europa verfällt in Krieg‘, ‚die Welt geht unter‘ – dann ist VW an der Reihe und Griechenland vergessen und kein Mensch kümmert sich darum, was mit Griechenland ist. Danach sind die Flüchtlinge dran… Es ist einfach ein riesengroßes Medienspektakel, das mich so kolossal nervt. Die Medienmaschinerie ist vielleicht schneller und bricht gewaltiger herein, aber es ist nichts Neues was wir gerade erleben. Es gibt einen Song auf unserem neuen Album, der thematisiert genau das Motiv und ist inspiriert durch einen Film aus den 1970er Jahren ‚Angst essen Seele auf‘. In dem Film geht es um Gastarbeiter, die zu der Zeit aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind und die Angstmacherei, die von den Medien und ‚Gutbürgern‘ verbreitet wurde. Es sind dieselben Parolen – ‚die nehmen uns die Arbeit weg‘, ‚die passen gar nicht in unsere Kultur‘ – die noch immer funktionieren. Und es ist schlicht verpasst worden eine vernünftige Integration auf die Reihe zu bekommen, was bis heute nachwirkt. Man denkt ja, aus den Fehlern der Geschichte und Vergangenheit lernt der Mensch, aber das Gleiche fängt schon wieder an. Es ist nur noch eine einzige große, mediale Hetze.“

Sven Lauer: „Gerade die schlingernde ‚Anti-Stimmung‘ der Politik wird gerne medial aufgenommen. Diese Kombination schürt natürlich im Volk ein ungutes Grundgefühl – und das ist extrem gefährlich.“

Marco Hontheim: „Teile der großen Medien sollten sich wirklich schämen. Die haben einen ganz anderen Auftrag als ihre Macht zu nutzen, um reißerische Überschiften zu generieren und damit Stimmung zu erzeugen. Die Medien könnten ebenso Aufbauendes bewirken, aber in Deutschland ist es immer dasselbe: Sobald jemand versucht, etwas Positives zu erreichen, bekommt er so viel medialen Gegenwind und muss so viel Scheiße über sich ergehen lassen, dass die Energie aufgebraucht ist. Das ist ein ganz schlimmer Vorgang. Dagegen funktioniert Furcht schüren bei der Bevölkerung immer. Sobald man Angst streut, springen die Leute darauf an und glauben daran – eben ‚Angst essen Seele auf‘.“