Neu im Bücherregal: Chimamanda Ngozi Adichie – Americanah: Gnadenlos brillant

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Chimamanda Ngozi Adichie ist eine Kämpferin. Eine, die sich ärgert. Über Ungerechtigkeit. Den alltäglichen Rassismus. Und diesem Ärger macht sich die gefeierte nigerianische Schriftstellerin, die  teils in den USA lebt,  in ihrem neuen Roman „Americanah“ auf brillante Art und Weise Luft.Chimamanda Ngozi Adichie wurde seit ihrem Erstlingswerk „Purple Hibiscus“ (2003) dermaßen mit Preisen und Lob überhäuft, dass das Tamtam naturgemäß groß ist, wenn die Autorin etwas nachlegt. Das ist zur Veröffentlichung ihres neuesten Romans nicht anders, und glücklicherweise enttäuscht Adichie auch diesmal die Erwartungen nicht.

„Americanah“ ist die Geschichte der jungen  Ifemelu, die es zwecks Studium (Princeton!) in die  Vereinigten Staaten verschlagen hat, ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wie sie es aus dem Fernsehen kennt.  Dafür muss sie nicht nur ihr Heimatland, das von Armut und Korruption gebeutelte Nigeria, zurücklassen, sondern auch ihre große Liebe, Obinze.

Ihr neues Leben verläuft, nach kleineren Startschwierigkeiten, auf der anderen Seite des großen Teichs zunächst verheißungsvoll. Ein bisschen Sehnsucht nach der alten Heimat ist zwar da, aber sie hat einen Job, sogar ein Stipendium. Und einen neuen Mann: Curt, der aus einer reichen Ostküstenfamilie stammt.

Nach und nach spürt Ifemelu aber, was da in diesem Land, in dem vermeintlich Milch und Honig fließen, gesellschaftlich unter der Oberfläche gärt. Das öffentliche Leben, merkt sie, ist von Rassismus geprägt. Erstmals wird ihr ihre eigene Hautfarbe bewusst, die bis dato ja die Norm und nichts Besonderes war. Ifemelu thematisiert die Rassenunterschiede in ihrem  Blog, der extrem erfolgreich  wird, weil sie darin eine völlig neue Perspektive einnimmt. Sie ist zwar eine Schwarze, aber nicht in den USA  und ihrer Rassen-Hierarchie aufgewachsen und hat deshalb gleichzeitig den Blick von  innen und außen. Sie ist eine, die erst langsam lernt, dass es für den Amerikaner als solchen einen Unterschied macht, ob jemand milchkaffeebraun oder dunkelschwarz ist.   Eine teure romantische Komödie, in der eine „schokoladenfarbige Frau“ die Hauptrolle spielt, würde dieser sich wohl nicht ansehen.

Obinze hat es  derweil nach London gezogen. Allerdings hält er sich illegal dort auf. Dummerweise wird er von den Behörden just in dem Moment geschnappt, als er sich zum Standesamt aufmacht, um durch eine Scheinehe legal in England bleiben zu können. Obinze wird abgeschoben.

In Nigeria treffen Ifemelu und Obinze letztlich nach vielen Jahren wieder aufeinander. Vieles hat sich verändert …

„Americanah“ basiert zum großen Teil auf eigenen Erfahrungen der Autorin. Chimamanda Ngozi Adichie  wurde in Lagos in Nigeria geboren, fing dort ein Medizinstudium an, verließ aber mit 19 Jahren das Land, um in den USA Kommunikationswissenschaften zu studieren. Heute lebt die mittlerweile 36-jährige Schriftstellerin teils in Nigeria und teils in den Staaten.

In den USA, so sagte Ngozi Adichie kürzlich in einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“, „wären viele Schwarze tatsächlich lieber weiß, weil es ihnen das Leben unendlich erleichtern würde. Schwarz zu sein bedeutet in diesem Land, täglich mit Vorurteilen konfrontiert zu werden.“ Immer wieder würde man als Schwarze(r) im vermeintlichen kulturellen Schmelztiegel mit „Faulheit, Verlogenheit und Verbrechen assoziiert. Und das Tragische ist, dass sie gar nichts anderes erwarten. Hier atmen Schwarze und Weiße das Rassenbewusstsein mit der Luft ein.“

Dass das eben Amerika sei, dass man dort eben so tue, als würde man bestimmte Dinge nicht bemerken – das erklärt ein Freund Ifemelu  nach deren Ankunft in den USA. Das genau ist Adichies Sache nicht. „Wenn du in liberalen Kreisen in den USA über Rassismus redest“, sagte Adichie der „Zeit“, „musst du es immer so tun, dass sich keiner unwohl dabei fühlt. Dann ist es okay. Und wenn du einen Roman über Rassismus schreibst, dann bitte auf die Marcel-Proust-Art, also so, dass das Thema möglichst ambivalent erscheint. Wenn du zu direkt über Rassismus schreibst, giltst du als zornig, und es heißt, du würdest überreagieren.“

Gnadenlos deckt Adichie auf, mit welcher Ignoranz, welch Überlegenheitsgefühl und auch Furcht der liberale weiße Amerikaner dem Schwarzen begegnet, und bringt all das in eleganten, ja,  brillanten Worten, maskiert in einer Liebesgeschichte,  zu Papier. Und so überrascht es nicht, dass es dieses Buch an die Spitze der Bestenliste der New York Times im Jahr 2013  geschafft hat – und bereits den National Book Critics Circle Award bekommen hat.

Lesezeichen: Roman, Aus dem Englischen von Anette Grube, 608 Seiten, gebunden,  S. FISCHER Verlag

Text: Benjamin Fiege

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